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Bilder aus den Tiefen der Zeit: Der Sommer der Archäologen

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Der Sommer der Archäologen | Video verfügbar bis 30.09.2019 | Bild: BR

Deutschland. Sommer 2018. So heiß wie noch nie seit Beginn der Messungen. Die Ernte vertrocknet. Temperaturen bis knapp 40 Grad. Für die Bauern: eine Katastrophe. Für die Luftbildarchäologen aber: ein Sommer der Funde. Überall tauchen versunkene Welten auf. Wie Wasserzeichen. In Pöhsig bei Meißen etwa mittelalterliche Befestigungsgräben. In Großzschepa östlich von Leipzig: eine Burg aus dem 12. Jahrhundert. In Großtreben bei Torgau: Grabhügel, aus der jüngeren Bronzezeit, 1200 vor Christus.

 Die ganze Landschaft wird zu einem Bild

Luftbildarchäologe Ronald Heynowski
Luftbildarchäologe Ronald Heynowski  | Bild: BR

"Plötzlich zeigen die Pflanzen an", sagt der Luftbildarchäologe Ronald Heynowski. "Und plötzlich scheint man durch den Boden durchgucken zu können. Die Pflanzen zeigen alles, was im Untergrund ist, alle Bachläufe, alle alten Straßen, alle Strukturen, die überhaupt mal in der Erde zu finden waren. Das geht ganz schnell. Und die ganze Landschaft wird plötzlich zu einem Bild. Man kann sich vorstellen, wie die Farben plötzlich entstehen. Und das war natürlich in diesem Jahr ganz besonders stark. Wir sind ja nur noch getrudelt, wenn wir geflogen sind. Man hatte das eine Objekt im Auge und schon zum nächsten hinüber."

30 Stunden pro Jahr fliegt Ronald Heynowski über Sachsen. Normalerweise macht er eine Handvoll Entdeckungen. Dieses Jahr war es wie Beerenpflücken. Dort, wo Fundamente im Boden sind, gelangen die Pflanzen schlechter an Feuchtigkeit. Wo früher Gruben oder Gräben waren, bildet die Erde einen Feuchtigkeitsspeicher. Die Pflanzen wachsen unterschiedlich und offenbaren die Strukturen.

 Trockenheit macht Burganlagen sichtbar

Beim Flug zeigt er eine Wallanlage aus dem Hochmittelalter. Vor dem Feld stehend würde man nichts sehen, nur von oben ist sie sichtbar. Die Wissenschaftler vermuten, dass es die Burg Gana ist, im 10. Jahrhundert von König Heinrich zerstört. "Die Anlage steht östlich von Riesa. Es ist eine slawische Burganlage. Wir können im Mais sehr schön den Wall sehen, der die Anlage umgibt, hier sehr kräftig ausgeprägt. Und davor einen Graben, einen breiten Graben, der die Wallanlage abschließt. Im Inneren sehen wir mehrere konzentrische Palisadenringe, die die Anlage strukturieren und ganz im Inneren haben wir solche Tüpfelchen: Das sind Siedlungsgruben, die auf die Besiedlung der Anlage hinweisen."

Großzschepa östlich von Leipzig. Eine Burg aus dem 12. Jahrhundert.
Großzschepa östlich von Leipzig. Eine Burg aus dem 12. Jahrhundert.  | Bild: Landesamt für Archäologie Sachsen

Unterschiedlichen Wasserspeicherkraft des Bodens zeichnet detailreiche Bilder

Bei der Luftbildarchäologie wird viel entdeckt, aber im Gegensatz zu Ausgrabungen nichts zerstört. Eine Wasserburg bei Bauda bei Dresden. Heynowski kann aus der Aufnahme interpretieren, dass es einen Holzturm in der Mitte der Anlage gab und dass der Graben mit Wasser gefüllt war. Alles zeichnet sich ab wegen der unterschiedlichen Wasserspeicherkraft des Bodens.

 "Die extreme Trockenheit in diesem Jahr hat dazu geführt, dass die Unterschiede zwischen feuchten und trockenen Gebieten extrem wurden", sagt Heynowski. "Die Befunde, die wir gesehen haben, die sind sehr detailscharf. Wir können Grabhügel sehen. Wir können Hausgrundrisse erkennen. Auf den Hausgrundrissen können wir einzelne Pfosten der Häuser sehen. Das ist sehr selten der Fall." 

 30.000 Bodendenkmäler entdeckt

Luftbildarchäologe Klaus Leidorf
Luftbildarchäologe Klaus Leidorf | Bild: BR

Klaus Leidorf ist Bayerns einziger Luftbildarchäologe. In seinem Gebiet wurden bis heute 30.000 Bodendenkmäler entdeckt. Unter anderen ein römischer Gutshof. Die Fundamente verhindern, dass die Pflanzen tief wurzeln und genug Wasser bekommen. "Das ist das Hauptgebäude", erklärt Leidorf das Bild. "Das Erstaunliche ist: Wir können sogar Details herauslesen. Wir können sehen, dass in diesen Räumen so Fußbodenheizungen der Römer waren. Das sind die sogenannten Hypokausten. Weil es hier so flächig hell ist, da gab es so was wie Fußbodenheizungen. Genauso auch hier in diesen kleinen Räumen." Bis 5000 vor Christus kann die Luftbildarchäologie zurück lesen – seit Beginn des Ackerbaus. 

"Auf diesem Bild hier sehen wir Ringe mit einem Rechteck in der Mitte", erklärt Heynowski eine rätselhafte Aufnahme. "Auf den ersten Blick denke ich dabei an Grabhügel aus der jüngeren Bronzezeit. Dort gibt es so kleine Grabhügel mit nur fünf Metern Durchmesser mit der Grabgrube in der Mitte. Tatsächlich handelt es sich um etwas ganz anderes. Wir sehen, der Bauer hat hier für sein Vieh eine Tränke rausgefahren. Und die Rinder kommen zu dieser Tränke und treten die Erde fest. Der Bauer versetzt diese Tränke von Zeit zu Zeit und an den Stellen, an denen vorher die Tränke gestanden hat, sind jetzt die Trittspuren der Rinder im Kreis. Und das Rechteck von der Tränke in der Mitte." Falsche Fährten. Spurensichtung.

Großtreben nördlich von Torgau. Grabhügel, aus der jüngeren Bronzezeit. 1200 vor Christus.
Großtreben nördlich von Torgau. Grabhügel, aus der jüngeren Bronzezeit. 1200 vor Christus.  | Bild: Landesamt für Archäologie Sachsen

An der Erdoberfläche wird das sichtbar, was tief verborgen ist – wie bei einer Röntgenaufnahme. Bilder aus den Tiefen der Zeit.

 Autor: Andreas Krieger

Stand: 30.09.2018 17:47 Uhr

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