SENDETERMIN So, 10.02.19 | 23:35 Uhr | Das Erste

Udo Lindenberg – Nachtigall, Exzessor, Panikpräsident

Eine Reise durch seine Karriere

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Udo Lindenberg - Nachtigall. Exzessor. Panikpräsident. | Video verfügbar bis 11.02.2020 | Bild: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Eine Schiffsmeldung aus den Weiten des Lindischen Ozeans: Udo Unplugged zum Zweiten! "Manche denken. Du hast ja gemacht. Unplugged. So ein großes Ding. Und und und. Ja, warum riskierst du jetzt ein zweites. Wieso Risiko? Es kommt genau wie bei meinem Kollegen Marlon Brando. Der Pate. Teil 1, Teil 2, vielleicht denn auch Teil 3. … Und ich freue mich sehr, dass es jetzt wieder losgeht. Ja."

Für dieses Unplugged wurden Schätze gehoben

Unplugged – hat immer auch was von Firmenabschied: Eleven huldigen. Kollegen bringen Ständchen. Vergessenes wird verklärt. Für dieses Unplugged aber wurden Schätze gehoben, eine Reise bis zum biografischen Anfang unternommen:

Lindenberg mit Joseph Beuys bei Künstler für den Frieden, 1982
Lindenberg mit Joseph Beuys bei Künstler für den Frieden, 1982 | Bild: dpa

"Meine erste Sprache war das Trommeln. Ich bin groß geworden in den Trümmern des Zweiten Weltkrieges und so. Vater war noch so ein Nazisoldat und so. Fünfziger Jahre. Keiner war's gewesen. Großes Schweigen. Nur Schlager. Nur fröhlich, wenn sie besoffen waren, wenn sie in die Kneipe gingen und so. Und ansonsten wurde nie darüber geredet. Der ganze Nazischeiß und so, das ganze Verbrechen und so, keiner war dabei angeblich. Und gegen das Schweigen habe ich angetrommelt:

Ich mache Randale gegen das Schweigen. Ich fordere jetzt: Ihr müsst sprechen und so. Als ich dann anfing mit den deutschen Texten, dann war das gut, dass ich (als Schlagzeuger) die Rhythmik drauf hatte. Deswegen war das eben auch so geschmeidig mit den deutschen Texten."

Mit Nasalen und Nuscheln oder: "Es geht ja doch in Deutsch."

Beim Konzert "Unplugged 2" lässt sich hören, dass Deutsch Singende wie Jan Delay von Udo Lindenberg gelernt haben. Mit Nasalen und Nuscheln hat er dieser kantigen Sprache eine unvermutete Wirkung verpasst. 1972 erfindet er das Lindenbergisch:

Udo Lindenberg mit Jan Delay im Konzert Live vom Atlantik
Udo Lindenberg unplugged | Bild: MDR / Tine Acke

"Auf Bierdeckel irgendwelche Ideen aufgeschrieben (und gedacht): Das müsste man doch eigentlich mal singen und so. Erst auch ein paar esoterische Sachen, inspiriert durch Hermann Hesse: 'Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne.' Und so.15 Doppelkorn im Kopf und so. Und dann war das so eine Korrespondenz zwischen Straße und mir. Das ging so hin und her mit Sprüchen. Hoch im Norden, hinter den Deichen bin ich geboren. Es begann mit einer Lüge, weil da komme ich ja eigentlich gar nicht her. Ich komme ja aus Gronau an der Donau. Fast schon illegal so was rauszubringen, weil es so ungewohnt war. Aber dann war klar. Es geht ja doch in Deutsch."

