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Biopic: "Die Stimme des Regenwaldes"

Die wahre Geschichte des Bruno Manser im Film

PlayFilmszene: Die Stimme des Regenwaldes - Bruno Manser und Ureinwohner
Die Stimme des Regenwaldes - Die wahre Geschichte von Bruno Manser | Video verfügbar bis 12.10.2021 | Bild: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Borneo, der malaysische Urwald: Ein junger Schweizer Schafhirte macht sich im Jahr 1984 dorthin auf, um die Ursprünglichkeit des Lebens zu erkunden ...

16 Jahre später wird Bruno Manser hier spurlos verschwinden – aber was er bis dahin entdeckt, wofür er kämpft, diese Geschichte ist von zeitloser Kraft: Mitten im Regenwald spürt er ein Nomaden-Volk auf, die Penan. Von ihnen will er erfahren, was menschliches Zusammenleben in seiner Urform bedeutet.

Auf den Spuren des "Laki Penan"

Der Schweizer Umweltaktivist Bruno Manser
Der Schweizer Umweltaktivist nach seiner Ausweisung aus Malaysia 1999 | Bild: dpa

Für Regisseur Niklaus Hilber hat diese Geschichte eine universelle Kraft:

"Bruno Manser ging nach Malaysia zu den Penan, um das Leben am Ursprung kennenzulernen. Er wollte erfahren, wie unser Leben aussah, als wir noch nicht sesshaft waren und als Nomaden durch die Wälder zogen und eben nicht Besitz anhäufen konnten. Die Nomaden können ja bekanntlich nur das besitzen, was sie mit sich tragen. Das war für mich der Punkt, wo ich gemerkt habe, wie groß und universell diese Geschichte ist, eigentlich ist es die Geschichte der Evolution der Menschheit."

Hilbers Film folgt der Spur des Bruno Manser, der die Sprache der Penan lernt, sechs Jahre mit ihnen lebt. Sie nennen ihn "Laki Penan", den "Weißen Penan".

Zum Verwechseln ähnlich ist ihm der Basler Schauspieler Sven Schelker in seiner Rolle als Manser. Dafür eignete sich Schelker in monatelangem Studium die Sprache der Penan an, führte ausführlich Tagebuch über sie und ihr Zuhause.

Vertreibung aus dem Paradies

"Die Stimme des Regenwaldes"
Gewaltloser Widerstand | Bild: Camino Filmverleih

Die Geschichte des Bruno Manser ist die einer Vertreibung aus dem Paradies – und die des Kampfes dagegen. Die Tropenholz-Jäger rücken den Einwohnern unerbittlich mit ihren Kettensägen und Sattelschleppern auf den Leib. Die Penan bitten Manser um Beistand, er führt sie als eine Art Mahatma Gandhi des Regenwalds an, mit Straßenblockaden leisten sie gewaltlosen Widerstand.

Mansers Geschichte wirft die existentielle Frage auf, worauf es im Leben ankommt, findet Regisseur Niklas Hilber: "Wie ist es möglich, dass ein Mensch 15 Jahre lang einen Kampf gegen ein Wirtschaftssystem führt und dabei sein Leben riskiert, ohne daraus einen persönlichen Nutzen zu ziehen?"

2012 hat sich der Filmemacher selbst in den Urwald begeben, um dort mehrere Wochen mit den noch verbliebenen, nomadisierenden Penan zu leben: "Dabei habe ich die unglaubliche Magie des Regenwalds kennengelernt", sagt er.

"Wir wollten diesen Film mit den Penan machen"

"Die Stimme des Regenwaldes"
Nur fünf Prozent des Regenwaldes im Gebiet der Penan waren zu retten. | Bild: Camino Filmverleih

Niklaus Hilber musste viele Jahre für seinen Film kämpfen. Drehen konnte er nur im indonesischen Teil von Borneo, weil Manser in Malaysia bis heute ein "rotes Tuch" für die Behörden ist. Noch schwieriger aber gestaltete sich die Suche nach Penan, die bereit waren, als Darsteller mitzuwirken.

Mehrere Monate reiste Hilber von einem Urwalddorf zum nächsten: "Ich habe in jedem Dorf 20 bis 30 Penan gecastet und vor die Kamera geholt. Viele hatten noch nie einen Film gesehen und wussten auch gar nicht, was da auf sie zukam. Das war sehr schwierig, vor allem auch in dieser Sprache. Aber wir wollten mit den Penan diesen Film machen. Es gab immer noch Leute, die Bruno Manser kannten. Wir haben auch Darsteller im Film, die mit Bruno Manser damals an der Blockade standen."

Am Ende konnten die Blockaden nur fünf Prozent des Waldes retten. Der globale Kapitalismus zerstört eine Lebenskultur, von der der echte Bruno Manser in einem seltenen Filmdokument ein letztes Zeugnis ablegte: "Wenn Probleme sind, wird geholfen. Es wird alles miteinander geteilt. Es gibt nicht Hungrige neben Satten. Und ich habe nie Streit gesehen." Nachdem ein Kopfgeld auf Manser ausgesetzt worden war, wurde er verraten und festgenommen.

Folgen des Konsums: "Wir sind das Triebrad"

"Die Stimme des Regenwaldes"
Manser schaffte es bis nach New York und vor die UNO. | Bild: Camino Filmverleih

Der Film romantisiert Bruno Manser nicht als naiven Neowilden. Er zeichnet das Bild eines Idealisten, der vom Paradies zurück auf den Boden seiner Zivilisation geworfen wird, der lernt, dass der Kampf am Ende in unserer Realität geführt werden muss. Nach seiner Flucht in die Schweiz gründete er den Bruno Manser-Fonds, der seine Arbeit bis heute fortsetzt – und dessen Anliegen so aktuell ist wie nie zuvor.

Bruno Manser verschaffte ihm damals mit spektakulären Protestaktionen Gehör und schaffte es so bis zur UNO nach New York, wo ihm deren Generalsekretär seine Unterstützung zusicherte. Doch die Regierung von Malaysia wendete einen politischen Trick an, um die lukrativen Rodungen fortzusetzen: Ein Siedlungsprogramm zwang den Penan die Sesshaftigkeit auf. Das Ende der Nomaden und ihrer Lebenskultur.

Für Regisseur Niklaus Hilber bedeutete sein Film auch, "die Erfahrung zu machen, wie vernetzt die Welt ist und was es für die Leute am anderen Ende der Welt bedeutet, wenn wir konsumieren, wenn wir zu Ikea gehen und ein Bücherregal kaufen oder wenn wir im Haarshampoo lesen, dass da Palmöl drin ist. Wir als Konsumenten wissen gar nicht mehr, dass hier eine Diffusion der Schuldigkeit stattfindet, aber wir sind natürlich das Triebrad. Da ein Bewusstsein zu haben, das erhoffe ich mir von diesem Film vom Beispiel der Penan."

Verschwunden im Dschungel

Nachdem Manser im Mai 2000 noch einmal zu den Penan zurückgekehrt war, verschwand er spurlos im Dschungel. Dieser Spielfilm, authentisch und kämpferisch zugleich, lässt ihn mitreißend aufleben. Eine höchst sehenswerte Reise, die uns zu verstehen gibt, dass unsere Evolutions- zur Verlustgeschichte wird, wenn wir uns nicht unseres Ursprungs erinnern.

Autor: Norbert Kron

Filmtipp
"Die Stimme des Regenwaldes"
Regie: Niklaus Hilber
Kinostart: 22. Oktober

Stand: 12.10.2020 11:42 Uhr

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Mitteldeutscher Rundfunk
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