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Eine Abrechnung mit dem "Wahnsinn Kreuzfahrt"

PlayKreuzfahrtschiff vor Venedig
"Wahnsinn Kreuzfahrt" | Video verfügbar bis 17.03.2020 | Bild: dpa

Wer sich auf eins der modernen Riesen-Kreuzfahrtschiffe begibt, der braucht eigentlich gar nicht mehr losfahren. Es gibt dort die Welt auf 15 oder 20 Decks – Restaurants mit Essen aus aller Herren Länder, Shopping-Malls, Discos, Kletterwände, mehrstöckige Poolrutschen, Fitness-Center und demnächst wird ein Schiff mit Achterbahn vom Stapel laufen. Das Leben auf so einem Schiff ist nach innen gerichtet – das Meer und die Orte, wo die schwimmenden Urlaubsburgen anlegen, werden zur Nebensache.

Als "Alptraum- und Monsterschiffe" bezeichnet der Buchautor Wolfgang Meyer-Hentrich in seinem Buch "Wahnsinn Kreuzfahrt" die neuen Riesen-Schiffe. In Dubrovnik, der kleinen kroatischen Hafenstadt an der Adria, legen manchmal bis zu acht Schiffe zur gleichen Zeit an. Dann strömen Tausende Touristen ins UNESCO-Weltkulturerbe Dubrovnik, sie zücken ihre Selfie-Sticks, machen ein paar Bilder, vermüllen die Stadt mit Starbucks-Kaffeebechern und sind nach ein paar Stunden wieder weg. Dieser Art von "Urlaub und Tourismus" haben Städte wie Dubrovnik jetzt den Kampf angesagt. Der Bürgermeister der Stadt will nur noch zwei Schiffe zugleich erlauben und die Liegegebühren drastisch erhöhen. Die Frage ist, ob er und seine Kollegen in Venedig, Barcelona und Amsterdam den Kampf gegen die global agierenden Kreuzfahrtgesellschaften gewinnen können und ihre Städte vor den modernen Kreuzfahrern wirklich retten können.

Vom Traumschiff zu gigantischen Schrottbergen

Die indische Küstenstadt Alang
Die indische Küstenstadt Alang  | Bild: Das Erste

Erzählen wir die Geschichte von ihrem Ende her: Alang ist eine indische Küstenstadt. Hier befindet sich die weltweit größte Abwrackwerft für Kreuzfahrtschiffe. Hier enden die Traumschiffe in einem Alptraum aus verdrecktem Öl, giftigen Dämpfen und gigantischen Schrottbergen. Die Ärmsten der Armen zerlegen ungeschützt in lebensgefährlichen Billigjobs die schwimmenden Urlaubsfabriken des Massentourismus.

Aber vor dem Abwracken herrscht organisierter Ausnahmezustand an Bord: Unterhaltungskünstler wie Udo Lindenberg, deren Karrieren auf der Zielgeraden sind, sorgen für Animation auf theatergroßen Partydecks. Es gibt Themenrestaurants, Cocktailbars, Shopping-Malls, Poolrutschen und natürlich: Schlager. Wozu also noch auslaufen in die Ferne? Man hat die schöne Welt von heute doch schon an Bord!

Eine Abrechnung mit der modernen Art des Urlaubs

Buchautor Wolfgang Meyer-Hentrich
Buchautor Wolfgang Meyer-Hentrich | Bild: Das Erste

"Alptraum- und Monsterschiffe" nennt der Autor des Buches "Wahnsinn Kreuzfahrt" seine Abrechnung mit dieser modernen Art von "Urlaub". "Der Kreuzfahrttourismus ist in vielen Städten zu einer Plage geworden, weil die Touristen die angestammte Bevölkerung verdrängen. Und es gibt natürlich einerseits das Recht auf Freizügigkeit und auf Reisen, auf der anderen Seite gibt es aber auch das Recht der Bevölkerung auf Erhaltung ihrer Lebensräume", so der Buchautor Wolfgang Meyer-Hentrich.

Dubrovnik und der Kreuzfahrttourismus

Kreuzfahrttourismus in Dubrovnik
Kreuzfahrttourismus in Dubrovnik | Bild: Das Erste

Einer dieser bedrohten Lebensräume ist die kleine kroatische Hafenstadt Dubrovnik. Die gesamte Altstadt ist UNESCO-Weltkulturerbe. Eine der am besten erhaltenen Wehranlagen der Welt. Es ist Mitte März, noch weht ein kühler Wind die dalmatinische Küste herunter, in Kürze geht die Saison los. Die wenigen verbliebenen Einwohner der Altstadt bereiten sich gerade auf die Invasion der Kreuzfahrer vor. "Der Tourismus hier war außer Kontrolle. Die Massen waren überall. Die Kreuzfahrtschiffe sind ohne Plan gekommen. Manchmal zehn Schiffe auf einmal, 2000 Leute pro Schiff kamen zugleich in die Stadt. Das war Massentourismus", erzählt der Bürgermeister von Dubrovnik Mato Franković.

