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Ahnenforschung mit DNA-Test – auf der Suche nach Genen

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Ahnenforschung mit DNA-Test – auf der Suche nach Genen | Video verfügbar bis 04.09.2026 | Bild: WDR

Ahnenforschung mit Hilfe eines DNA-Tests – Tech-Firmen wie Ancestry, MyHeritage oder 23 and Me werben damit, dass sich durch die Analyse der Gene bisher unbekannte Verwandte ausfindig machen lassen. Für [W] wie Wissen macht Reporterin Judith den Selbstversuch: Bei einem der weltweit größten Anbieter, dem US-Unternehmen Ancestry, macht sie einen Gentest. Doch wie gut und sicher sind DNA-Tests für Ahnenforscher? Und ist es eine gute Idee, einer privaten Firma Einblick ins eigene Genom zu gewähren?

Wie funktioniert so ein DNA-Test?

Der DNA-Test funktioniert relativ einfach: Judith legt im Netz einen Account an. Das ganze kostet bei Ancestry ab 80 Euro, andere Firmen liegen ähnlich vom Preisniveau. Das Test-Kit bekommt sie zugeschickt. Sie muss eine Speichelprobe abgeben und das Probenröhrchen ans Labor zurückschicken. Dort wird die DNA extrahiert und an mehr als 700.000 Positionen analysiert. Anschließend wandern die Informationen in die unternehmenseigene Gen-Datenbank. Durch einen Vergleich mit Völkergruppen weltweit errechnet Ancestry Judiths Abstammungsmix: Hat die Reporterin vielleicht afrikanische, asiatische oder amerikanische Vorfahren? Außerdem sucht das Ahnenforschungsunternehmen nach konkreten Übereinstimmungen mit den über 20 Millionen anderen Nutzern. Vielleicht schlummern in der Datenbank ja ferne Verwandte?  

Der unbekannte Vater

Animation: Abstammungsmix
Gene können verraten, woher die Vorfahren kommen. | Bild: WDR

Drei Wochen dauert es, bis Judith das Ergebnis ihres DNA-Tests erhält. In der Zwischenzeit trifft sie sich mit Esther Dietrich, die seit ihrer Kindheit auf der Suche nach ihrem Vater war. Mit Hilfe der Ahnenforschungsfirma MyHeritage wurde sie schließlich fündig. Esther Dietrich wuchs als Adoptivkind bei deutschen Eltern auf. Von ihrem leiblichen Vater fehlte lange jede Spur. Nur ein einziges Foto hatte sie von ihm, das ihn als jungen Mann zeigt. 2020 entschließt sie sich, einen Gentest zu machen. Und tatsächlich meldet die Datenbank des Familienforschungsunternehmens einen Treffer. Eine Frau aus Belgien soll mit ihr verwandt sein. Esther Dietrich schickt ihr das Foto des Vaters. Eine Woche später bekommt sie eine Antwort: Ja, er sei auch ihr Vater! Nach 40 Jahren Suche ist die Identität des Vaters endlich geklärt. Er stammt aus dem Kongo und tourte als Musiker durch Europa. Leider stellt sich heraus, dass er bereits 2017 verstorben ist. Doch Esther erfährt auch von sieben Halbgeschwistern, die verstreut über Europa und Afrika leben. So hat sie von einem Tag auf den anderen eine neue Familie gefunden.

Digitale Ahnenforschung und Datenschutz

Für Esther Dietrich war die Ahnenforschung mittels DNA-Test ein echter Erfolg. Der Berliner Datenschützer und Philosoph Rainer Mühlhoff sieht das Angebot der digitalen Ahnenforschungsfirmen dennoch kritisch. Er fürchtet, dass die Firmen neben der DNA auch zahlreiche weitere digitale Daten über die Nutzer sammeln: Tracking Daten über das Social-Media Verhalten, Ortsprofile, Verwandtschaftsdaten.

Die Daten entstehen immer dann, wenn Internet-Nutzer die Angebote digitaler Firmen in Anspruch nehmen. Weil auch die Ahnenforschungsfirmen ihre Dienste online anbieten, haben sie – zumindest in der Theorie – Zugriff auf all diese persönlichen Informationen. Rund 300 verschiedene Datenpunkte pro User sammeln Techfirmen mit digitalen Portalen und Angeboten laut Rainer Mühlhoff.

Das Problem der prädiktiven Modelle

Animation: prädiktive Modelle
Mit prädiktiven Modellen lassen sich zum Beispiel Krankheiten vorhersagen.  | Bild: WDR

Problematisch ist das, weil mit den Daten sogenannte prädikative Modelle erstellt werden können. Neigen Menschen mit einem bestimmten genetischen Profil zu psychischen Krankheiten? Leben sie länger oder kürzer? Auf solche und viele weitere Fragen lassen sich in den Datenbanken statistische Antworten finden. Millionen Nutzer-Profile können so abgeglichen werden. Rainer Mühlhoff befürchtet, dass die gesammelten Daten die Basis für eine Vielzahl von Diskriminierungen sein könnten: Arbeitgeber, Versicherungen, aber auch Staaten könnten anhand weniger bekannter Eigenschaften auf viele weitere Merkmale einer Person schließen – Merkmale, die diese Person vielleicht gar nicht verraten möchte.  

Gehen die DNA-Daten an Dritte?

Bei Ancestry muss der Kunde der Weitergabe seiner Daten zustimmen. Für was und von wem die Daten dann genutzt werden, kann der Nutzer nicht mehr beeinflussen. Ancestry schreibt dazu: "Wir verwenden Ihre Daten eventuell auch bei genealogischen oder genomischen Forschungsprojekten… sowie zu wissenschaftlichen, statistischen und geschichtlichen Forschungen." Darunter versteht die Ahnenforschungsfirma auch die Zusammenarbeit mit Firmen wie der Google-Firma Calico – ein kommerzielles Biotechnologieunternehmen, das Methoden gegen die menschliche Alterung entwickelt.

Wie schütze ich meine DNA-Daten?

Judiths DNA-Test ergibt einen deutsch-englisch-schwedischen Abstammungsmix. Außerdem schlägt die Datenbank bei 136 Matches an, also bei Menschen, die eventuell entfernt verwandt mit Judith sind. Um mehr herauszufinden, müsste die Reporterin allerdings nun jeden Match kontaktieren.

Fazit: Digitale Ahnenforschung mittels DNA-Test kann spannende Ergebnisse liefern. Nicht zu wissen, was genau mit den eigenen Daten passiert oder in Zukunft noch passieren könnte, ist aber ein großer Kontrollverlust. Deshalb sollte jeder genau überlegen, ob er zustimmt, dass seine Daten weiterverwendet werden dürfen. Genauso wichtig ist es, die Möglichkeit zu haben, alle Daten wieder zu löschen. Judith wird ihren Account mit samt der DNA löschen. Zum Glück geht das ohne große Probleme. 

Autor: Max Lebsanft (WDR)

Stand: 02.09.2021 15:00 Uhr

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