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"Der Schattenkrieg"

Die geheimen Tötungskommandos des Mossad

Autor und Journalist Ronen Bergman spricht über seine Recherchen.
Autor und Journalist Ronen Bergman spricht über seine Recherchen. | Bild: ttt

Dubai, 19. Januar 2010. Im Hotel Al Bustan Rotana checkt ein hochrangiges Mitglied und Waffenbeschaffer der Hamas ein, Mahmud al-Mabhuh. Ihn verfolgt ein Tötungskommando des Mossad, als Touristen und Tennisspieler getarnt. Als Mabhuh den Aufzug verlässt, ahnt er nicht, dass er Minuten später tot sein wird. Haben die Mossad-Agenten damit gerechnet, dass Überwachungskameras jede ihrer Bewegungen dokumentieren? Der Mord in Zimmer 230 sollte wie ein natürlicher Tod aussehen. Die Täter waren sich ihrer Sache sehr sicher. Auf dem Rückzug trägt einer von ihnen noch die Gummihandschuhe an den Händen.

Ein Geheimdienst mit der Lizenz zum Töten

Ronen Bergman, Chefkorrespondent für Militär- und Geheimdienstthemen bei der israelischen Tageszeitung "Yediot", legte jetzt die erste umfassende Geschichte der geheimen Tötungskommandos des Mossad vor, sie reicht von der Staatsgründung Israels 1948 bis heute. Zu der Aktion in Dubai sagt er:

Autor und Journalist Ronen Bergman spricht über seine Recherchen.
Autor und Journalist Ronen Bergman spricht über seine Recherchen. | Bild: ttt

"Das war ein großer Fehler wegen mehrerer Dinge. Erstens wurden Mossad-Agenten mit ihren Gesichtern enttarnt. Manche benutzten falsche Schnurrbärte, manche Perücken. Aber zum ersten Mal gab es überhaupt Bilder von einer Mossad-Operation. Zweitens wurde die Vorgehensweise des Mossad aufgedeckt. Drittens war es enorm peinlich für Israel, nachdem Israel versprochen hatte, keine falschen Dokumente und Pässe befreundeter Länder mehr zu benutzen. Und dann kam durch diese Aktion heraus, dass sie sich nicht daran gehalten hatten."

Auch im Iran schlägt der Mossad 2010 zu. Ausgeschaltet werden sollen Wissenschaftler, die an der Entwicklung einer Atombombe arbeiten. Einige Zeit später explodiert vor den Toren Teherans eine schwer bewachte Militärbasis. Der Iran hatte hier Raketen getestet. Die atomare Aufrüstung stellt für Israel eine reale Bedrohung dar, wie sich in einer Rede des einstigen iranischen Rechtsgelehrten Ayatollah Khomeini zeigt: "Das zionistische Regime ist ein Krebsgeschwür. Es muss entfernt werden, und es wird entfernt werden."

Wie der "Schattenkrieg" entbrennt

Der "Schattenkrieg" entbrennt. Mit offenem Ausgang, wie ein Aufruf Benjamin Netanjahus ahnen lässt: "Das iranische Regime ruft offen auf zur Zerstörung des Staates Israel. Es plant die Vernichtung von Israel. Wenn es um unsere Existenz geht, unser Schicksal, dann können wir unsere Zukunft nicht in die Hände anderer legen. Dann müssen wir uns allein auf uns selbst verlassen."

Selbstmordanschlag in Israel
Selbstmordanschlag in Israel | Bild: IMAGO

Israel im permanenten Verteidigungszustand: Mit der zweiten Intifada, die Ende 2000 beginnt, kommt es im Land zu mehr als 20.000 Terroranschlägen. Nie zuvor wird die Verletzlichkeit der hochgerüsteten Militärmacht so deutlich. Israel muss sich entscheiden, einen offenen Krieg mit großen Teilen der arabischen Welt zu riskieren (und vielen unschuldigen Opfern) – oder gezielt die Drahtzieher des Terrors zu liquidieren.

Das ist die Stunde des Mossad. Er identifiziert die Verantwortlichen und tötet gezielt mehr als 200 von ihnen. Attentate, ohne rechtsstaatliche Verfahren, ohne Gerichtsurteil. Wie aber legitimiert sich ein Geheimdienst mit der Lizenz zum Töten in einem demokratischen Staat?

