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Im Stich gelassen?

Kabuls Künstler nach dem NATO-Abzug

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Kabuls Künstler nach dem NATO-Abzug | Video verfügbar bis 08.08.2022 | Bild: picture alliance AA / Haroon Sabawoon

Sie werden mich töten. Ich weiß, dass sie mich töten werden

Die letzten amerikanischen Soldaten verlassen Afghanistan. Die Deutschen sind schon weg. Kabul ist noch unter der Kontrolle der afghanischen Regierung, doch schon jetzt besetzen die Taliban den größeren Teil des Landes. Es könnten nur noch Wochen, bis sie auch die Hauptstadt Kabul einnehmen.

"Sie werden mich töten. Ich weiß, dass sie mich töten werden. Und ich bin darauf vorbereitet. Ich mir nur Sorgen um meine Mutter, aber ansonsten über gar nichts mehr. Ich muss in diesem Land bleiben. Ich muss erzählen was hier los ist", sagt Sahraa Karimi, Regisseurin und Vorsitzende von "Afghan Film".

Sahraa Karimi ist die erste und einzige Frau in Afghanistan, die einen Doktortitel in Filmregie und Drehbuch hat – und die erste die in Kabul drehte
"Hava, Maryam, Ayesha" erzählt von drei Frauen aus verschiedenen Schichten in Kabul und ihren Herausforderungen während ihrer Schwangerschaften. Der Film wurde (2019) auf den Filmfestspielen Venedig gezeigt.  
"Afghan Film": Eine Mischung aus staatlicher Produktionsfirma und Filmförderung. Sahraa Karimi ist die erste Frau, die "Afghan Film" leitet. Die Institution ist maßgeblich dafür verantwortlich, dass in Afghanistan überhaupt Filme gedreht werden.

"Die Filmszene in diesem Land wird für alle Zeiten zerstört", sagt Sahraa Karimi. "Viele unserer besten Regisseure haben das Land schon verlassen. Sie sprechen nur nicht darüber, weil sie die panische Stimmung nicht noch anheizen wollen. Aber sie sind weg. Nicht mehr hier. Wir sind nur noch wenige, die hiergeblieben sind und hier arbeiten. Das Filmemachen wird für alle Zeit zerstört werden. Und wir werden leiden." 
Sahraa Karimi ist in Teheran geboren, hat in Bratislava studiert. In der Slowakei machte sie erste Filme, aber 2012 ging sie nach Afghanistan – und will bleiben, gesehen werden. Eine Fotosession für die Titelseite der französischen Zeitung "l’humanite", für eine Reportage über Frauen in Afghanistan.

Meine Generation lebt seit 20 Jahren im Krieg

"Die Amerikaner haben mit ihren plötzlichen Entscheidungen so viel kaputt gemacht. Ohne jedes Verantwortungsbewusstsein", sagt Sahraa Karimi. "Meine Generation ist sehr wütend. 20 Jahre habt ihr so viele Projekte gemacht mit so viel guten Ergebnissen. Es gab Input, Output. Die Amerikaner hatten einen Plan. Und plötzlich ignoriert ihr uns alle. OK, das war’s?! Wir haben Zeit gebraucht zu wachsen. Und gerade jetzt, wo wir bereit sind für Entwicklung, für wirkliche Entwicklung, werden wir von allen verlassen."

Afghanistan wird sich selbst überlassen. Die Taliban stehen schon vor Kabul. Verstecken sich vielleicht schon in Stadt, warten auf den Angriff.

LBR. Left But Right. Die wichtigste HipHop-Band des Landes. Im Fadenkreuz der Taliban. 
"Wer bin ich, wie heiße ich? / Was mache ich hier? Was ist mein Job? / Lügen und Betrügen ist nicht meine Art. / Wenn du meinen Rap magst, dann mach mit", heißt es in einem ihrer Songs.

