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Zeichen, Botschaft, Gefühl: Ein Gesang auf die Handschrift

PlayEine Hand mit Stift
Der Verlust der Handschrift | Video verfügbar bis 02.12.2019 | Bild: BR

Sie ist schief. An manchen Stellen regellos. Ungezähmt, hilflos, aber immer einzigartig. Wie wir. 33 Muskeln arbeiten, wenn wir durch unsere Hand um Ausdruck ringen in der Welt, oder ganz banal, To-Do-Listen oder Einkaufszettel schreiben. Die Handschrift kann beides: Sie entlarvt den Schreibenden und verrätselt die Welt.

Betelnuss oder Bettnässer?

Der Lyriker Jan Wagner
Der Lyriker Jan Wagner | Bild: BR

"Ich kann meine eigene Handschrift nicht lesen", sagt der Lyriker Jan Wagner. "Und wenn man zurückblättert, auf der Suche nach alten Ideen, die vielleicht doch noch gut sein könnten, dann ist das herrlich, wenn man seine eigene Schrift nicht mehr lesen kann. Also wenn man nicht weiß, ob das Wort jetzt Sänger bedeutet oder Säuger, weil das 'n' so geschmiert und geschliert ist. Oder wenn man nicht weiß, ob das Wort Imkerkappe oder Ampfersuppe bedeutet, Betelnuss oder Bettnässer, dann kommen manchmal viel bessere Ideen zustande, als ursprünglich vorgesehen."

Lyrik von Jan Wagner 

Jede Silbe der Welt abgerungen. Verdichtet. Dem "Teebeutel" widmet Jan Wagner folgendes Gedicht, natürlich handgeschrieben: "nur in sackleinen / gehüllt. kleiner eremit / in seiner höhle. / nichts als ein faden / führt nach oben. wir geben / ihm fünf minuten."  

Durch die Handschrift kommt man den Menschen näher

Ulrich von Bülow vom Deutschen Literaturarchiv Marbach
Ulrich von Bülow vom Deutschen Literaturarchiv Marbach | Bild: BR

"Wenn man einen Autoren liest und man hat dann ein Bild von ihm gesehen, dann hat man das Gefühl, man hat etwas erfahren", sagt Ulrich von Bülow vom Deutschen Literaturarchiv Marbach. "Man weiß eigentlich nicht, was man erfahren hat, aber man denkt, man ist dem Menschen nähergekommen. Und genauso geht es einem, oder mir jedenfalls, wenn ich die Handschrift von jemand sehe. Ich könnte nicht sagen, was ich erfahren habe, was ich jetzt über den gelernt habe, aber ich habe das Gefühl, jetzt kenne ich ihn ein Stück näher."

Handschrift - Spiegel der Persönlichkeit

Irgendwann zertrümmern wir die Kinderhandschrift und unterwerfen die Buchstaben der Persönlichkeit, die wir sind. Schleudern sie beispielsweise unduldsam in die Welt, wie Klaus Kinski.

Ein handgeschriebener Brief
Ein handgeschriebener Brief | Bild: BR

Oder es passiert etwas Wunderbares. Liebe zum Beispiel. Rene Maria Rilke traf eine Frau, er veränderte seinen Namen, wurde Vegetarier, lief plötzlich barfuß herum und - so wie er - veränderten sich die Briefe, die er an sie schrieb. "Wenn man sich dann nur ein paar Monate später die Schrift ansieht, dann sieht man, dass sie sich vollkommen gewandelt hat. Eben nach dem Vorbild von Lou Andreas-Salomé", sagt von Bülow. "Wenn man über seine eigene Handschrift nachdenkt, warum man so schreibt, wie man schreibt, dann lohnt es sich, mal zu überlegen, wie die Leute, die man gut kennt, wie zum Beispiel die Eltern oder bestimmte Lehrer, wie die geschrieben haben und oft kommt man darauf, dass man unbewusst eine Schrift nachahmt."

Schreiben mit der Hand hinterlässt Spuren im Gehirn

Schreiben mit der Hand hinterlässt Spuren im Gehirn
Schreiben mit der Hand hinterlässt Spuren im Gehirn | Bild: BR

Handschrift ist Welterfahrung. Ganz grundsätzlich. "Wir wissen heute, dass eben, wenn wir mit der Hand schreiben, motorische Spuren im Gehirn angelegt werden, weil wir beim Schreiben die Form des einzelnen Buchstaben nachvollziehen", sagt der Hirnforscher und Psychologe Markus Kiefer. "Das führt dazu, dass wir auch Buchstaben oder Wörter wahrnehmen, dass das automatisch zu einer Aktivierung führt, in den Bereichen des Gehirns, die für Bewegung und für Motorik zuständig sind, obwohl wir ein Wort einfach nur lesen."

Computergeschriebenes wird schneller vergessen

Die Hirnforschung weiß auch: Schreiben mit Tastatur geht schnell, aktiviert aber weniger Abschnitte unseres Gehirns und das Geschriebene ist schneller vergessen. Das ordentliche Schriftbild ist praktisch, suggeriert immer Sinnhaftigkeit, solange die Autokorrektur nicht meckert.

Handschrift ist individuell
Handschrift ist individuell | Bild: BR

"Die Art und Weise, auch bei mir, Gedichte zu schreiben, würde sich radikal ändern, wenn ich vom Handschriftlichen zum Computer gehen würde", vermutet Wagner. "Wenn man mit einem Klick oder einer Mausbewegung ganze Strophen oder Blöcke verschieben kann, innerhalb des Gedichts. Eine Art Copy-und-Paste-Technik muss sich auf das Gedicht selbst auswirken."

Handschrift ist unverwechelbar

Am Anfang war das Wort. Und jedes Wort verändert die Welt. Es ist ein schöner Gedanke, dass an der großen Erzählung, die die Menschheitsgeschichte ist, jeder mitwirkt. Im Kleinsten und Größten, auf unverwechselbare Weise. Hoffentlich mit Liebe - und: der ganz und gar eigenen Handschrift.

Autorin: Angelika Kellhammer

Stand: 02.12.2018 20:54 Uhr

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Bayerischer Rundfunk
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