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Von Donnersmarcks Comeback: Werk ohne Autor

Bewegendes Künstlerschicksal im Nachkriegsdeutschland

Playtitel thesen temperamente
Von Donnersmarcks Comeback: Werk ohne Autor | Video verfügbar bis 10.09.2019 | Bild: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Für seinen ersten Film "Das Leben der Anderen" bekam er den Oscar. Für seinen zweiten "The Tourist" Prügel. Sein dritter Film, nun zur Weltpremiere in Venedig aufgeführt, stellt die existentiellen Fragen für einen Künstler: Was ist Wahrheit und was nur das Abbild der Lüge? Welche Macht hat Kunst?     

"Sieh niemals weg!"

Mit seiner Tante besucht ein kleiner Junge die Ausstellung "Entartete Kunst" in Dresden. Für Kurt wird das eine frühe Lektion. "Kunst kommt von Können!", höhnt der Ausstellungsführer. Seine an Schizophrenie leidende Lieblingstante Elisabeth lacht nur und meint: Ihr gefalle, was sie sehe. Sie gibt Kurt eine, sein Leben prägende Maxime auf den Weg: "Sieh nicht weg. Sieh niemals weg. Alles, was wahr ist, ist schön." Später wird sie Opfer des Euthanasie-Programms der Nazis. Den Arzt,  der sie in die Gaskammer schickt, mimt Sebastian Koch als gnadenloses Ungeheuer. Kurt, beeindruckend dargestellt von Tom Schilling, wird diesem Prof. Carl Seeband später in seinem Leben begegnen ...

"Jedes Kunstwerk ist Ausdruck einer Biografie"   

Regisseur Florian Henckel von Donnersmarck im ttt-Interview
Regisseur Florian Henckel von Donnersmarck im ttt-Interview | Bild: ttt

Zum Impuls für seinen Film sagt Regisseur Florian Henckel von Donnersmarck: "Ich hatte schon lange nach einer Idee für einen Film gesucht, in dem ich dem Ursprung der Kreativität nachgehen kann. Ich bin davon überzeugt, dass jedes Kunstwerk Ausdruck einer Biografie ist, der gelebten, aber auch der erahnten Dinge und somit Spiegelbild des Künstlers als Person."

Im Dresden der Nachkriegszeit studiert Kurt Kunst. Nach der NS-Zeit heißt es nun, sich großflächig mit dem sozialistischen Realismus auseinanderzusetzen. Kurt verliebt sich in eine Kommilitonin, die ihn an seine ermordete Tante erinnert. Bald zieht er bei ihr ein.

Der Künstler stößt auf das ungesühnte Verbrechen

Sebastian Koch als Prof. Carl Seeband
Sebastian Koch als Prof. Carl Seeband | Bild: Walt Disney Studios Motion Pictures Germany

Elisabeths Vater erweist sich ausgerechnet als jener Euthanasie-Arzt, der die Ermordung von Kurts Tante verantwortete. Von seiner Herrenmenschen-Ideologie macht er auch im neuen Deutschland Gebrauch.

Der Künstler und das ungesühnte Verbrechen. Welche Wahrheit steht für den Neuanfang? Die der Mächtigen.

Elisabeths Vater  macht seinem frisch getrauten Schwiegersohn deutlich, was er von ihm erwartet:

"Es genügt nicht, gut zu sein. Wenn du Sicherheit haben willst in deinem Leben, ganz gleich, was du machst, musst du der Beste sein. Nicht einer der Besten, der Beste."

1961 geht das Paar in den Westen, nach Düsseldorf, damals Zentrum der modernen Kunst.

A la Beuys?
A la Beuys? | Bild: Walt Disney Studios Motion Pictures Germany

Hier trifft Kurt auf einen sehr einflussreichen, prominenten Kunstprofessor, der Joseph Beuys gleicht, auch wenn er im Film anders heißt. Er ruft seine Studenten dazu auf, Kunst statt Parteien zu wählen und appelliert: "Wenn ihr nicht frei seid, vollkommen frei, dann wird es niemand sein."

Vom Schwiergervater kommt er nicht los. Florian Henckel von Donnersmarck zeigt: "Wie Opfer und Täter in einer Familie zusammenkommen. Wie gleichzeitig auch ein Land wieder aufgebaut werden muss – von Opfern und Tätern zusammen."

Erzählkino inspiriert durch Leben und Werk Gerhard Richters

Triumphiert die Idee der Kunst über die Schatten der Vergangenheit? Über alle politischen Heilsversprechen? Reine Fiktion ist die dem Film zugrunde liegende Geschichte nicht: Inspiriert wurde der Regisseur für seinen Film durch Leben und Werk des deutschen Malers Gerhard Richter. Dessen Tante wurde von den Nazis ermordet, sein Schwiegervater war SS- und Euthanasiearzt:

Tom Schilling spielt Kurt Barnert.
Tom Schilling spielt Kurt Barnert. | Bild: Walt Disney Studios Motion Pictures Germany

"Ich habe gesehen, dass Jürgen Schreiber, ein Journalist vom 'Tagespiegel', aufgedeckt hatte, dass es eine ganz interessante Verwobenheit zwischen Tätern und Opfern in der Familie Gerhard Richters gab. Da habe ich gedacht: Das ist doch ein interessanter Startpunkt für eine Fiktion. Ich wollte mich jetzt nicht an seinem Lebenslauf abarbeiten, ich wollte ein eigenständiges Kunstwerk schaffen, aber habe die Tatsachen als Ausgangspunkt genommen", erklärt Florian Henckel von Donnersmarck.

 "Werk ohne Autor" ist mitreißendes Erzählkino. Am Ende offenbart der künstlerische Instinkt die schreckliche Wahrheit über die Vergangenheit. Kunst wird zum Mittel der Läuterung. Das ist idealistisch, aber durchaus verführerisch.

Autor: Andreas Lueg

Angaben zum Film:
"Werk ohne Autor“
Regie: Florian Henckel von Donnersmarck
Ab 03. Oktober im Kino

Stand: 11.09.2018 11:16 Uhr

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Mitteldeutscher Rundfunk
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