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"Was hast du hinter dir gelassen?" – Stimmen aus dem vergessenen Krieg im Jemen

PlayJournalistin und Schriftstellerin Bushra al-Maktari
"Was hast du hinter dir gelassen?" – Stimmen aus dem vergessenen Krieg im Jemen | Video verfügbar bis 29.03.2021 | Bild: Lina Malers

Über den Krieg im Jemen, der seit fünf Jahren das Land bestimmt, wird hierzulande kaum berichtet. Es ist ein vergessener Krieg. Jetzt gibt es eine Stimme aus dem Jemen, die uns vom Leben und Sterben unter Luftangriffen und Granaten-Beschuss erzählt. Die Journalistin und Schriftstellerin Bushra al-Maktari ist unter Lebensgefahr zwei Jahre durchs Land gereist und hat Protokolle mit über 400 Überlebenden geführt. Sie hat sie gefragt nach dem Verlust ihrer Angehörigen – oft sind es Kinder – und nach dem Alltag im Krieg. "Was hast du hinter dir gelassen?" heißt ihr Buch.

Ein Krieg ohne Aussicht auf ein Ende

Sanaa – die Hauptstadt des Jemens
Sanaa – die Hauptstadt des Jemens | Bild: Das Erste

Es war einmal eine Stadt, die als die älteste bewohnte Stadt der Menschheit gilt: Sanaa. Älter als der Islam soll sie sein. UNESCO-Weltkulturerbe. Sanaa – das heißt zu deutsch: Die Befestigte. Es waren immer nur kurze Momente des Friedens, die die Menschen hier erlebt haben. Heute ist Sanaa ein Schlachtfeld. Seit 5 Jahren tobt ein Krieg im Jemen, den keiner versteht. Ein Krieg in dem es keine Sieger gibt und keine Aussicht auf ein Ende. Und es gibt kaum jemanden, der uns von diesem Krieg erzählt – was er für die Menschen bedeutet.

Über 40 Protokolle vom täglichen Sterben

Bushra al-Maktari ist 41 Jahre alt, Journalistin und Schriftstellerin. Zwei Jahre lang ist sie durchs Land gereist und hat mit über 400 Menschen gesprochen, die ihre Angehörigen verloren haben: ihre Frauen, ihre Männer und ihre Kinder. Oft war Stromausfall, wenn sie an dem Buch arbeitete. Im Vorwort notiert sie: "Jetzt schreibe ich wieder im Kerzenschein, wie damals, zu Kriegsbeginn. Das Dröhnen der Explosionen schwillt an, die Fenster meiner Wohnung klirren."

Krieg im Jemen
Im Jemen herrscht seit fünf Jahren Krieg. | Bild: Das Erste

Über 40 Protokolle vom täglichen Sterben in diesem Krieg vereint das Buch. Die Liste der Toten, die darin beweint werden, ist lang. Viele von ihnen sind Kinder. Zuerst erschien das Buch auf Arabisch. Die Nahost-Korrespondentin der "Neuen Züricher Zeitung" Monika Bolliger wurde darauf aufmerksam. Sie traf sich mit Bushra al-Maktari, übersetzte zwei Kapitel des Buches – und so fand es den Weg nach Deutschland. "Ich wollte Bushra al-Maktari unbedingt kennenlernen. Ich habe sie auf den ersten Blick als sehr zierliche und liebenswürdige Frau wahrgenommen, die aber auch – man hat schnell gemerkt – einen sehr starken Willen hat und sehr entschlossen ist. Wenn sie etwas will, dann kämpft sie dafür.", erzählt Monika Bolliger.

