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Willi Sitte – Eine Retrospektive

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Willi Sitte - Eine Retrospektive | Video verfügbar bis 04.10.2022 | Bild: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Seit Jahrzehnten schmückten lebensgroßen Kreide-Zeichnungen die Bürowand des örtlichen Rathauses im norditalienischen Montecchio Maggiore. Niemand wusste etwas über ihre Entstehung, bis zu dieser Entdeckung im Jahre 2004.

Spurensuche in Montecchio Maggiore: "Er war ein Anti-Nazi"

Sitte in Italien
Jahrzehnte lang schmückten lebensgroßen Kreide-Zeichnungen die Bürowand des örtlichen Rathauses im norditalienischen Montecchio Maggiore. | Bild: ttt

Es ist die Geschichte vom sogenannten guten Nazi in ungemütlichen Zeiten, der im besetzten Land Allegorien der Liebe auf die Bürowand zeichnete. Es ist das Werk des Wehrmachtssoldaten Willi Sitte. Für Luciano Chilese, Historiker und ehemaliger Kulturreferent der Stadt, eine Sensation:

"Er war ein Anti-Nazi, er war Kommunist, und ich würde sagen, in ihm steckte ein sehr starker Drang zur Rebellion." Sitte hatte Kontakt zu den Partisanen, zeichnete 1944 mitten im Krieg mit seinem Totentanz des Dritten Reiches eine Abrechnung mit dem Nazi-Regime.

Vom zeichnerischen Frühwerk bis zu den Gemälden

Fast 80 Jahre später zeigt das Kunstmuseum Moritzburg eine umfassende Retrospektive des einst in der DDR arrivierten Malers. Und entdeckt eine überraschende stilistische Vielfalt im Werdegang des Künstlers, der weit mehr als ein Parteimaler war.

Direktor Thomas Bauer-Friedrich über die Sitte-Retrospektive im Kunstmuseum Moritzburg Halle
Direktor Thomas Bauer-Friedrich | Bild: ttt

Zu sehen sind frühe Arbeiten des 24-jährigen Sitte. Darunter Exponate einer Ausstellung, mit der der werdende Künstler 1946 im Zentrum von Mailand erstmalig an die Öffentlichkeit trat. Es sind die altmeisterlichen Fingerübungen eines Autodidakten. Noch schwelgt der junge Maler in der dunkeltönigen Spätromantik des 19. Jahrhunderts.

Breiten Raum widmet die Ausstellung dem Zeichner Sitte, dessen virtuose Bilder mit seinen späteren Gemälden durchaus mithalten können, in denen sich die imposante Handwerklichkeit Sittes zeigt. Thomas Bauer-Friedrich, Direktor der Moritzburg, zeigt sich beeindruckt: "Man hätte ihn frühmorgens um zwei Uhr oder wecken können mitten aus dem Tiefschlaf und er hätte einen menschlichen Körper perfekt in allen Verkürzungen dargestellt."

In der DDR zunächst als Formalist verrissen

Willi Sitte: Selbstbildnis mit Pinseln, 1981
Willi Sitte: Selbstbildnis mit Pinseln, 1981 | Bild: Privatbesitz /Foto: Punctum / Bertram Kober/ VG Bild-Kunst, Bonn 2021 / Privatbesitz

Sittes großformatige expressive Werke, darunter "Leuna 21", der niedergeschlagene Arbeiteraufstand. Im DDR-Fernsehen wurde er dafür 1966 einer vernichtenden Kritik unterzogen. Er male für einige intellektuelle Kunstwissenschaftler und nicht für das Volk, so lautet der Vorwurf.

Von Picasso "Guernica"-Gemälde beeinflusst ist unverkennbar Sittes "Massaker II", eine Bild gewordene Anklage wegen der Auslöschung des Ortes Lidice und seiner Bewohner durch die Nazis. Die stilistische Zweidimensionalität und Flächigkeit wurden von der Partei als westlich-formalistisch abgelehnt.

Der politisch linientreue Sitte lag als Künstler bis in die 1960er-Jahre im Streit mit der Partei. Sein Halleser Malerkollege Gerhard Schwarz erinnert sich: "Damals hieß es noch: dekadente bürgerliche Kunst. Diese frühen Bilder, die er, weil er Künstler war, als toll empfunden hat, haben die nicht verstanden. Die haben ihn öffentlich angegriffen."

Einblicke in die Biografie: Vom Bauerssohn zum Kulturfunktionär

Ausstellung und Katalog geben auch Einblicke in Willi Sittes Biografie: der Sohn eines Bauern, im heutigen Tschechien aufgewachsen, der seinem Zeichentalent schon früh emsig nachging. Der nach dem Krieg Kunstprofessor in Halle wurde, künstlerisch experimentierte und aneckte und dann eine steile Kariere einschlug: Präsident des Künstlerverbandes, Mitglied der Volkskammer und des Zentralkomitees der SED. Er hat mitgemacht, aus Überzeugung. Und er hat dem Unrecht in diesem Staat niemals widersprochen. Eine Aufarbeitung des Stalinismus, so der Leipziger Maler Rüdiger Giebler, hätte es bei ihm nicht gegeben.

Bauer-Friedrich: "Es freut mich, dass Sitte kein rotes Tuch mehr ist"

"Sittes Welt": Für die Schau über zwei Etagen wurde groß umgebaut
"Sittes Welt": Für die Schau über zwei Etagen wurde groß umgebaut | Bild: ttt

Die nackte Haut ist ein geradezu obsessives Sujet in Sittes Werk. Körper, die später fleischiger, wuchtiger. massiger, aggressiver werden. Auch diese derbe Sinnlichkeit fiel dem Verdikt über den Parteimaler zum Opfer. Jahrzehnte wurde er angefeindet, gemieden, von der Kunstwelt ausgegrenzt. Die erste Retrospektive im kunstmuseum Moritzburg Halle soll laut Thomas Bauer-Friedrich erstmals seit 1989/90 einen umfassenden Überblick über die Entwicklung von Sittes Werk geben: "Es freut mich, dass Sitte dreißig Jahre nach der Wiedervereinigung kein rotes Tuch mehr ist, sondern dass man hoffentlich sachlich, unemotional, unaufgeregt über ihn, über sein Werk, über seine politischen Verflechtungen im DDR Staatssystem reden kann."

Mit der Wende war sein Stern über Nacht gesunken, die kommunistische Utopie, sein Lebensthema, zusammengebrochen. Willi Sitte, der Umstrittene. Sein vielseitiges Werk kann nun in Halle besichtigt werden.

Autor: Reinhold Jaretzky

Ausstellungstipp:
"Sittes Welt" - Retrospektive
Kunstmuseum Moritzburg Halle
Bis 9. Januar 2022

Stand: 05.10.2021 12:01 Uhr

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Mitteldeutscher Rundfunk
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