SENDETERMIN So., 12.06.22 | 23:35 Uhr | Das Erste

Die Band Yard Act

Post-Punk-Soundtrack zum Post-Brexit-Britain

Playvier Männer auf einer Straße
Yard Act servieren Gesellschaftskritik, die Spaß macht | Video verfügbar bis 13.06.2023 | Bild: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Ein Flohmarkt wird zur Bühne für die Gefühlslage einer gesamten Nation: Der Song "The Overload" erzählt atemlos vom Ringen Großbritanniens mit den Überforderungen unserer Zeit:

Ich schau in meine Zauberkugel,
denn ich versuch' zu sehen, was die Welt von morgen für mich auf Lager hat
Deine Freiheit hat einen Preis
Ich feilsche hart, und geb' nicht nach
Leb' mein Leben so, als wär mein Kopf noch kein komplettes Sieb.

Post-Brexit-Zukunftsangst und Panikgefühle

Yard Act auf Tour auch in Deutschland
Yard Act auf Tour auch in Deutschland | Bild: ttt

Yard Act-Sänger James Smith sagt dazu: "Die Welt ist ständig in Bewegung und die Nachrichtenflut, die über uns hereinbricht mit all den erschreckenden Dingen, die täglich geschehen, macht uns völlig fertig. Auch weil sie mittlerweile vor unserer eigenen Haustür angekommen sind." Kein Wunder also, dass die Leute unter einem ungeheuren Druck stünden: "Sie werden panisch. Jeder von uns."

Vom "Überfluss an Unzufriedenheit", "der Last, allem einen Sinn zu geben zu müssen" ist in dem Song die Rede. Von Post-Brexit-Zukunftsangst und Gegenwartsverdrossenheit. Yard Act fragen: "Wie soll man bestehen in dieser Welt der Dissonanz?" Das sei schon "irgendwie politisch", sagt Smith, aber kein "Modus Operandi" der Band: "Ich bin da immer etwas vorsichtig, denn ich hab' das Gefühl, dass es gerade ziemlich trendy ist, 'ne politische Band zu sein und dieses Image zu nutzen, um Geld zu machen. Für uns war das nie ein Image-Ding."

Yard Act
Die Band beim ttt-Interview | Bild: ttt

Und Bandkollege Ryan Needham erklärt: "Ich glaube, was wir machen, ist authentisch. Die Texte auf der Platte könnten genauso gut Unterhaltungen sein, die wir in der Kneipe hatten." Jay Russell ergänzt: "Ich glaube, es ist ganz normal, dass diese Themen in unsere Musik einfließen. Es ist so viel passiert in den letzten paar Jahren, da ist es schwer, sich nicht künstlerisch damit zu beschäftigen. Schließlich hat das alles einen großen Einfluss auf unser Leben."

Postpunk und Sprechgesang: Bissige Sozialkritik mit Groove

Gerade tourt das Quartett mit seinem Album quer durch Europa. Die Verbindung aus Postpunk und Sprechgesang ist mal krachig, mal minimalistisch.

2019 gründet sich die Band im nordenglischen Leeds. Die ersten Songs entstehen – mitten in der Pandemie – noch in den heimischen Wohnzimmern. Sie werden schnell zum Erfolg. Denn Yard Act gelingt es, bissige Sozialkritik in groovende Rhythmen zu verpacken. In "Land of the Blind" liefert die Band einen zynischen Kommentar auf den Brexit. Ein schmieriger Zauberkünstler, gespielt von Sänger Smith, "verzaubert" sein Publikum mit schlechten Tricks. Eine Metapher auf die faulen Versprechen Boris Johnsons und seiner Regierung von Wohlstand und Wachstum. "Dies sind unsere letzten Tage in diesem Land der Blinden", heißt es im Song, "der einäugige König hat seinen verdammten Verstand verloren."

Yard Act unterwegs durchs Post-Brexit-Britain
Yard Act unterwegs durchs Post-Brexit-Britain | Bild: ttt

Ryan Needham erzählt dazu: "Seit wir in den USA waren, können wir zu Hundertprozent bestätigen, dass Boris Johnson dort genau so eine Witzfigur ist wie hier. Das war irgendwie tröstlich." James Smith sieht Großbritannien an einen kritischen Punkt gelangt, "denn es hat sich niemals wirklich seiner Vergangenheit gestellt. Es leugnet, dass es nur als Kolonialmacht so mächtig werden konnte. Bis heute wird jedem Schüler eingetrichtert, dass wir immer noch diese große, starke Nation sind, die so viele großartige Dinge getan hat. Aber das stimmt nicht." 

Video als kleine Meisterwerke voller Ironie

Vor allem ihr Sinn für Humor macht die Yard Act-Videos zu kleinen Meisterwerken. Für die Band eine Art Bewältigungsmechanismus. Sam Shjipstone sagt dazu: "Journalisten reden oft davon, dass es einen großen Unterschied zwischen amerikanischen und britischen Musikern gebe. Musiker in England seien viel ironischer. Und es stimmt: Diese große Ernsthaftigkeit, wie es sie vor allem in der amerikanischen Rockmusik gibt, darauf beziehen wir uns hier nicht." 

Demütig und aufrichtig

Yard Act
Ein Logo so klar und direkt wie die Band aus Leeds | Bild: ttt

Yard Act gelingt ein Balanceakt. Die oft langen, ausschweifenden Monologe von Sänger Smith wirken nie sperrig. Sie sind eher Poesie als Predigt, wenn er wie im Song "100% (Percent) Endurance" fast träumerisch von der Schönheit der eigenen Bedeutungslosigkeit schwärmt, während der Protagonist des Videos durch eine triste britische Arbeitersiedlung stolpert. Der Sinn des Lebens – ein Konstrukt. Auch die da draußen haben keine Antworten: "Alles ist so sinnlos. Das ist es und es ist wunderbar." Denn das mache demütig und aufrichtig.

Mit ihren Songs wurden die Vier für den prestigeträchtigen BBC Sound of 2022 nominiert. Doch die Geschichten aus der britischen Lebenswirklichkeit funktionieren auch im Rest der Welt, meint Smith: "Die Feinheiten, die Details sind schon ziemlich britisch. Auf der anderen Seite geht es aber um Themen, mit denen jeder etwas anfangen kann. Und auch wenn das Publikum nicht jedes Wort genau versteht, funktioniert Kommunikation, funktioniert Musik doch auf vielen Ebenen."

Autor: Marcus Fitsch

Albumtipp
Yard Act
The Overload
Island Records

Stand: 14.06.2022 12:35 Uhr

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Produktion

Mitteldeutscher Rundfunk
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