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Walter Gropius – Architekt seines Ruhms

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Walter Gropius – Architekt seines Ruhms | Video verfügbar bis 31.03.2020 | Bild: BR

Er zählt zu den ganz Großen, zu den Heroen der Moderne. Bislang. Walter Gropius. Das Bauhaus in Dessau, heute Weltkulturerbe. New York: das gigantische Pan Am Building. In Berlin ein ganzer Stadtteil – nach ihm benannt.

"Gropius war ein Hochstapler und das musste er ja sein, weil: Er hatte ja keinerlei Voraussetzungen. Es war relativ bekannt, auch in Architektenkreisen, dass er nicht zeichnen konnte", sagt Bernd Polster, der mit seinem Buch "Walter Gropius. Der Architekt seines Ruhms" den Mythos entzaubert.

Gropius‘ Bauwerke wurden von Mitarbeiten gebaut

Das Architekturstudium schmiss Gropius nach wenigen Semestern. Architekt wurde er trotzdem. Mit welcher Chuzpe er das schaffte, zeichnet Bernd Polster in seinem Buch nach. Er zeigt, dass viele Gebäude, die landläufig mit dem Namen Gropius verbunden sind, in Wahrheit von Mitarbeitern entworfen wurden. "Er hatte immer hervorragende Mitarbeiter", sagt Polster. "Das war auch sein großes Können, dass er die gefunden und ausgesucht hat. Die haben dann für ihn die Arbeit gemacht. Und er hat dann seinen Namen darauf gestempelt." Oder wie Walter Gropius selbst es formulierte: "Ich bin ein Vertreter des Teamwerks."

Walter Gropius
Walter Gropius (rechts) mit einem Kollegen | Bild: BR

Adolf Meyer entwirft und zeichnet für Gropius

Im Büro Behrens, wo Gropius kurz angestellt ist, trifft er auf seinen ersten Kompagnon. Adolf Meyer. Ein studierter Ingenieur und Architekt, gelernter Tischler. Mit ihm gründet Gropius ein Büro. Meyer zeichnet und entwirft Gebäude und Möbel. Auch die berühmte Gropius-Klinke. Sie muss eigentlich Meyer-Klinke heißen. "Gropius hätte eigentlich immer den Meyer mitnennen müssen", sagt Polster. "Weil es einfach so war. Wenn man jetzt mal mit Wahrscheinlichkeit rangeht und sich die Ausbildung ansieht, der eine hat gar keine, ist gescheitert, und der andere hat drei Ausbildungen, dann fragt man sich, was denn wahrscheinlicher, dass der die ganzen Sachen gemacht hat. Und der andere war auch sehr selten im Büro."

Walter Gropius
Walter Gropius | Bild: BR

Woher diese Selbstsicherheit?

Als junger Mann verbringt Gropius viel Zeit auf den Landgütern seines Onkels Erich in Hinterpommern. Hier baut er auch sein erstes Gebäude. Eine Scheune, wie eine Burg. Die Welt der Junker und Herrenreiter. Davon war er fasziniert. "Das hat ihn dann wahrscheinlich auch dazu gebracht, dass er Husar werden wollte", sagt Polster. 

Gropius ist Reiter bei den Husaren

"Ich hatte gedient bei den Wandsbeker Husaren und bin mit den Zietenhusaren in den Krieg gegangen" erinnert sich Gropius 1963 in einem Fernsehinterview. "Habe Patrouillen geritten. Habe sogar das erste Eiserne Kreuz in meinem Regiment bekommen, für Patrouillenreiten - und dieses Reitenkönnen ist noch heute in meiner Vorliebe."

Vom Rechtsnationalen zum Sozialisten

Der Husar! Noch im ersten Weltkrieg ist Gropius rechts-national eingestellt, verehrt Kaiser Wilhelm und Ludendorff, schimpft auf Juden. Doch nach der Revolution in Berlin geschieht eine unglaubliche Wandlung, innerhalb weniger Wochen. Er trifft seinen Architekten-Kollegen Bruno Taut, einen Sozialisten, der ihn zum Arbeitsrat für Kunst mitnimmt. "Innerhalb eines Schnellkurses in Sozialismus und Esoterik war er dann umgedreht und mit Feuereifer dabei", sagt Polster. "Ist natürlich auch gleich Schriftführer geworden. Man kennt die Leute klar, man kennt sie, die dann gleich Schriftführer werden und gleich das große Wort führen, obwohl sie eigentlich vorgestern noch gar nichts davon wussten."

Bernd Polst
Bernd Polster | Bild: BR

Bau des Pan Am Buildings in New York

Boss im "Teamwerk". Cambridge, USA. 60er Jahre. Das Architekturbüro TAC. The Architects Colleborative. Es heißt, Gropius habe es mit sieben jüngeren Kollegen gegründet. "Es stimmt nicht. Er hat sie nicht gegründet", sagt Polster.  

Die sieben Kollegen hatten sich selbst zu einem links-alternativen Kollektiv zusammengeschlossen und holten Gropius später dazu. Das Büro war auch an dem Bau des Pan Am Buildings in New York beteiligt. Gropius drehte es in der Achse, so dass es monumentaler wirkte und die Sicht versperrte. "Das größte Gebäude in New York, fast zu groß. 59 Stockwerke mit 67 Elevators in dem Gebäude und so weiter", protzte Gropius. 

Die New Yorker hassen das Gebäude

Wie bescheiden! Das heutige MetLife Gebäude ist nach wie vor höchst umstritten. "Gropius hat nicht damit gerechnet, dass die New Yorker ihre Stadt so lieben und es überhaupt nicht mögen, wenn einer – wie er es gemacht hat – diesen Riesenklotz quer auf die Park Avenue stellt", sagt Polster. "Das haben sie ihm nie verziehen und haben das dann später als das Gebäude gewählt, das sie am liebsten abreißen würden."

Gropius-Biografie – fast ein Schelmenroman

Polsters Gropius-Biografie liest sich wie ein Schelmenroman. Die Geschichte vom Studienabbrecher, der andere für sich arbeiten lässt und als geschickter Ideendieb die ganze Kunstwelt narrt. Andererseits: Braucht es nicht immer auch Menschen wie Gropius, die Ideen gut verkaufen, auch wenn sie nicht die eigenen sind?

Glück im Leben und begnadeter Selbstdarsteller

Der Mann hatte einfach Glück im Leben und Charisma. Die Verehrung, die er bei manchen Studenten in den USA genoss, war enorm. Ebenso nach dem Zweiten Weltkrieg in der Bundesrepublik. Zum Jubiläum "50 Jahre Bauhaus" gab es eine gigantische Ausstellung. Emigrant Gropius war dabei der Superstar. "Wofür er natürlich nichts konnte war, dass in den sechziger Jahren die Ausschwitzprozesse waren und das Image Deutschlands in den Keller rauschte, man unbedingt was brauchte, was man dagegenhalten konnte. Das war sozusagen das Gegengift gegen Ausschwitz."

Gropius, der gute Deutsche, der angeblich vor den Nazis geflohen war. Auch das stimmte nicht so ganz. Sei's drum. Der Held der modernen Architektur war in Wahrheit nur ein begnadeter Selbstdarsteller, ein guter Erzähler, ein Filou. Naja.

Buch-Tipp: Bernd Polster: "Walter Gropius. Der Architekt seines Ruhms", Hanser Verlag

Autor: Norbert Haberger

Stand: 31.03.2019 18:15 Uhr

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