SENDETERMIN So., 09.08.20 | 23:45 Uhr | Das Erste

Große Wim Wenders-Retrospektive

Doku und Werkschau im Ersten

Wim Wenders.
Wim Wenders | Bild: NDR/Wim Wenders Stiftung

Sein Traum war Amerika und das amerikanische Kino. Wim Wenders aus Oberhausen wollte es mit den großen Regisseuren seiner Zunft aufnehmen. Aber seine Welt-Karriere machte er als europäischer Regisseur. Für Filme wie "Paris, Texas", "Der Himmel über Berlin" oder "The Million Dollar Hotel" wurde er mit Preisen ausgezeichnet. Zu seinem 75. Geburtstag am 14. August zeigt das Erste den neuen Dokumentarfilm "Wim Wenders, Desperado" von Eric Friedler und Campino. Der NDR, der die Doku produziert hat, hat auch eine große Werkschau mit 28 Wenders-Filmen in der ARD-Mediathek organisiert und kuratiert.

Wenders: "Für mich ist Erzählen ein Wagnis"

Paris liegt in Texas. Und in Paris, Texas liegt die Erkenntnis eines ganzen Lebens: des Lebens von Wim Wenders. "Ich wusste, das war das Beste, was ich je gemacht hatte. Und wie gut – ob das Beste gut genug war – wusste ich natürlich nicht. Aber ich wusste: Besser konnte ich nicht."

Bis zu dieser Erkenntnis war es ein langer Weg. Der Weg eines jungen Filmemachers, der aufbrechen musste, um nach Hause zu finden. "Für mich ist Erzählen ein Wagnis, insofern als man Erzählen nur ernsthaft darf, finde ich, wenn man nicht weiß, wie’s ausgeht." Und so arbeitet er, wie er sein Leben lebt: aufbrechend, ohne das Ende zu kennen.

Auf der Suche nach dem "Echten"

Wim Wenders wird in Düsseldorf geboren. Von Anfang an will er nur weg, raus in die Welt. Die fängt er, sobald er kann, mit der Kamera ein. Und findet sein schöpferisches Zuhause im Road Movie. Mit Mitte 30 ist er in Europa damit längst erfolgreich. Doch was er wirklich will, das ist Amerika!

"All das, was ich mochte, kam aus Amerika. Und diese deutsche Kultur um mich herum – die Schule, aber auch die Kultur, die meine Eltern mir vermittelt haben, das war alles langweilig. Das war irgendwie nicht so echt."

Von Europa in die amerikanische Traumfabrik

Doch seine Suche nach dem "Echten" verträgt sich nicht mit der amerikanischen Traumfabrik. Hier ist man auf Wenders’ Arbeit mit "ungewissem Ausgang" nicht vorbereitet. "Ich war mir sicher, es wird bestimmt irgendwo ein Drehbuch geben, er will es mir nur nicht zeigen", erinnert sich der Schauspieler Patrick Bauchau. "Ich werde es schon noch irgendwie aus ihm herauslocken können. Bis plötzlich die grausame Wahrheit ans Tageslicht kam: Es gibt kein Drehbuch. Wir befinden uns im freien Fall hinein in einen Film."

"Das Skript für den nächsten Tag wurde um drei Uhr nachts unter unsere Zimmertür geschoben. Und um sechs Uhr morgens mussten wir weiterarbeiten. Ich hatte nicht den geringsten Schimmer, was wir da drehten!", erzählt Kostümbildnerin Judy Shrewsbury.

Erste große Chance in Hollywood

Seine erste große Chance in Hollywood bekommt Wenders von Produzent Francis Ford Coppola. Aber er stolpert über dessen filmische Vorstellungen. Freier Fall. "Er arbeitete eher unter dem Radar", so Coppola. "Schrieb das Buch einfach um, tauschte Figuren aus. Das war seine Welt. In meiner Welt hatten wir ein abgenommenes Drehbuch und eine feste Besetzung."

Die beiden Männer überwerfen sich. Coppola stoppt die Dreharbeiten, verhindert aber, dass Wenders gefeuert wird. Bis der dann fertig ist, braucht es 40 weitere Versionen des Drehbuchs und vier Jahre. "Ich war wirklich nicht in der Lage, einen amerikanischen Film zu machen. Dazu hätte man Amerikaner sein müssen. Und ich war kein Amerikaner."

"Paris, Texas": Der Beginn von Wenders' Weltkarriere

Doch Wenders wäre nicht Wenders, würde er nicht aufstehen, um sich erneut fallen zu lassen: in sein ganz eigenes Bild von Amerika. "Es war ein Film über Amerika in Amerika. Aber nicht von einem Amerikaner. Das war ein Bild von Amerika, was nur ein Europäer haben konnte, der Amerika sehr liebte. Und den hätte ich nie im Leben machen können, ohne nicht vorher krachend gescheitert zu sein."

Das Gute an einem Wagnis mit ungewissem Ausgang ist: Man kann selbst bestimmen, wo es endet. Bei Wenders endet das Wagnis Amerika in Paris, Texas. Es ist der Anfang seiner Weltkarriere. 

(Beitrag: Katharina Ricard)

Stand: 10.08.2020 11:32 Uhr

2 Bewertungen
Kommentare
Bewerten

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Bitte beachten: Kommentare erscheinen nicht sofort, sondern werden innerhalb von 24 Stunden durch die Redaktion freigeschaltet. Es dürfen keine externen Links, Adressen oder Telefonnummern veröffentlicht werden. Bitte vermeiden Sie aus Datenschutzgründen, Ihre E-Mail-Adresse anzugeben. Fragen zu den Inhalten der Sendung, zur Mediathek oder Wiederholungsterminen richten Sie bitte direkt an die Zuschauerredaktion unter info@daserste.de. Vielen Dank!

*
*

* Pflichtfeld (bitte geben Sie aus Datenschutzgründen hier nicht Ihre Mailadresse oder Ähnliches ein)

Kommentar abschicken

Ihr Kommentar konnte aus technischen Gründen leider nicht entgegengenommen werden

Kommentar erfolgreich abgegeben. Dieser wird so bald wie möglich geprüft und danach veröffentlicht. Es gelten die Nutzungsbedingungen von DasErste.de.

Sendetermin

So., 09.08.20 | 23:45 Uhr
Das Erste

Zur umfangreichen Werkschau

Produktion

Norddeutscher Rundfunk
für
DasErste