Hrvoje Kulušić
Stellvertretender Generalmanager des Hafens von Dubrovnik Hrvoje Kulušić | Bild: Das Erste

Dieser Ansturm macht das Leben für die Einheimischen unerträglich. Sie wohnen mehrheitlich heute außerhalb der Stadtmauern. Hrvoje Kulušić ist der stellvertretende Generalmanager des Hafens. Er wurde vor 50 Jahren in Dubrovnik geboren, er mag die Stadt immer noch, aber viele seiner Bekannten und Freunde sind aus der Altstadt geflohen – nicht, ohne vorher mit den Touristen ihren Schnitt zu machen – und mit den Immobilienhaien, die ihnen folgten. "Eine Menge Leute, die ich aus der Altstadt kenne sind weg, weil es für sie einfacher war, zu gehen. Sie vermieten oder verkaufen ihre Wohnungen an die Touristen – damit haben sie auch schlicht ihre Einkommen aufgebessert",  berichtet Hrvoje Kulušić.

Negative Kosten-Nutzen-Bilanz für Städte

Wenn dann die schwimmenden Rummelplätze vor Anker gehen, läuft immer dasselbe Programm ab: Die Innenstädte werden geflutet, die Selfie-Sticks gezückt und die Kaffeebecher landen in den Straßen. Anschließend nach zwei Stunden: Rückkehr aufs Schiff. Die Städte zahlen drauf bei dieser Art "Tourismus". "Die Kosten-Nutzen-Bilanz ist negativ. Die Touristen, die dort ankommen verzehren wenig, die verbrauchen wenig, weil sie ja an Bord rundum versorgt werden. Und nirgendwo zahlen Kreuzfahrtgesellschaften Steuern. Insofern ist dieses Kreuzfahrtgeschäft tatsächlich in weiten Strecken parasitär gegenüber den Ankunftsorten", führt Wolfgang Meyer-Hentrich an.

Bürgermeister von Dubrovnik Mato Franković
Bürgermeister von Dubrovnik Mato Franković  | Bild: Das Erste

Diesem Parasitentum hat der Bürgermeister von Dubrovnik jetzt den Kampf angesagt. Ab diesem Sommer dürfen nur noch zwei Schiffe zur selben Zeit anlegen. Und sie sollen zukünftig länger bleiben. "Es wird sehr sehr teuer für sie werden, wenn ein Schiff in Dubrovnik nur für vier Stunden anlegt! Was kann man denn mitkriegen in so einer kurzen Zeit von einer Stadt – nichts! Der Preis für solche Kurzaufenthalte wird zehn mal teurer als bislang", so Bürgermeister Franković.

Dubrovnik will nachhaltigen Tourismus

Dubrovnik will weniger Schiffe und Passagiere und dafür nachhaltigen Tourismus. Aus dem Aufenthalt soll ein Kulturerlebnis werden. Die Stadt erhofft sich davon erträgliche Verhältnisse – und Gewinn.

Während sich das kleine Dubrovnik gegen die Kreuzfahrtschiffe stemmt, werden weltweit neue gebaut – 100 davon laufen in den nächsten fünf Jahren vom Stapel. Und China baut Superschiffe für 10.000 Passagiere. "Sorry, aber die können nicht nach Dubrovnik kommen – das ist unsere klare Botschaft an die Kreuzfahrt-Industrie", so Bürgermeister Franković.

Die Weltkulturerbe-Stadt Dubrovnik
Die Weltkulturerbe-Stadt Dubrovnik  | Bild: Das Erste

Die Weltkulturerbe-Stadt Dubrovnik steht unter Druck: Von den Kreuzfahrtgesellschaften und von der UNESCO, die mit dem Entzug des Titels drohte, falls der Massenansturm nicht gestoppt wird. Es scheint, dass Dubrovnik die richtigen Konsequenzen zieht: Die Stadtverwaltung arbeitet mit der UNESCO zusammen. Und Dubrovnik und die Regierung von Kroatien haben nicht denselben Fehler gemacht wie die Italiener, die den Hafen von Venedig verkauft haben – an die Kreuzfahrt-Industrie.

Autor: Ulf Kalkreuth

Stand: 10.07.2019 11:37 Uhr

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Rundfunk Berlin-Brandenburg
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