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Zum 100. Geburtstag von Willi Sitte

Neuer Blick auf die Eminenz unter den DDR-Künstlern

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Zum 100. Geburtstag von Willi Sitte | Video verfügbar bis 01.03.2022 | Bild: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Seinen Pinselstrich kannte das ganze Land. Willi Sitte hat die Nacktheit stilisiert. Unbekleidete menschliche Körper in allen Drehungen und Stellungen. Mit derber Sinnlichkeit und wuchtigen Farben hat er sich in die Kunstgeschichte eingeschrieben. In seinem Werdegang finden sich allerdings vielfältige Ausdrucksmittel und Stile.

Jahrzehntelang hat er experimentiert, Kunsttraditionen aufgerufen, sich in die klassische Moderne verliebt, neue Formen gesucht und verworfen. In einem Fernsehinterview von 1976 erklärte der Maler: "So bin ich also kreuz und quer durch die Gegenwartskunst gegangen und habe versucht, überall die Dinge zu untersuchen und abzuklopfen auf ihre Brauchbarkeit."

"Er wollte den DDR-Staat mit den Mitteln der Moderne unterstützen"

Willi Sitte: Bergung aus Hochwasser, 1958
Willi Sitte: Bergung aus Hochwasser, 1958 | Bild: VG Bild-Kunst, Bonn 2018 / Foto: Falk Wenzel, Halle (Saale) / Kulturstiftung Sachsen-Anhalt - Kunstmuseum Moritzburg Halle (Saale)

In den fünfziger Jahren entstehen seine Hochwasser-Bilder. Erkennbar ist Sittes Nähe zu Picasso, er ist begeistert von dessen Technik der Reduktion. Gezielt vergröbert und vereinfacht er. Auch folgt er Fernand Léger, einem anderen Vertreter der Moderne. Er ist auf der Suche. In seinem Gruß zum Weltjugendtreffen von 1950 etwa verbindet Sitte politisches Engagement mit dem an Picasso geschultem künstlerischen Experiment.

"Für ihn war es quasi der Versuch, mit den Mitteln der Moderne die neuen Inhalte, den neuen Staat, die DDR, mit zu unterstützen und aufzubauen", sagt Thomas Bauer-Friedrich, Direktor des Kunstmuseums Moritzburg in Halle an der Saale, das für Oktober eine große Retropektive vorbereitet. "Und das, was den Staat oder die Kulturfunktionäre vor allen Dingen abstieß, das waren diese formalen Mittel."

So erinnert er 1959 mit einem Bild an das Nazi-Massaker in dem tschechischen Dorf Lidice. Allerdings: Die Ausdrucksweise gilt der Partei als zu formalistisch, die Darstellung des Leidens widerspricht dem offiziellen Dogma eines heroischen Realismus. Der in Halle lebende Maler Gerhard Schwarz erinnert sich: "Damals hieß es noch: 'dekadente bürgerliche Kunst'. Es gab alle möglichen Ausdrücke. Und diese frühen Bilder, die er, weil er Künstler war, als toll empfunden hat, die wurden nicht verstanden. Dafür wurde er öffentlich angegriffen."

Anfänge als Autodidakt in Böhmen

Thomas Bauer-Friedrich, Direktor Kunstmuseum Moritzburg Halle
Thomas Bauer-Friedrich, Direktor Kunstmuseum Moritzburg Halle | Bild: ttt / MDR

Im tschechischen Kratzau wird Sitte am 28. Februar 1921 geboren. Schon in der Schule zieht sein zeichnerisches Talent Aufmerksamkeit auf sich. Er sammelt Erfahrungen als Musterzeichner in der Teppichproduktion, dann schickt man ihn zur NS-Meisterschule für monumentale Malerei.

Man müsse sich vor Augen führen, dass Sitte nie eine wirkliche Kunstschule besucht habe, so Bauer-Friedrich, sein Können habe er als Kind und Jugendlicher durch Nachzeichnen aus Kunstzeitschriften angeeignet.

