SENDETERMIN So, 30.09.18 | 23:35 Uhr | Das Erste

Triumph des Wissens: Hooligans gegen Satzbau

PlayDie Initiative Hooligans gegen Satzbau
Triumph des Wissens | Video verfügbar bis 30.09.2019 | Bild: BR

Nazi-Parolen, Hitlergrüße, Hetzjagden auf Migranten. Spätestens seit Chemnitz fragt sich das demokratische Deutschland, wie man der Flut rechter Propaganda begegnen kann. Diese beiden machen es auf umwerfend witzige Art. Seit vier Jahren betreiben sie die Plattform "Hooligans gegen Satzbau", analysieren, verfremden, entlarven besonders dumme und besonders dreiste rechte Sprüche im Internet und in der wirklichen Welt.

Coole Grafik, erschreckende Inhalte

Hier sind Profis am Werk. Ein Grafiker und eine Erziehungswissenschaftlerin. In der Öffentlichkeit müssen sie maskiert auftreten, weil sie wegen ihrer Arbeit Morddrohungen bekommen. 

"Was sich ganz massiv verändert hat, ist die Grenze des Sagbaren", sagt Grafikhool. "Wir hätten vor vier Jahren nicht gedacht, dass das, was heute öffentlich geäußert wird, was heute selbst in die Politik wieder Einzug gehalten hat, dass so was wiederkommen wird." – "Also wenn wir über Nazis reden: Die Leute in den sozialen Netzwerken, die schreiben eben mittlerweile auch: 'Ja gut, dann bin ich eben ein Nazi.'", sagt Kiki Klugscheißerhool.

Hooligans setzen sich mit rechtem Gedankengut auseinander

Jetzt haben die beiden ein Buch herausgebracht. Eine satirische Rechts-schreib-Fibel, in der man den teils haarsträubenden grammatikalischen und inhaltlichen Unsinn rechter Wutbürger korrigieren kann. Aber den Hooligans geht es nicht darum, sich über sprachliche Verfehlungen lustig zu machen, sondern um das Denken, das sich hier ausdrückt. Wenn in sozialen Medien Begriffe wie Holocaust und Nationalsozialismus offen positiv besetzt, Wörter politisch umgedeutet werden, dann wehren sich die Hools dagegen. Mit verblüffend wirksamen Mitteln.

Die Hooligans maskieren sich zum Schutz vor Angriffen
Die Hooligans maskieren sich zum Schutz vor Angriffen | Bild: BR

 "Selbst Leute – wenn man dann auf die Profile geht – die eigentlich Familienväter sind, Omas, Opas – und da ihre Kinder, Enkelkinder drauf haben – wenn die dann von Vergewaltigung reden, die sie mir an den Hals wünschen, weil ich nur gegen etwas diskutiert habe, merkt man schon, dass die auf diese Bahn einsteigen", sagt Kiki Klugscheißerhool. "Also die gehen da mit."

Hooligans mit dem Smart Hero Award ausgezeichnet

Für ihre Online-Plattform wurden die Hooligans vor zwei Jahren mit dem Smart Hero Award ausgezeichnet, den unter anderem Facebook finanziert. Doch bei der Verleihung lehnten die Hools das Preisgeld ab und warfen Facebook vor, viel zu wenig gegen rechte Propaganda im Netz zu tun. 

"Jetzt kommt ja dazu, dass ich bei der AfD 24/7 das Gefühl habe, dass die im Dauerwahlkampf-Rausch sind", sagt Grafikhool. "Also soviel Unsinn, wie die permanent raushauen, um diese Empörung am Laufen zu halten, das kann kein normaler Mensch ernst meinen oder nehmen, das glaube ich nicht."

Kostenloses Exemplar für AfD-Bundestagsabgeordnete

Deswegen hat der Verlag jetzt eine Aktion gestartet. Das Buch der Hooligans wurde kostenlos an sämtliche AfD-Bundestagsabgeordnete verschickt. Wir wollten wissen, was die Abgeordneten aus dem Buch gelernt haben. Ob sie ihre – wie es im Brief des Verlags heißt – "zum Teil erheblichen Wissensdefizite in Sachen Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Geschichte" beseitigen konnten. "Nein, das habe ich nicht gelesen. Das sieht auch so aus, als würde ich das nicht wollen", sagt die AfD-Bundestagsabgeordnete Beatrix von Storch. "Ja gut, das macht ja jeder", sagt der AfD-Bundestagsabgeordnete Stephan Brandner. "Jeder, der eine billige Schlagzeile will, der kommt mit der Keule. Ist nix dran."

Gefährliche Folgen der Satire: Blogger Schlecky Silberstein

Satzbau
Ein ehemaliger Mitstreiters der Hooligans - der Blogger Schlecky Silberstein | Bild: BR

Wie gefährlich Satire gegen Rechts sein kann, zeigt der aktuelle Fall eines ehemaligen Mitstreiters der Hooligans. Der Blogger Schlecky Silberstein hatte für die ARD ein satirisches Video zu den Ereignissen in Cottbus produziert. Die AfD fühlte sich davon so provoziert, dass ein Berliner AfD-Politiker das Büro des Bloggers aufsuchte. Vor laufender Kamera. Im Film werden Adresse und Name der Produktionsfirma gezeigt. Die Folge war: Silberstein erhielt offensichtlich wegen seines jüdisch klingenden Pseudonyms antisemitisch begründete Morddrohungen.

Schutz durch Maskierung

"Wir sind maskiert. Das ist der Grund, warum wir es auch bleiben", sagt Kiki Klugscheißerhool. "Ich möchte die nicht zu Hause haben. Ich möchte auch kein Kamerateam zu Hause haben. Ich möchte nicht, dass meine Kinder belästigt werden. Ich möchte eigentlich frei sagen können. Eigentlich möchte ich keine Maske tragen. Aber ich weiß, dass es notwendig ist."

Rechte Propaganda zersetzt den öffentlichen Diskurs

Sprache ist verräterisch. Die "Hooligans gegen Satzbau" zeigen, wie sehr rechte Propaganda den öffentlichen Diskurs zersetzt hat. Aber sie beweisen auch, dass die Entlarvung dieser Propaganda viel Spaß machen kann.

 BUCH-TIPP

 Hooligans Gegen Satzbau: "Triumph des Wissens" | Verlag Antje Kunstmann

Autor: Joachim Gaertner

Stand: 30.09.2018 17:47 Uhr

16 Bewertungen
Kommentare
Bewerten

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Bitte beachten: Kommentare erscheinen nicht sofort, sondern werden innerhalb von 24 Stunden durch die Redaktion freigeschaltet. Es dürfen keine externen Links, Adressen oder Telefonnummern veröffentlicht werden. Bitte vermeiden Sie aus Datenschutzgründen, Ihre E-Mail-Adresse anzugeben. Fragen zu den Inhalten der Sendung, zur Mediathek oder Wiederholungsterminen richten Sie bitte direkt an die Zuschauerredaktion unter info@daserste.de. Vielen Dank!

*
*

* Pflichtfeld (bitte geben Sie aus Datenschutzgründen hier nicht Ihre Mailadresse oder Ähnliches ein)

Kommentar abschicken

Ihr Kommentar konnte aus technischen Gründen leider nicht entgegengenommen werden

Kommentar erfolgreich abgegeben. Dieser wird so bald wie möglich geprüft und danach veröffentlicht. Es gelten die Nutzungsbedingungen von DasErste.de.

Sendetermin

So, 30.09.18 | 23:35 Uhr
Das Erste

Produktion

Bayerischer Rundfunk
für
DasErste