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Pathos, Blut und Rache! Guillermo Arriagas Roman "Der Wilde"

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Der Wilde: Guillermo Arriaga im Porträt | Video verfügbar bis 02.12.2019 | Bild: BR

Jede Zeile: ein Schuss. Der Finger immer am Abzug. "Transfusionen. Fremdes Blut. Ein Söldnerheer wird durch meine Herzkammern gepumpt. Prostituierte, Alkoholiker, alleinerziehende Mütter, hormonüberflutete Jugendliche, die Geld benötigten für einen Nachmittag im Hotel. Süchtige, die ihre nächste Dosis brauchten. Durch meine Adern floss das Prekariat."

Arriaga ist der Chronist Mexikos

Stadtansicht von Mexiko
Stadtansicht von Mexiko | Bild: BR

Guillermo Arriaga: Jäger, Schriftsteller, Drehbuchautor. Mexico City. Hier ist er aufgewachsen. Er zeigt uns sein Viertel. "Das ist die gefährliche Ecke." Gassen, zu eng für Autos. Eine Falle. "Hier kommt keine Polizei rein. Die Gangs leben hier." Steinbruch für seine Geschichten. Dächer, die zu Drehorten werden.

Wie im Spielfilm "Amores Perros", der Film, der ihn und Regisseur Alejandro Iñárritu nach Hollywood bringt. Eine Gewaltspirale: rau, zärtlich. Mit großer Lust testet er die Grenzen der Humanität.

Leben oder Tod. Das ist ihre Entscheidung

Guillermo Arriaga
Guillermo Arriaga | Bild: BR

"Alle meine Figuren sind in ihrem Herzen Jäger. Das ist der Kern meines Schreibens", sagt Guillermo Arriaga. "Entweder jagen meine Figuren selbst jemanden. Oder ihnen wird die eigene Sterblichkeit bewusst: Leben oder Tod. Das ist ihre Entscheidung. Und die Erkenntnis: Schönheit gibt es – aber nur neben Grausamkeit." Im Film "Babel" sind sie die Gejagten. Arriagas Oscar nominierte Parabel über Sprachlosigkeit – und unseren Kampf um Nähe.

Der Wilde – die Geschichte des Juan Guillermo

Seine Erzählungen sind komplex, unberechenbar. Auch sein neuester Roman: "Der Wilde". Die Geschichte von Juan Guillermo. Er wird zum Waisen werden. Opfer der Gewalt seines Viertels. Eine Rachephantasie. Selbstjustiz. Die Parallelen zu Arriagas Biographie sind allgegenwärtig: die Existenzängste, die Brutalität der Straße. "Bei den Straßenkämpfen wurde meine Nase so oft gebrochen, dass ich meinen Geruchssinn verlor", sagt Arriaga. "Ich musste das durch andere Sinne kompensieren: So wurde ich ein Beobachter."

Auf der Flucht über den Dächern von Mexiko
Auf der Flucht über den Dächern von Mexiko | Bild: BR

Sein Roman spielt auf diesen Dächern. Ort seiner Jugend. "Wenn du von hier bis zum anderen Ende der Straße willst: dann kannst du einfach über all diese Dächer rennen", sagt er der "ttt"–Reporterin. – "Zum Springen ist das ziemlich weit." – "Und Sie sind hier gesprungen?" – "Ja, genau hier." – "Da muss man mutig sein, oder?" – "Ja, oder einfach nur sehr dumm." – "Und was von beidem waren Sie?" – "Dumm!"

Das Tier in uns aushalten

Die Dächer: eine hermetische Welt. Abgrund und Freiheit. Drogen, Sex, der Kampf um Hierarchie. "Der Wilde" taucht in menschliche Abgründe. Seziert die Logik der Gewalt, die aus staatlichem Versagen entsteht, aus Armut, aus Ideologie. Arriaga lässt seine Figuren mit ihren animalischen Instinkten ringen. "Wir müssen unsere animalische Seite aushalten, sie sogar umarmen. Denn wir haben gar keine Chance, das Tier in uns abzuschütteln – und wozu auch? Das wäre Verrat an uns selbst."

Der Tod gibt den Rhythmus vor

Arriaga, das eint all seine Erzählungen, konfrontiert die Figuren mit ihrer eigenen Sterblichkeit. Der Tod gibt den Rhythmus vor. "Wir sind in unserer westlichen Gesellschaft immer nur damit beschäftigt, die Existenz des Todes zu leugnen. Aber guck mal, meine Glatze zum Beispiel. Das ist die Zunge des Todes, die da an meinem Kopf geleckt hat. Sie sagt: Hey Freundchen, du wirst mal sterben!" Ein ständiger Flirt mit dem Abgrund.

Der Tod ist ein Scheitern für die, die überleben

Skelett
Skelett | Bild: BR

"Mein Vater ist gerade gestorben. Das ist die mit Abstand schmerzhafteste Erfahrung meines Lebens. Und was mich so traurig macht ist das all die Liebe, diese tiefe Liebe, die man für jemanden hat: dass die nicht reicht, um den Tod abzuwenden. Alles habe ich versucht und alles hätte ich gegeben, um ihn am Leben zu halten. Aber ich konnte es einfach nicht. Der Tod, das ist immer auch ein Scheitern: für die, die überleben."

Und dann bricht sie durch, die Erkenntnis: Erlösung gibt es. Sie entsteht aus Schmerz. "Ohne eine Verbindung zu anderen gibt es für uns kein Überleben. Wir brauchen ein Gegenüber. Genau daraus besteht unsere Hölle – und unsere Rettung."

Grausamkeit und Zärtlichkeit. Arriaga ist der Chronist Mexikos. Ein Roman, wie das Land, in dem er spielt.

Buch–Tipp 

Guillermo Arriaga
"Der Wilde"
Klett–Cotta Verlag

Autorin: Ronja Mira Dittrich

Stand: 18.05.2019 12:33 Uhr

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Bayerischer Rundfunk
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