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"Wie im echten Leben"

Ein Film über Klassenunterschiede

PlayJuliette Binoche in "Wie im echten Leben"
Neu im Kino: Wie im echten Leben | Video verfügbar bis 13.06.2023 | Bild: Neue Visionen Filmverleih/Christine Tamalet

Eine Frau auf der Suche nach Arbeit. Marianne, eine erfolgreiche Schriftstellerin, hat das eigentlich gar nicht nötig. Sie ist aus Paris in die Hafenstadt Caen gekommen, weil sie ein Buch über die Arbeit im Billiglohn-Sektor schreiben und hier unerkannt recherchieren möchte. Beim Jobcenter hat sie einen gefälschten Lebenslauf vorgelegt, in dem sie behauptet, mehr als 20 Jahre verheiratete Hausfrau gewesen zu sein. Nach der Scheidung müsse sie nun von vorn anfangen. Sie bekommt ein Angebot für den "Bereich der Gebäudereinigung":

"Ich wäre im Grunde sowas wie eine Putzfrau?", fragt Marianne sanft nach und bald sieht man sie Klos schrubbend auf einer Kanalfähre, bemüht, mitzuhalten in der Putzkolonne: "Du nimmst zuerst mal die Handschuhe, dann nimmst du das Gel, die Klobürste und das Schwammtuch. Schaffst du das?"

Klos schrubben – kein übliches Kino-Thema

Regisseur Emmanuel Carrère
Regisseur Emmanuel Carrère | Bild: ttt

Für den Film "Wie im echtem Leben" musste sich der Regisseur Emmanuel Carrère erst mit dem professionellen Putz-Sektor vertraut machen: "Die Reinigungs- und Raumpflege-Berufe, sie umfassen immerhin sieben Prozent der berufstätigen Bevölkerung Frankreichs. Das ist eine ganze Menge. Aber es sind Tätigkeiten, die unsichtbar bleiben. Die Menschen, die in diesem Bereich arbeiten, werden praktisch nicht wahrgenommen. Und auch nicht das Ergebnis ihrer Arbeit. Nur wenn sie schlecht geputzt haben, fallen sie auf."

Laiendarstellerinnen an der Seite von Juliette Binoche

Putzen auf einer Kanalfähre – das bedeutet Schuften im Akkord, ein Knochenjob. Hauptdarstellerin Juliette Binoche standen dabei echte Reinigungskräfte zur Seite, damit es so aussieht "wie im echten Leben". Erste Regel: Aufmucken nicht erwünscht! Demütigungen gehören dazu, berichten die beiden Laiendarstellerinnen, die zur Deutschlandpremiere des Films gekommen sind, aus ihrem Alltag. Evelyne Porée fasst zusammen: "Die Bezahlung, die Arbeitsstunden – alles katastrophal. Aber am schlimmsten ist die fehlende Wertschätzung. Keiner sagt: 'Guten Tag!' Man behandelt uns wie Zimmerpflanzen."

"Wie im echten Leben": Mit den Laiendarstellerinnen Evelyne Porée (r.) und Hélène Lambert
"Wie im echten Leben": Mit den Laiendarstellerinnen Evelyne Porée (r.) und Hélène Lambert | Bild: ttt

Marianne arbeitet unauffällig und so gut sie kann. Zwischendurch macht die Schriftstellerin Notizen. Jedes Detail aus diesem Arbeitsleben soll schließlich der Stoff sein für ihr Buch. Keiner ahnt, was die Neue heimlich treibt. In den Augen der anderen ist Marianne einfach eine, die das Putzkolonnen-Schicksal teilt. Eine, die Nachtschichten auf der Kanalfähre schiebt. Eine, die sich mit den anderen beim Bowling amüsiert und die draußen auf dem Parkplatz Selbstgebrautes trinkt, weil die Drinks an der Bar zu teuer sind. Eine von ihnen.

"Du kannst einfach nach Hause verschwinden, wenn du keine Lust mehr hast."

Doch genau das ist sie eben nicht. Armut zu spielen und arm zu sein – das ist nicht das Gleiche. Marianne begreift, dass sie das Vertrauen ihrer Freundinnen missbraucht. Sie fragt sich, ob der gute Zweck die Mittel rechtfertigt. Dazu meint Regisseur Emmanuel Carrère:

Juliette Binoche (r.) als Marianne beim Feiern mit ihren "Kolleginnen"
Juliette Binoche (r.) als Marianne beim Feiern mit ihren "Kolleginnen" | Bild: Neue Visionen Filmverleih

"Jemandem Armut vorzuspielen, wenn es einem in Wahrheit gut geht – das ist eine Form von Lüge und nicht unproblematisch. Im Film sagt jemand zu Marianne: "Du kannst einfach nach Hause verschwinden, wenn du keine Lust mehr hast. Wenn wir die Nase voll haben vom Mindestlohn, dann können wir nirgends hingehen. Es ist ja unser Leben." 

Es ist vor allem das Lebensgefühl, das den Unterschied macht: Wer keine Sorgen hat, kann freie Momente genießen. Wer in ständiger Sorge lebt, kennt keine Beschaulichkeit. Dafür steht eine Szene, in der Marianne aufs Meer blickt und aufatmet, während ihrer Kollegin der Sinn für diesen Wohlfühl-Moment völlig abgeht: "Ich hab' wirklich keine Zeit, aufs Meer zu kucken."

Getrennte Welten

Im echten Leben wären sich die beiden Frauen wahrscheinlich nie begegnet. Und wenn ja, hätten sie sich kaum angefreundet. Die Schranken zwischen Oben und Unten sind schwer zu überbrücken, sagt Laiendarstellerin Hélène Lambert: "So ist das in der Gesellschaft von heute: Wenn man Geld hat, lässt man sich nicht auf Leute ein, die vom Mindestlohn leben. Machen wir uns nichts vor: Das ist die Wirklichkeit." 

Vom Rand in den Fokus: "Schön wäre mehr Respekt"

Die Putzkolonne von Caen
Warten auf die nächste Fähre | Bild: Neue Visionen Filmverleih

Regisseur Emmanuel Carrère rückt sie vom Rand in den Mittelpunkt: "Mein Film soll ein treffendes und menschlich tiefgründiges Bild von einer bestimmten gesellschaftlichen Schicht in Frankreich zeichnen, und zwar von denjenigen, die sich auf der prekären Ebene befinden. Diese Randgruppe wollte ich so genau wie möglich porträtieren."

Ein Bewusstsein schaffen für Ungleichheit: Die beeindruckend gemeinsam mit Juliette Binoche brillierenden Darstellerinnen zumindest hoffen, dass sich ihre Arbeitsbedingungen in Zukunft verbessern. Evelyne Porée sagt: "Ich verspreche mir von dem Film, dass die Schichtdienste abgemildert und wir besser bezahlt werden. Schön wären auch etwas mehr Respekt und Anerkennung für unseren Beruf. Wir werden schließlich gebraucht."

Kein Film zum Wohlfühlen, aber ein Film zum Nachdenken über den Wert derer, die unseren Dreck wegwischen.

Autorin: Hilka Sinning

Filmtipp
Wie im echten Leben
Regie: Emmanuel Carrère
Kinostart am 30. Juni 2022

Stand: 14.06.2022 12:34 Uhr

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Produktion

Mitteldeutscher Rundfunk
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