Keine Schlagergrütze, sondern cool

Udo ist der Sohn von Hermine und Gustav Lindenberg, einem Installateur. Als Kind trommelt er auf Benzinfässern, will Kellner auf einem Kreuzfahrtschiff werden. Einfach nur weg! "Getrampt oder mit dem Moped oder schwarz mit der Bahn. Immer bin ich dir irgendwie hinterher gefahrn", singt Lindenberg im Liebeslied "Cello".  Auf Deutsch. Keine Schlagergrütze, keine Liedermacher-Betroffenheit, sondern cool. "Nützt ja alles nichts. Einer muss den Job ja machen", heißt es im gleichnamigen Song. Ironische Selbstverklärung. Die Deutschen lieben ihn, weil er all das mit großer Leichtigkeit tut, was ihnen so schwer fällt. Wohnen im Hotel. Rocken im Rentenalter. Empathisch sein – und tolerant. Wie er sich selbst und die Welt sieht?

"Wir bauen uns die Welt, so wie sie uns gefällt. Auch ein bisschen chaotisch und ein bisschen Rasselbande und so. Und ein bisschen Scheiße-Bauen, Streiche spielen, aber trotzdem: In the end ist alles besser und fairer. Wir müssen die Welt irgendwie ändern. Und dieser Vorsatz – man sich vielleicht geschworen, früher einmal – soll auch immer bleiben.

"Ich bin eine Art Medium"

Lindenberg war schon mal richtig weg. Rund um die Jahrtausendwende: die Charts irgendwo hinter dem Horizont. 2008 folgte dann die unwahrscheinliche Rückkehr mit dem Album "Stark wie zwei". Seine erste Nummer 1. Kunst-Nuscheln und Wörterkauen machen jetzt auch die Kleinen – er hat’s erfunden. Und im Loop: sein Lob der Selbstgenügsamkeit: "Und ich werde mich nicht ändern. Will kein anderer mehr sein. Ich habe 1.000 Pläne. Doch einen Plan B habe ich keinen."

Udo Lindenberg im ttt-Interview
"Meine erste Sprache war das Trommeln." | Bild: ttt

Udo bedeutet auch Distanzlosigkeit. "Du" für alle. Man sagt die Callas, aber der Udo. Das ist der Unterschied. Er hat sich mit seiner Kunst gerettet. Aus Rhythmus macht er Sprache, aus Sprache: Musik. Wo kommen seine phantastischen Sätze her? "In den endlosen Gängen des Shining Hotels, da bin ich nachts unterwegs, immer. Und dann fliegen mir die Texte so zu. Wie eine Art Eingebung. Durch die Zimmerdecke und so. Ich bin eine Art Medium, es wird durch mich hindurch geschrieben. Aber ich bin gerne ein Medium. Ich gucke auf einen Bierdeckel oder einen Zettel oder so:. Geiler Text. Aber das ist anderen auch schon so gegangen. Mit den Eingebungen. Oder? Die Kollegen Mozart, Beethoven, große Schreiber und so. Die waren immer auch nicht so ganz allein. Zumindest der Weingeist war dabei. Die Geister schreiben da mit. Oder auch ein Eierlikör. Ist auch Weingeist drin, glaube ich."

Unplugged kann eine melancholische Angelegenheit sein. Ein letztes Schulterklopfen vorm Ruhestand. Hier aber klingen selbst die Lieder aus den Siebzigern wie gerade geschrieben. Udo ist das Gegenteil von Rente. Udo ist sicher.

Autor: Andreas Krieger

Programmtipp
Udo Lindenberg: Volle Kraft voraus – Begegnungen auf dem Lindischen Ozean | Das Erste | 22.02.2019 | 22:30 Uhr
Udo Lindenberg: Live vom Atlantik – Konzertaufzeichnung aus der Hamburger Kulturfabrik Kampnagel | Das Erste | 22.02.2019 | 23:15 Uhr

Stand: 18.05.2019 17:29 Uhr

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Sendetermin

So, 10.02.19 | 23:35 Uhr
Das Erste

Fr, 22.02.19 | 22:30 Uhr

Fr, 22.02.19 | 23:15 Uhr

Produktion

Mitteldeutscher Rundfunk
für
DasErste