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Zwei Brüder und der Mauerfall

PlayNorbert und Jens Bisky über den Mauerfall
Zwei Brüder und der Mauerfall | Video verfügbar bis 03.11.2020 | Bild: imago / Gerhard Leber

Norbert Bisky ist Maler und war 19,als die Mauer fiel. Jens Bisky ist Journalist und war 23, als die Mauer fiel. "Ohne den Mauerfall wäre ich nicht Künstler geworden", sagt Norbert Bisky. 30 Jahre nach dem Fall der Mauer blickt er in zwei parallel stattfindenden Ausstellungen in Berlin und Potsdam zurück auf das Ende der DDR, das Chaos der Nachwendezeit und sein persönliches Erleben. Aufgewachsen in einem streng sozialistischen Umfeld wurde der Sohn des vor sechs Jahren verstorbenen PDS-Politikers Lothar Bisky, unmittelbar nach dem Mauerfall, als NVA-Deserteur noch in das Ostberliner Militärgefängnis gesperrt. Erst die Implosion des alten Systems brachte ihm die Freiheit, sich eine Zukunft als Künstler zu denken. Jens Bisky, Redakteur der Süddeutschen Zeitung und Buchautor, hat gerade eine 900 Seiten starke Biografie der Stadt Berlin veröffentlicht – jener Stadt, in der vor 30 Jahren die Mauer fiel. "titel thesen temperamente" trifft die beiden Brüder im Atelier von Norbert Bisky.

Die Biskys

Die Brüder Norbert und Jens Bisky
Die Brüder Norbert und Jens Bisky | Bild: Das Erste

Zwei Brüder – Norbert und Jens Bisky: Der eine ist Maler, der andere Journalist und Schriftsteller. Geboren in der DDR. Der eine lebt 19 Jahre in diesem Land und der andere 24 Jahre. Dann fällt die Mauer. "Alles was mir wichtig und was bedeutet und was meine eigenen Entscheidungen im Leben betrifft, die sind alle danach gefallen", erzählt Norbert Bisky. Auch Jens Bisky sieht sich als, wie er sagt, 89er. Der Fall der Mauer hat sein Leben geprägt. In Berlin-Friedrichshain treffen wir die beiden Brüder im Atelier von Norbert Bisky, der gerade zwei Ausstellungen in Potsdam und Berlin vorbereitet. "Im Moment gibt es ein neues Interesse an der Frage, wie ticken eigentlich diese Ostdeutschen. Was sind das für komische Leute, was wählen die, was tun die, was sind die? Und dann war mir klar, Alter, du bist jetzt bald 50, noch bist du klar im Kopf. Vielleicht solltest du noch mal deine Version der Geschichte erzählen", so Norbert Bisky.

Es sind Heldenposen und grelle Utopien einer totalitären Vergangenheit. Es ist die Welt, in der er aufgewachsen ist. Grelle Bilder, die provozieren und irritieren. "Die Ikonen meiner Kindheit, mit denen ich auch groß geworden bin. Das waren immer die Vorbilder, die hießen Gabi oder so. Das waren die Mädchen, die alles richtig gut konnten, die konnten auch viel besser zeichnen als ich, die konnten toll Pferde zeichnen, waren die besten in der Schule, die Pionierbluse war immer sauber. Die dann mit Farbdreck zu bewerfen, macht ungeheuer Spaß und hilft mir ehrlich gesagt auch. So manchen Albtraum loszuwerden", erzählt Norbert Bisky.

Der Alptraum der Armee

Was beide Brüder erleben, ist der reale Alptraum Armee. Jens Bisky geht nach dem Abitur zur Offiziershochschule. Vier Jahre lang. Für sein Land und für den Frieden. Danach ist er Leutnant. "In meiner Erinnerung würde ich sagen, was mich am meisten bis heute schockiert hat, ist das Gefühl, dass dort alle, alle verachtet haben", erzählt Jens Bisky. Zu seinem jüngeren Bruder sagt er, wenn du nur einen Tag länger zur Armee gehst, als du musst, rede ich nie wieder ein Wort mit dir. Worüber ihm Norbert Bisky bis heute dankbar ist.

