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"Die Wiese – Ein Paradies nebenan"

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Die Wiese – ein Paradies nebenan | Video verfügbar bis 31.03.2020 | Bild: nautilusfilm / polyband Medien GmbH

Eigentlich muss man nicht weit gehen, um ein Wunder zu erleben. Es genügt, auf die Erde zu sehen, wo das Zittergras wächst. Schönheit ist etwas Unverfügbares. Der Mensch kann sie nicht machen, aber sehen, hören, schmecken, riechen oder: filmen. Die große Feier des Lebens beginnt genau jetzt, mit den ersten Sonnenstrahlen.

Das Leben beginnt mit dem Sonnenschein

"Die meisten Tiere werden erst aktiv, wenn die Sonne reinbretzelt", sagt Jan Haft, Regisseur des Films "Die Wiese – Ein Paradies nebenan". "Wenn sich die Blüten öffnen und den Nektar darbieten und die ganzen Blumen schreien: 'nimm, trink, bestäube mich und flieg weiter zur nächsten Blume', dann ist es auch für den Tierfilmer am spannendsten."

"Die Wiese - Ein Paradies nebenan"
Jan Haft, Regisseur des Films "Die Wiese - Ein Paradies nebenan" | Bild: nautilusfilm / polyband Medien GmbH

Wiesen sind Kindheitserinnerungen

Eine Wiese gehört zur Kindheit wie ein aufgeschlagenes Knie. Löwenzahnmilch probieren, Gänseblümchenketten, Heuhüpfer fangen. Welterfahrung beginnt in der geschützten Wiese, wenn man noch auf Augenhöhe ist und sich selbst überlassen. Wenn man erste Blumensträuße arrangiert, klebrige Säfte dabei an den Fingern nerven und man sich vor den Erwachsenen unsichtbar machen kann, im hohen Gras.

Wiesen sind Nutzflächen gewichen

Lange her, dass man auf einer Wiese rumlag. Dass man einfach so da war. Das hat nicht nur etwas mit dem Erwachsenwerden zu tun. Die Wiese ist weg. Ganz schleichend ist sie verschwunden. Sie war zu nichts nutze. 98 Prozent der Wiesen sind jetzt zu etwas Profitablem geworden. Parkplätzen, Maisfeldern. Nutzfläche eben. Gedüngt, gemäht, viele Male im Jahr.

Der Wiese ein Denkmal setzen

"Zwei Prozent sind noch da", sagt Jan Haft. "Das ist der am meisten bedrohte heimische Lebensraum. Bedrohter als das Hochmoor oder das Wattenmeer oder irgendwelche Quellseen, weil er so stark geschrumpft ist in letzter Zeit. Und dafür gibt es Gründe. Eigentlich könnte man das Verschwinden der Wiesen ganz leicht aufhalten, und deswegen lohnt es sich auf jeden Fall, darauf aufmerksam zu machen und auch der Wiese ein Denkmal zu setzen."

"Die Wiese - Ein Paradies nebenan"
Szenenbild aus dem Film "Die Wiese - Ein Paradies nebenan" | Bild: nautilusfilm / polyband Medien GmbH

Eine Wiese braucht Zeit

Der Grund ist die Intensivbewirtschaftung. Seit Jahrtausenden mähte der Mensch, um sein Vieh mit den Kräutern und Gräsern zu füttern, und erst durch die Mahd entstand eine ungeheure Artenvielfalt. Über 1000 verschiedene Pflanzen für 3500 Tierarten. Die Wiese hatte Zeit. Nur eine Wiese, die bis Juni wachsen darf und nicht überdüngt wird, entwickelt diese Vielfalt.

Jeder winzigste Fleck birgt erstaunliche Kreaturen. Hier eine kleine Zikaden-Larve. Sie versteckt sich im selbstproduzierten Schaum an einem Stengel. Evolution ist eine wundersame Schöpfung. Oder Ragwurzen. Ihr Trick: Ihre Blüten ähneln Langhornbienenweibchen. Das zieht die Männchen an und in den wenigen Tagen, in denen Männchen schon geschlüpft sind, die Weibchen aber noch nicht, wird diese seltene Orchidee bestäubt und überlebt.

Szene aus dem Film "Die Wiese - Ein Paradies nebenan"
Szenenbild aus dem Film "Die Wiese - Ein Paradies nebenan" | Bild: nautilusfilm / polyband Medien GmbH

Eine Wiese hinterlässt Eindrücke

Ach ja. "Ich weiß, dass ich nichts weiß." In einer Wiese findet man das Staunen wieder, das man dort einst zurückgelassen hat. "Natürlich hinterlässt jeder Sinneseindruck, der auf ein Kind einwirkt, einen bleibenden Eindruck", sagt Haft. "Das betrifft Gerüche und vielleicht auch körperliche Erfahrungen. Das Laufen durch eine Wiese, wenn einem die Halme an den Beinen schlagen, wenn man kurze Hosen anhat und das Wegspritzen der Heuschrecken. Das ist natürlich etwas, an das ich mich heute wieder erinnere, wenn ich mit der Kamera unterwegs bin, um Aufnahmen zu sammeln für den Film."

Wenn die Wiese erwacht

Nachts, wenn die Gestirne vorbeifliegen, schläft die Wiese. Am Morgen sieht man dann, an sanft gebogenen Halmen: Bienen, die – tatsächlich – träumen. Langsam wachen sie auf und fliegen davon. Einmal im Leben wirklich miterleben, dabei sein, wenn eine Wiese erwacht. Hier, zwischen Gräsern und Himmel hat vieles angefangen. Etwa unser Bewusstsein von Schönheit.

"Die Wiese - Ein Paradies nebenan"
Szenenbild aus dem Film "Die Wiese - Ein Paradies nebenan" | Bild: nautilusfilm / polyband Medien GmbH

 

Kino-Tipp: "Die Wiese – Ein Paradies nebenan", D 2019, Regie: Jan Haft, ab 4. April im Kino

Buch-Tipp: Jan Haft: "Die Wiese. Lockruf in eine geheimnisvolle Welt", Penguin Verlag

Autorin: Angelika Kellhammer

Stand: 02.04.2019 12:14 Uhr

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Bayerischer Rundfunk
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