"Meine Generation lebt seit 20 Jahren im Krieg. Von dem Tag an, an dem ich geboren wurde", erzählt Soaban Faris Lalzad von LBR. "Während ich auf die Welt kam, wurde geschossen. Es war Krieg und es ist immer noch Krieg. Ich habe keine Angst davor. Mein Bruder und mein Vater sind in den Kämpfen und wenn sie nicht da sind, dann werde ich es sein."
"Das ist ganz normal geworden. Hier ist eben Krieg, wir haben keine Angst oder Stress, hier bringen sich ständig Leute um. Seit 20 Jahren", sagt Jawad 13 von LBR.

Jawad ist Hasard. Eine schiitische Minderheit, die besonders von den Taliban bedroht ist und in den Neunziger Jahren verfolgt wurde. Als eine der wenigen Bands haben sie ein eigenes Studio.
"Wenn die Taliban sehen, dass jemand die Tanbur spielt, wird er kahlrasiert, sein Gesicht schwarz angemalt und die Tanbur kaputtgeschlagen", erzählt Soaban Faris Lalzad von LBR. "Sie sagen: Mach das nie wieder! In Helmand haben die Taliban einen Musiker umgebracht. Daran sieht man, dass sie völlig willkürlich mit Künstlern umgehen."
LBR verteidigen in ihren Texten die Freiheit, sampeln mutig traditionelle Elemente und haben virale Hits im Internet. Ihr Traum: Konzerte in Europa, weit weg. Aber leben wollen sie in Kabul. Nirgendwo sonst. Und koste es alles!

Razia Sharifi ist die Managerin der "Art Lords", eines Künstlerkollektivs in Kabul. Ursprünglich ging darum, die Beton-Sprengschutzmauern der Stadt zu verschönern. Ein Statement gegen den Krieg und die zerfahrene politische Lage im Land. Inzwischen geht es darum, die Szene überhaupt noch am Leben zu erhalten und jungen Künstlern die Möglichkeit zu geben, zu malen und auszustellen. Großzügige Galerie-Räume unterstützt durch Spenden, NGOs, ausländische Regierungen. Extrem gefährdet.  

Lieber sterben – als in diese Dunkelheit

"Um ehrlich zu sein: Ich habe keine Hoffnung mehr", sagt Razia Sharifi, Managerin von "Art Lords". "Ich weiß nicht, was passieren wird. Seit ich ein Kind war, habe ich auf Frieden gehofft. Ich hatte die Hoffnung in einem friedlichen Land leben zu können, in Frieden zu arbeiten. Aber es wird nie Frieden geben."
Was wird aus ihnen, wenn die Taliban kommen?
"Wir gehören dann den Taliban", sagt der Maler Mehr Agha Sultani. "Wir können gar nichts tun. Wir warten einfach darauf, was sie mit uns machen. Sie sind gegen Kunst."

Die Burka, die sie malt, steht für sie für die Unterdrückung der afghanischen Frau. Die Taliban sind noch nicht hier, sagt sie. Die blanke Angst aber schon.
"Alles was wir malen, alles was wir bis jetzt gemacht haben, ist Blasphemie für die Taliban", erzählt die Malerin Nargis Khowajazada. "Weil wir Gesichter malen. Weil wir Nachrichten und Botschaften gegen die Taliban an die Bevölkerung übermitteln. Deshalb haben alle große Angst. Wir fürchten uns, alt und jung, groß und klein, alle machen sich große Sorgen."

"Ich mache mir Sorgen, weil die Taliban so viele Probleme mit Mädchen und Frauen haben. Sie wollen einfach, dass Mädchen und Frauen zu Hause bleiben und nichts tun. Sie sollen keine Ausbildung machen", erzählt Razia Sharifi, Managerin von "Art Lords". "Sie sollen nicht arbeiten. Afghanische Frauen wie ich werden diese Rückkehr in die Dunkelheit niemals akzeptieren. Wenn sie mich töten wollen, dann ist es besser, wenn sie mich töten, als dass ich in diese Dunkelheit zurückkehre."

In größter Lebensgefahr werden sie einfach sich selbst überlassen. Und trotzdem bleiben sie. Lieber sterben – als in diese Dunkelheit.


Bericht: Daniel Böhm / Andreas Krieger

Stand: 08.08.2021 19:08 Uhr

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