Als Soldat von der Ostfront nach Italien: Deserteur und Partisan

Als Wehrmachtssoldat kommt er 1944 in das norditalienische Montecchio Maggiore und wechselt die Front. Er desertiert, schließt sich den Partisanen an. Nicht ohne Risiko zeichnet er den antifaschistischen Zyklus "Totentanz des Dritten Reiches", eines seiner ersten politischen Statements mit den Mitteln der Kunst.

Nach Kriegsende zieht es ihn in das östliche Deutschland nach Halle. Die Stadt bietet eine vitale Kunstszene. Sitte tritt der SED bei, noch ruhen die Hoffnungen vieler Künstler und Intellektueller auf dem sozialistischen Experiment.

Neuanfang im Arbeiter- und Bauern-Staat: Als Formalist verrissen

Die Partei hatte die kulturpolitische Devise ausgegeben, die Trennung von Kunst und Leben zu überwinden. So unternimmt Sitte in den sechziger Jahren eine Expedition in die Arbeitswelt nach Leuna. Außerdem entsteht in Erinnerung an den Abeiterauftstand "Leuna 1921", ein Gemälde, das wegen seiner Picasso-nahen experimentellen Form jedoch als Zumutung empfunden wird.

Das DDR-Fernsehen unterzieht den Künstler 1966 einer öffentlichen Inquisition. Diskutiert wird, ob Sitte wirklich volksverbunden oder für eine intellektuelle Elite male.

Umstritten und mächtig als Künstler-Funktionär

Willi Sitte: Chemieaarbeiter am Pult, 1968
Willi Sitte: Chemieaarbeiter am Pult, 1968 | Bild: dpa

Er hat sich mit den Mächtigen eingelassen und Karriere gemacht: Lange Jahre war er Präsident des Verbandes Bildender Künstler, Mitglied des Zentralkomitees. Zwar hat er sich für seine Kollegen eingesetzt, Westreisen und Westverkäufe ermöglicht. Allerdings: Dem politischen System hat er, der überzeugte Kommunist, nie widersprochen, auch nicht dem politischen Unrecht.

Es ist das bemerkenswerte Paradoxon, dass der politisch linientreue Sitte die Genossen künstlerisch immer wieder enttäuscht. Das Pathos eines propagandistischen Realismus sowjetischer Machart liefert er nicht, er besteht auf der Eigenständigkeit der Kunst.

Bauer-Friedrich fühlt sich beim Blick auf Sitte an den Lebensweg von Schriftstellerin Christa Wolf erinnert: Wie sie sei Sitte "jemand, der im Bereich der Bildenden Kunst unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg freiwillig hierher in den Osten kam, in diesen Staat, der sich hier gründete, und der ganz idealistisch begonnen hat, diesen Staat mithilfe seiner künstlerischen Mittel mit aufzubauen."

Große Retrospektive im Herbst in der Moritzburg Halle

Kunstmuseum Moritzburg Halle
Kunstmuseum Moritzburg Halle | Bild: ttt

Sittes "Chemiearbeiter am Schaltpult" fand sich in jedem DDR-Schulbuch. Weniger bekannt ist der Zeichner, der die Lebenslust der fünfziger Jahre festhält und sein Talent für Bewegungen und Perspektiven auslebt, was auch dem Hallenser Maler Ulrich Reimkasten imponiert: "Willi Sitte war in der Lage, aus dem Stand ein Pferd von unten zu zeichnen. Aus dem Kopf. Also es war für ihn kein Thema, komplizierte Körperdrehungen anatomisch korrekt, ausdrucksstark und mit perfekten Linien sauber zu zeichnen."

Man ist ihm nach der Wende aus dem Weg gegangen, dem Kommunisten und politischen Funktionsträger. In seiner Kunst ist Willi Sitte nun wiederzuentdecken. Als ein Meister des figürlichen Zeichnens und Malens. Und als Chronist eines untergegangenen Landes. Im Oktober soll die große Retrospektive im Kunstmuseum Moritzburg Halle eröffnen.

Autor: Reinhold Jaretzky

Ausstellungstipp
SITTES WELT – Willi Sitte: Die Retrospektive
Kunstmuseum Moritzburg Halle
03.10.2021 — 09.01.2022

Stand: 01.03.2021 09:34 Uhr

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