 "Es ist ein moralisches Dilemma"

"Ich will hier nichts verteidigen“, sagt dazu Mossad-Experte Ronen Bergman, "aber hier haben wir ein moralisches Dilemma", gibt er zu Bedenken. Denn: "Wenn Sie ein Geheimdienstoffizier wären und wüssten, jemand rekrutiert im Ausland Selbstmordattentäter und schickt sie dann los – er hat das getan, er tut das jetzt gerade und wird das wieder tun – und hunderte Menschen wurden bereits getötet von Attentätern, die von dieser Person entsandt worden sind. Und Sie können ihn auch nicht verhaften, denn er ist zu weit weg – und selbst wenn Sie Truppen schickten, wäre er verschwunden, bevor sie einträfen ... Dann bleibt als einzige Möglichkeit, ihn zu bekommen, die, ihn zu töten."

Blick auf die Anfänge des Mossad und ein Land im Schatten des Holocaust

Ronen Bergmans erzählt in seinem Buch auf 800 hochspannenden Seiten erstmals die Geschichte des israelischen Auslands-Geheimdienstes, der der effektivste der Welt werden sollte. Seine Vorläufer sind die jüdischen Widerstandsgruppen der Hagana, die im Untergrund gegen die britische Mandatsmacht von Palästina kämpften.

Dabei sind die Anfänge des Mossad, erzählt Bergman in seinem Buch, alles andere als professionell. Der jüdische Staat ist mit dem Aufbau des Landes so beschäftigt, dass er die Kriegsvorbereitungen seines Nachbarn Ägypten unterschätzt. Erst aus dem Fernsehen erfährt der Mossad von einem Raketenprogramm, das Israel vernichten soll. Der Film "Der Mossad, die Nazis und die Raketen" erinnert an dieses vergessene Kapitel.  Ausgerechnet deutsche Experten sind mit der Entwicklung der Waffen beauftragt, ehemalige Raketentechniker der Wehrmacht, die am Bau der V2 beteiligt waren. Für die Überlebenden des Holocausts, die in Israel Zuflucht gefunden haben, ist das ein Schock. Der langjährige Staatspräsident und Friedensnobelpreisträger Schimon Peres ruft ihn in Erinnerung: "Stellen Sie sich vor, was das heißt: Deutschland hilft Ägypten, Israel auszulöschen! Nach dem Holocaust! Das ist monströs. Das würde alle Hoffnungen zerstören.“

Die israelische Regierung beauftragt den Mossad, das Raketenprogramm mit allen Mitteln zu verhindern. Der  Wissenschaftler Heinz Krug verschwindet im September 1962 in München. Seine Leiche wird nie gefunden. Eine Briefbombe tötet fünf ägyptische Angestellte und eine weitere Briefbombe an ein deutsches Ingenieurbüro in Ägypten kostet die Sekretärin das Augenlicht. Ein zu hoher Preis, der Mossad wird abgezogen und die Raketenkrise auf politischer Ebene gelöst.

Tausende Dokumente und Interviews liegen dem Buch zugrunde

Neue Einblicke in die Geschichte des Mossad
Neue Einblicke in die Geschichte des Mossad | Bild: DVA

Ronen Bergman, Reporter hat acht Jahre an dem Buch gearbeitet. Tausende Dokumente gesichtet und Angehörige des Mossad interviewt. Eine beachtliche Leistung, wenn man bedenkt, dass in Israel das Gebäude des Mossad nicht einmal von außen gefilmt werden darf. Bergman gelingt es sogar, hinter die Fassaden des "Instituts" zu blicken, wie "Mossad" aus dem Hebräischen übersetzt heißt. Herausgekommen ist das kritische Porträt eines des umstrittensten und geheimsten Geheimdiensts der Welt.

"Wir sollten über eine Kontrolle der Geheimdienste nachdenken"

Doch was folgt aus seinen Erkenntnissen, die ihn manchmal nicht mehr ruhig schlafen lassen? "Lassen Sie mich eins sagen: Es gab Momente, da habe ich mir gewünscht, ich hätte manche Dinge nicht herausgefunden. Dinge, die mein Land nicht hätte tun sollen. Dinge, die einzelne Personen nicht hätten tun sollen. Für einen Journalisten sind das natürlich "Kronjuwelen", so etwas herauszufinden. Als israelischer Bürger sage ich, wir müssen in den Spiegel schauen. Wir sollten über eine Art Kontrolle nachdenken, die wir alle zusammen über die Geheimdienste ausüben."

Autoren: Matthias Morgenthaler und Rayk Wieland

Buchtipp
Ronen Bergman: Der Schattenkrieg. Israel und die geheimen Tötungskommandos des Mossad
DVA, 864 Seiten, Erscheint:  22.01.2018

Stand: 24.07.2018 16:03 Uhr

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