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30 Jahre Wiedervereinigung

PlayBuchcover: Empowerment Ost Thomas Oberender
30 Jahre Wiedervereinigung | Bild: Klett-Cotta

Wir, so behauptete einmal eine Werbekampagne, sei das schönste Wort der Welt.

Derzeit kündigt es in Potsdam unser aller Einheitsfeierlichkeiten an. Schon vorab wird ein großes Einssein angepriesen auf einer "Einheits-Expo". Aber wie sieht es in den Herzen der Menschen wirklich aus? Deutschland Export- und jetzt auch Einheitsweltmeister?

Thomas Oberender: "Es geht um Respekt!"

"Zu den großen Mythen der deutschen Wiedervereinigung zählt, dass sie uns nur zusammengebracht hätte. Sie hat uns nicht nur zusammengebracht, sie hat uns erst einmal klargemacht, dass wir total anders sind. (…) Warum soll Einheit was Gutes sein? Diese krampfhafte Bemühung, Dissens zu beseitigen. Es geht eigentlich um Anerkennung, es geht um Dinge, die man nicht mit Geld gutmachen kann, es geht um Respekt. Es geht um Augenhöhe.”

Thomas Oberender, Intendant der Berliner Festspiele, fordert Anerkennung der ostdeutschen Perspektive. Dass in Berlins Mitte heute statt dem Palast der Republik das alte Schloss steht, ist für den gebürtigen Jenaer Symbol eines "innerdeutschen Kolonialismus". Deswegen hat der Kurator in seinem Haus den Palast symbolisch neu errichten lassen. Um von den Helden der Revolution 1989 zu erzählen. Übereinander gestapelte Stühle zum Beispiel erinnern an die Bürgerbewegung, die am "runden" Tisch ihre Forderungen gegenüber der letzten DDR-Regierung laut gemacht hat.

"89 hatten wir für eine kurze Zeit eine vollkommen offene Gesellschaft, in der unterschiedlichste Akteure, die sich selber mündig und erwachsen gemacht haben, nach anderen Wegen gesucht haben. Und das ist das, was uns alle damals hat lächeln lassen, das war das große Glück dieser Gesellschaft. Und dann kamen die, die ihre 10-Punkte Pläne aus der Tasche holten und sofort wussten, wie es geht. Und wir sollten aus diesem Vorgang lernen. Dieses ‚Wir wissen schon, wie es geht‘ ist eine gefährliche Haltung, die Verlierer produziert."

Wiedervereinigung: Aufbau Ost wird zum Abbau Ost

Mit dem Einigungsvertrag kommt, was viele als Schocktherapie beschreiben. Im Eiltempo treibt der Westen ab 1990 die "Einheit" voran. Ostdeutsche werden vom historischen Subjekt zum Objekt gemacht, zu Bürgern und Konsumenten zweiter Klasse, die nach- und aufzuholen haben. Der berühmte Aufbau Ost wird zum Ausbau West und zum Abbau Ost.

Bis heute machen Ostdeutsche ihrem Ärger Luft, setzen Politik und westdeutsche Mehrheitsgesellschaft unter Druck. Aber jetzt, 30 Jahre später, wollen junge Menschen endlich eine Wende vom ewigen Nachwendetrauma anzetteln.   

"In den letzten Jahren hatte man das Gefühl, dass diese Wut über diesen Vertrauensbruch, der eigentlich bestanden hat, oder der stattgefunden hat, dass der sich so Bahn gebrochen hat. Immer an so Ersatzthemen: Erst war es der Euro, dann die Geflüchteten, jetzt die Pandemie. Und die sind zum Teil weniger, aber so laut, dass wir das Gefühl hatten, mit verschiedenen Initiativen, dass diese Leisen, die aber eigentlich die Mehrheit sind, dass die irgendwie eine Stimme kriegen müssen", sagt Andreas Willisch.

In der Provinz Zukunft gestalten

Andreas Willisch ist eine der wichtigsten Stimmen einer neuen Bürgerbewegung im Osten. Sie will Land, Einfluss und Vertrauen zurückerobern. Willisch hat das "Neulandgewinner"-Programm erfunden, das Menschen fördert, die in der Provinz Zukunft gestalten.

"Wir wollten zeigen, dass in diesem Ostdeutschland, in diesen kleinen Dörfern und Städten, die, wo man das gar nicht vermutet, unglaublich viele Leute unterwegs sind, mehr oder weniger kreativ, aber mit unglaublich viel Engagement. Und die sollten mal hier zusammenkommen, sollten Erfahrungsaustausch machen. Und vor allen Dingen sollten die sich mal selber feiern."

Stigma des Ostdeutschen positiv besetzen

Junge Menschen wie sie drehen das Stigma des Ostdeutschen um, besetzen es positiv. Ob Coworking-Spaces auf dem Land oder Tischlerwerkstätten mit Geflüchteten: Diese Generation hat mit der Wende nicht nur verloren, sondern auch etwas gewonnen: nämlich "Transformationskompetenz". Man wartet also nicht mehr auf den "Goldenen Westen", sondern nimmt – wie die Revolutionäre von 1989 – die Zukunft selbstbewusst in die Hand. Das ist "Empowerment Ost", im weiteren, also auch in Oberenders Sinne.

"Es geht gar nicht in meinen Augen im Moment um den Konflikt zwischen Ost und West, sondern um grundsätzliche Reformen unserer gesamten Wirtschaftssysteme und Arbeitsweisen in dieser Gesellschaft", sagt Oberender. "Und wie wir wollen, dass gutes Leben in diesem Land aussieht. Und nicht nur in diesem Land, sondern in Europa. Und da kommt '89 wieder."

Vorwärts immer – rückwärts nimmer!

TV-Beitrag: Sylvie Kürsten

Buch-Tipp
Empowerment Ost
Wie wir zusammen wachsen

Von Thomas Oberender
Klett-Cotta 2020
ISBN: 978-3-608-50470-5
Preis: 12 Euro

Stand: 20.09.2020 22:08 Uhr

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Norddeutscher Rundfunk
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