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Hat Deutschland nach Silvester eine neue Integrationsdebatte?

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Hat Deutschland nach Silvester eine neue Integrationsdebatte? | Video verfügbar bis 15.01.2024 | Bild: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Auseinandersetzungen mit der Polizei – im Musik-Video von KC Rebell und Gzuz cool inszeniert, an Silvester auf der Straße ausgelebt. Nach zweieinhalb Jahren Corona-Elend endlich mal richtig abfeiern, endlich mal so sein wie die Idole aus der HipHop-Szene. Und natürlich die Randale in sozialen Netzwerken posten, Grenzüberschreitungen und Gewalt bringen Anerkennung. Ein allgemeines Problem oder doch das einer ganz spezifischen Gruppe?

"Wenn wir jetzt nicht über Herkunft reden, tun das rechtspopulistische Stimmen"

Psychologe Ahmad Mansour
Psychologe Ahmad Mansour | Bild: MDR/ttt

"Wir haben ein Problem mit gewaltbereiten Menschen, mit Flucht oder mit Migrationshintergrund. Das sehen wir europaweit", sagt Psychologe Ahmad Mansour. "Aber es gibt genug Leute, die die gleiche Herkunft haben, und das nicht nur ablehnen, sondern sogar sehr klare Worte finden, um ihre Abwertung und Ablehnung gegenüber diesen Ereignissen zum Ausdruck zu bringen." Für seine Analyse erntet Ahmad Mansour viel Kritik aus der eigenen Community, wird als verlogener Hetzer bezeichnet, Expertise zum Thema Jugendgewalt wird dem Psychologen abgesprochen. Der Vorwurf: Er mache sich mit seiner Kritik zum Sprachrohr der Rechten und Rassisten.

"Es ist nichts Rassistisches dabei, Tatmotive zu erwähnen und auch Herkunft zu erwähnen, wenn es relevant ist", sagt Mansour. "Wenn wir das nicht tun, tun das die anderen. Wenn wir jetzt nicht über Herkunft reden, tun das rechtspopulistische Stimmen, die kein Interesse haben, irgendwelche Lösungen zu haben, sondern sehr verallgemeinert alle Migranten dafür verantwortlich machen."

Menschen mit migrantischer Herkunft standen in der Silvesternacht auf beiden Seiten

Wie immer bei solchen Anlässen kursieren im Netz Falschaussagen und fake Videos. Zwar wurden auch in Deutschland Sanitäter angegriffen, dieses Video aber entstand während der Proteste in Hongkong vor drei Jahren.

Grünen-Abgeordnete Lamya Kaddor
Grünen-Abgeordnete Lamya Kaddor | Bild: MDR/ttt

Warum aber streitet man jetzt hier über Vornamen, darüber, ob man sagen darf, dass einige der jugendlichen Randalierer Wurzeln in Syrien und Afghanistan haben? In autoritären Staaten also, in denen die Staatsmacht als Feind erlebt wurde. "Ich finde, das ist zu einfach", sagt die Grünen-Abgeordnete Lamya Kaddor. "Das hätte man vielleicht in den 60er-, 70er-Jahren nach der Einwanderung von relativ vielen sogenannten Gastarbeitern mit dem islamischen Glauben dann noch so erklären können – so ein Erklärungsmuster. Aber das funktioniert doch heute in einer vielfältigen Einwanderungsgesellschaft so nicht mehr.“ Lamya Kaddor ist für die Grünen im Bundestag, sie hat als Lehrerin gearbeitet und Bücher über den Islam geschrieben. Sie betont, dass Menschen mit migrantischer Herkunft in der Silvesternacht auf beiden Seiten standen, der der Randalierer und der der Helfer, der Polizisten, Feuerwehrleute und Sanitäter.