Künstler Norbert Bisky
Künstler Norbert Bisky | Bild: Das Erste

Norbert Bisky leistet gerade seinen Wehrdienst, als die Mauer fällt. Das Land implodiert, aber er muss seine Zeit als Soldat totschlagen. "Und dann gibt es eine neue Volkskammer, die wird im März 1990 gewählt. Die neue Volkskammer sagt: Wer jetzt in dieser komischen Armee drin ist, der darf jetzt Zivildienst machen. Das durfte man ja vorher nicht. Dann bin ich zu meinen Offizieren und habe gesagt: So, ich darf jetzt Zivildienst machen, hat die Volkskammer beschlossen, hier ist mein Antrag, Bitteschön. Und dann sagen diese Leute im März 1990 zu mir: Halten sie die Fresse, sie haben jetzt 72 Stunden Wache", schildert Nobert Bisky. Er desertiert, kommt dafür in Haft. Bis man ihn schließlich in die neue Freiheit entlässt. Ohne den Mauerfall, sagt er, wäre er nicht Künstler geworden. Er studiert Malerei. Sein Lehrer Georg Baselitz empfiehlt ihm, sich mit seiner Kindheit und Jugend auseinanderzusetzen. So wird er zu einem der erfolgreichsten Maler seiner Generation.

Die Fortsetzung der friedlichen Revolution

Journalist Jens Bisky
Journalist Jens Bisky | Bild: Das Erste

Das Cover für ein Buch seines Bruders hat er auch gemalt: eine grandiose Berlin-Biografie vom dreißigjährigen Krieg bis in die Gegenwart. "In den letzten 30 Jahren interessiert mich zuerst die Erfahrungen der Revolution von 1989. Dann finde ich genauso wichtig, dass in den neunziger Jahren sich diese Kultur der Klubs, der Zwischennutzung, des exzessiven, von Techno-Klängen begleiteten Nachtleben entwickelt hat. Und als das zu Ende ging, gab es die große Love Parade, da traf beides aufeinander. Da hat sich ein neues Lebensgefühl artikuliert. Man konnte Masse sein, ohne gefährlich zu sein. Das ist ja in der deutschen Geschichte auch eine neue Erfahrung", erzählt Jens Bisky. Die Fortsetzung der friedlichen Revolution ist eine neue Jugend, schillernd und schrill. Anders und aufregend sein, genügt als politische Botschaft.

Spätfolgen der Wiedervereinigung

Doch nun erlebt die Berliner Republik die Spätfolgen der Wiedervereinigung: die Wiedergeburt des Ostdeutschen als Wutbürger, der sich abgehängt fühlt. Eine seiner beiden Ausstellungen gab Norbert Bisky den Titel "Rant". "Dieses Ranting ist ja etwas, was viel mit unserer Gegenwart zu tun hat. Nämlich, dass jemand im Internet unglaublich abschimpft. Am besten anonym und über die Anderen, die Verhältnisse, das Land, alles, was ihm nicht passt, einfach schimpft", so Jens Bisky. "Wenn man sich anschaut, was es in anderen Ländern an Krisen gegeben hat, dann ist Deutschland eine Insel der Stabilität. Und auf der anderen Seite und das beschäftigt, beunruhigt mich, ist trotz dieser Stabilität die Betriebstemperatur ungeheuer gestiegen. Und da bin ich relativ ratlos, dann versuche ich Geschichten zu erzählen, die ein bisschen die Perspektive verschieben", erzählt Nobert Bisky. "1989 begann eine neue Epoche" schreibt Jens Bisky. Die Stadt Berlin wird zur "Werkstatt der Einheit". Hier musste jeder sein Leben verändern. Seine Berlin-Biografie ist auch die Geschichte einer andauernden Überforderung. Eine Stadt und Stadtgesellschaft als Modell für das Abenteuer Gegenwart.

Autor: Lutz Pehnert

Stand: 08.11.2019 16:19 Uhr

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Rundfunk Berlin-Brandenburg
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