Bushra al-Maktari reiste zwei Jahre durch den Jemen

Für die Gespräche zu ihrem Buch ist Bushra al-Maktari quer durch Jemen gefahren, immer wieder hat sie Checkpoints und die Front überquert, um mit jenen zu reden, denen der Krieg ihre Familien genommen hat. Im Buch kommt zum Beispiel Munira zu Wort: Mutter von 4 Kindern. Eine Rakete ist in ihr Wohnhaus eingeschlagen. Ihre beiden Töchter kamen dabei ums Leben. Buchzitat: "Das Licht meines Lebens ist verloschen. Finsternis umgibt mich. In dieser Finsternis höre ich die Stimmen meiner Töchter."

Journalistin und Schriftstellerin Bushra al-Maktari
Journalistin und Schriftstellerin Bushra al-Maktari im Jemen | Bild: Das Erste

"Das Buch ist ein Versuch, die Opfer zum Sprechen zu bringen, ihnen eine Stimme zu geben. Damit die Welt diese Stimmen hören kann. Ich wollte den Schmerz der Opfer dokumentieren – nicht mit Zahlen, sondern indem sie über ihr Leid erzählen.", so Bushra al-Maktari. Kurz nach Kriegsbeginn beschossen Milizen das Haus von Azzija. Dabei kamen zahllose Verwandte, ihre beiden Töchter und ihr 11-jähriger Sohn Hamza ums Leben. Buchzitat: "Ich blieb zurück zwischen all den Leichen und war selbst auch wie tot. Danach wurde alles still. Schlafen kann ich gar nicht mehr. Ich befinde mich im immer gleichen, verängstigten Wachzustand."

Das Buch – wie ein Rufen von Verschütteten

Nahost-Korrespondentin Monika Bolliger
Nahost-Korrespondentin Monika Bolliger  | Bild: Das Erste

Das Buch von Bushra al-Maktari ist wie ein Rufen von Verschütteten, die die Welt vergessen hat, die niemand hört, denen niemand hilft. Vom Jemen kommt keiner hierher nach Europa. Es gibt keine Fluchtrouten – weder übers Meer noch über Land. Die Menschen sind gefangen im Krieg. "Das ist vielleicht zynisch: Aber die Europäer interessieren sich offenbar vor allem für jene Länder, aus denen Flüchtlinge kommen. Und die Jemeniten, die schaffen es gar nicht nach Europa. Und deswegen scheint das vielen Leute auch irgendwie weit weg.", so Monika Bolliger.

Die Bilder, die beim Lesen dieses Buches im Kopf entstehen hinterlassen tiefere Spuren als Nachrichtenbilder. Das macht dieses Buch so wichtig – weil wir beginnen, Notiz zu nehmen, was dort passiert. Ein Helfer, der nach einem der Raketenangriffe Tote aus den Trümmern holte, gab in dem Buch zu Protokoll: "Es ist nicht so wie bei den Bildern von Kriegen und Massakern, die im Fernsehen oder im Netz zu sehen sind. Diese realen Bilder meißeln einem das Grauen in den Schädel."

Für Bushra al-Maktari waren die Treffen für dieses Buch vielleicht die härteste Zeit, mit der sie je konfrontiert war. Aber seit Beginn des Krieges musste sie sich an Grausamkeit und Leid gewöhnen. Und so konnte sie den Geschichten und dem Schmerz der Menschen folgen.

Stimmen eines Krieges
Das Buch versucht Opfern des Krieges eine Stimme zu geben.  | Bild: Das Erste

Von knapp 30 Millionen Menschen im Jemen brauchen nach jahrelangem Krieg 80 Prozent Hilfe zum Überleben – Zelte, Medikamente, Lebensmittel. Wenn in diesem Land jetzt das Virus ausbricht, dann wäre das ein Krieg im Krieg. Bushra al-Maktari erinnert uns mit ihrem Buch daran, dass es ihr Land überhaupt gibt – und was dort geschieht.

Autor: Ulf Kalkreuth

Weitere Informationen:
Buch: Bushra al-Maktari „Was hast du hinter dir gelassen?“
Econ Verlag (auch als E-Book)

Stand: 29.03.2020 19:42 Uhr

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Rundfunk Berlin-Brandenburg
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