"Gewaltexzesse als ein gesamtgesellschaftliches Problem"

Für Politikwissenschaftler steht fest: Deutschland ist ein Einwanderungsland. "Manchmal finden die Diskurse so statt, als wenn Deutschland kein Einwanderungsland wäre. Und deshalb gibt es dann immer die Konfliktlinie: wir und die anderen. Und dann werden die anderen stigmatisiert und für solche Gewaltexzesse verantwortlich gemacht", sagt Hans Vorländer vom Sachverständigenrat für Integration und Migration. "Ich glaube, dass diese Diskussion nicht weiterführt, sondern dass wir solche Gewaltexzesse als ein gesamtgesellschaftliches Problem bezeichnen müssen und auch sehen müssen. Und das ist völlig unabhängig davon, ob jemand einen migrantischen Hintergrund hat oder nicht."

Was also sagt die andauernde, hitzige Debatte über Deutschland im Jahr 2023 aus? "Ich meine, wir befinden uns in einer gesellschaftlichen Transformation hin zu einer offenen Einwanderungsgesellschaft, einem Einwanderungsland, das natürlich rechtsstaatlich bleiben soll", meint Lamya Kaddor. "Und dafür brauchen wir genau diese Konflikte. Wir suchen uns im Grunde genommen immer wieder Ereignisse, an denen wir das einmal ausüben können, damit wird zum Schluss hoffentlich die Stimme der Vernunft dann doch obsiegen, wenn ich das so sagen darf."

Ahmad Mansour glaubt: "Diese Debatte zeigt wieder mal, wie gespalten unsere Gesellschaft ist, wie kaputt unsere Debattenkultur ist und wie schwierig es geworden ist, über bestimmte Ereignisse und Entwicklungen und Zusammenhänge zu sprechen."

"Wir müssen auf Durchmischung achten"

Integrations-Debatten werden seit Jahrzehnten geführt. Die Flüchtlingskrise 2015 hat die Problematik verschärft, der Ton ist härter geworden, die Sprache sensibler. Aber Gewaltausbrüche sind ein Problem, ob man sie nun auf patriarchalisch-autoritäre oder sozio-ökonomische Gründe zurückführt.

"Es geht auch nicht, diese Menschen abzustempeln als Kriminelle. Sondern wie kann eine Gesellschaft wie Deutschland in der Zukunft diese Menschen gewinnen, bevor sie sich für einen Weg entscheiden, der diesen Rechtsstaat verachtet?", sagt Ahmad Mansour. "Wir haben als Staat die Möglichkeit, Einfluss auf diese Menschen zu nehmen. Vor allem an einem Ort: Schule. Und Schule muss so reformiert werden, dass daraus Orte der Demokratie werden, Orte der Begegnung, Orte, wo man diesen Menschen eine Chance gibt, Teil dieser Gesellschaft zu sein."

Politikwissenschaftler Hans Vorländer
Politikwissenschaftler Hans Vorländer | Bild: MDR/ttt

Die Herkunft der Täter spielt tatsächlich eine Rolle. Aber geht es nicht nur um kulturelle Wurzeln oder traumatische Erfahrungen. Wichtig ist auch, aus welchem Stadtteil man kommt. Noch gibt es in Deutschland keine Verhältnisse wie in den Pariser Banlieues. "Im Umkehrschluss heißt das auch, dass wir alles daransetzen müssen, dass solche Prozesse der Migration, also der Verdichtung von Problemen, auch in ganz bestimmten Stadtteilen nicht weiter voranschreitet", sagt Hans Vorländer. "Im Gegenteil wir müssen einfach auf Durchmischung achten in Schulen, im Wohnungsmarkt, in der Stadtentwicklungspolitik. Und davon werden dann alle auch profitieren."

Deutschland erwartet in den kommenden Jahren hunderttausende neue Bürgerinnen und Bürger, es werden Flüchtlinge sein und Facharbeiter, sie brauchen Wohnungen, Arbeitsplätze, Bildung. Die Debatten werden also weitergehen, Jahr für Jahr für Jahr … .

Autorin: Petra Böhm

Stand: 19.01.2023 16:37 Uhr

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