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Wiedereröffnung des Jüdischen Museums

PlayJüisches Museum Berlin
Wiedereröffnung des Jüdischen Museums | Video verfügbar bis 23.08.2021 | Bild: Jüdisches Museum Berlin / Roman März

In dieser Woche wird die neue Dauerausstellung im Jüdische Museum in Berlin eröffnet. Die multimedial angelegte Schau versammelt zahlreiche Objekte, die der 1926 in Berlin geborene und 1937 emigrierte Rudi Leavor dem Museum gestiftet hat. "ttt" spricht mit ihm und der neuen Direktorin des Hauses Hetty Berg über das neugestaltete Jüdische Museum – und die Herausforderung, die diese Aufgabe mit sich bringt.

Dauerausstellung im Jüdischen Museum

Das digitale Familienalbum der Familie Librowicz
Das digitale Familienalbum der Familie Librowicz | Bild: Das Erste

Eine beeindruckende und raumgreifende Installation in der neuen Dauerausstellung: Tausende von antijüdischen Gesetzen und Verordnungen, der bürokratisch organisierte, zunehmend ungebremste Hass auf die Juden in Deutschland, seit 1933. Die Familie des Zahnarztes Hans Librowicz aus Berlin-Schmargendorf. Der Sohn, Rudi ist heute 94 Jahre alt und lebt im englischen Bradford – wo gerade wieder Lockdown ist. Nie vergisst er den Moment des Abschieds auf dem Bahnhof, 1937, als die Familie emigriert. "Ich war elfeinhalb. Auf dem Bahnhof waren dann ungefähr 50 Bekannte. Und als der Zug sich langsam in Bewegung setzte, winkten 50 Taschentücher, um zu verabschieden. Das war ein sehr ergreifender Eindruck. Und ich wusste nun, dass wir wahrscheinlich diese Leute nie wieder sehen würden", erzählt Rudi Leavor.

Besondere Exponate aus Familienbesitz

Tora-Rolle der Familie Librowicz
Tora-Rolle der Familie Librowicz

Bedeutende Exponate in der Ausstellung stammen von Rudi Leavor. Für die neue Direktorin des Museums, die Niederländerin Hetty Berg, sind seine Stiftungen ein Glücksfall, ein riesiges Geschenk. Das digitale Familienalbum. Die Librowicz waren fromm, kulturliebend, bürgerlich etabliert – wie so viele jüdische Familien vor der Katastrophe. An der Tora-Rolle, geschrieben für des Vaters Bar Mizwa, benutzt bei der eigenen, hängt Rudi Leavor’s Herz. Und doch gab er sie her, für das Museum. "So ein Familienstück ist schon ganz speziell, und das ist nicht selbstverständlich, dass sie das wieder zurückgeben, wo sie weggegangen, geflüchtet sind", sagt Hetty Berg, Direktorin des Jüdischen Museums. "Glücklicherweise konnten wir diese Tora-Rolle mit uns nehmen, als wir auswanderten. Ich hatte eigentlich niemals daran gedacht, dass die Tora-Rolle aus der Familie herauskommt, aber endlich hatte ich mich doch entschieden, sie dem Jüdischen Museum zu geben. Ich muss dazu sagen, ich wäre sehr gern zur Ausstellung gekommen, jetzt vor ein paar Tagen, aber das Virus hat mir da einen Strich durch die Rechnung gezogen", sagt Rudi Leavor.

"Nie wieder Deutschland"

Rudi Leavor, Stifter
Rudi Leavor, Stifter | Bild: Das Erste

Die Monstrosität des Verbrechens, in nackten Zahlen. "Nie wieder Deutschland" heißt es in der Familie Librowicz. Doch Rudi Leavor, inzwischen Vorsitzender der jüdischen Gemeinde in Bradford, fährt zur Eröffnung des Jüdischen Museums 2001. Er findet das Land der Mörder verändert vor. Und doch hat Antisemitismus jetzt gerade wieder Rückenwind. "The Jews killed Christ. Die Juden haben Jesus gekreuzigt. Ich sage aber: Das stimmt nicht. Die Römer haben Jesus gekreuzigt. So haben die Juden seit 2000 Jahren Antisemitismus gelitten, ohne Grund mussten sie das Kreuz tragen, wenn ich das so sagen kann. Es gab schon immer Antisemitismus, der wird nicht ausgerottet“, so Rudi Leavor weiter.

Meinungsfreiheit und Unabhängigkeit in der Museumsarbeit

Hetty Berg, Direktorin des Jüdischen Museums
Hetty Berg, Direktorin des Jüdischen Museums | Bild: Das Erste

Jüdische Tradition und deutsche Kultur: Vieles von dem, was einmal fest zusammengehörte, ist für immer verloren. Und doch entsteht Neues. "Gerade die Vielfalt des jüdischen Lebens in Berlin heute ist etwas, was mich auch angezogen hat, hier nach Berlin zu kommen. Ich denke, es ist sehr spannend, was sich hier entwickelt. Sehr viel Künstler auch, sehr viel Autoren. Und gerade die Vielfalt von Expressionen jüdischen Lebens finde ich sehr interessant. Und ich möchte auch ein Podium dazu bieten hier im Museum", so Hetty Berg. Hetty Berg verspricht für ihre Museumsarbeit Meinungsfreiheit und Unabhängigkeit – auch bei kontroversen politischen Themen. Und wie überall im Leben: Fragen sind wichtiger als Antworten. Dieses Gefühl gibt einem auch Rudi Leavor mit: "Ich denke mir, dass diese sechs Millionen jüdischen Leute, die im Holocaust umgekommen sind, eigentlich nicht tot sind, sondern nur tief schlafen."

Autor: Andreas Lueg

Stand: 24.08.2020 08:37 Uhr

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So., 23.08.20 | 23:35 Uhr

Produktion

Rundfunk Berlin-Brandenburg
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