SENDETERMIN Sa, 03.11.18 | 16:00 Uhr | Das Erste

Angst als Waffe

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Angst als Waffe | Video verfügbar bis 03.11.2023 | Bild: SWR

Die Deutschen fürchten nicht nur Naturkatastrophen, Wirtschaftskrisen und Terror, sondern neuerdings auch unfähige Behörden und Politiker, Trump und die Weltpolitik. So heißt es zumindest in einer aktuellen Studie einer großen Versicherung. Der Angstforscher Prof. Borwin Bandelow von der Universität Göttingen erforscht die Hintergründe der menschlichen Ängste. Für ihn gibt es zwei grundsätzlich verschiedene Angstsysteme in Gehirn: "Einerseits gibt es ein sehr primitives Angstsystem, welches uns vor Gefahren wie tiefem Wasser, Blitz, Donner, Dunkelheit und wilden Tieren schützt. Und dann haben wir auf der anderen Seite ein intelligentes System, was Ängste verarbeiten und analysieren kann. Das kann dieses primitive Angstsystem nicht." Im primitiven Teil des Gehirns, der Amygdala, sind die Ur-Ängste genetisch verankert. Das primitive Angstsystem war für unsere Vorfahren überlebenswichtig und es ist auch heute noch leicht zu aktivieren so der Psychologe und Hirnforscher Bandelow: "Jemand, der ein Populist ist, wird gut daran tun, das primitive Angstsystem anzusprechen und diese Urängste aufzuwärmen. Denn da trifft er auf fruchtbaren Boden."

Trump – mächtig und unberechenbar 

US-Präsident Donald Trump auf einem Comic-Fernseher
Vor US-Präsident Donald Trump haben die meisten Deutschen Angst | Bild: SWR

Der Studie zufolge fürchten die Deutschen Trump derzeit am meisten. Er ist nicht nur mächtig, sondern auch unberechenbar. Genau das setzt er gezielt als Waffe ein. Kaum ein Tag ohne einen verwirrenden Tweet. Fakten interessieren ihn nicht, sondern er will seine Gegner in die Defensive drängen, ihnen Respekt einflößen. Er sorgt also selbst dafür, dass die Leute Angst vor ihm haben.  Das ist zwar leicht zu durchschauen, aber dennoch sehr wirkungsvoll. 

Versicherungen und Sicherheitsexperten profitieren von Sorgen und Ängsten

Anders ist es bei der Angst vor Gefahren und Schäden: Hier profitieren diejenigen, die vorgeben, vor den Gefahren zu warnen und zu schützen. Die Berichterstattung in den Medien lebt zum Teil davon, Katastrophen zu verkünden und uns über eine scheinbar immer bedrohlichere Welt aufzuklären. Versicherungen und Sicherheitsexperten profitieren von den Sorgen und Ängsten, die vor allem andere auslösen. Wie real die Bedrohung und wie sinnvoll die Dienste sind, ist dabei oft egal. 

Politiker nutzen Ängste

Warnen und gleichzeitig die Lösung anbieten: Es geht vorrangig um das Geschäft mit der Angst. Ein einfaches System, sagt Bandelow: "Der Trick ist, dass man den Menschen erst einmal tüchtig Angst einjagt und dann zu sagt: 'Ich bin der Retter. Ich werde euch da rausholen.'" Dieser Trick ist bei Politikern und Ideologen besonders beliebt. Jüngstes Beispiel ist die erstarkende Rechte in Deutschland und Europa. Geschickt aktivieren sie schlummernde Ängste.

Online-Medien: Hauptsache schnell und laut

Grafik zum Wahrheitsgehalt der  Facebook-Inhalte
Auswertung der Facebook-Inhalte politischer Extreme. | Bild: SWR

Rechtspopulisten nutzen die Online-Medien besonders erfolgreich für ihre Zwecke. Das ist neu und wäre früher in dieser Form nicht möglich gewesen, so Stefan Weichert von der Medien-Uni Hamburg: "Wir erleben gerade eine Tendenz dazu, dass Politiker, Parteien, aber auch Unternehmen, sozusagen eigene Medienecho-Kammern schaffen. Also eigene Berichterstattungen über soziale Medien verbreiten und damit die klassischen Medien umgehen. Warum tun sie das? Weil sie natürlich da direkter ihre Nutzer, ihre potenziellen Wähler ansprechen können und nicht mehr darauf angewiesen sind, ob die klassischen Medien über sie positiv, oder eher negativ, oder zumindest kritisch berichten." In sozialen Medien lassen sich Informationen schneller verbreiten, als jemals zuvor. Es ist egal, ob sie wahr oder falsch sind. Hauptsache schnell und laut.

2017 verglich das US-amerikanische Medienunternehmen Buzzfeed extreme Inhalte auf Facebook mit denen von Mainstream Medien. Ergebnis: Traditionelle Medien berichteten fast zu 100 Prozent wahrheitsgetreu. Dagegen war etwa ein Fünftel der linksextremen Berichte, und gut ein Drittel der Rechtsextremen falsch oder irreführend.

Gefangen in den Echo-Kammern des Netzes 

Comic-Seite, verschiedene Bilder von Figuren schauen sich Online-Medien an.
Kein Entkommen vor Nachrichten aus sozialen Medien. | Bild: SWR

Dazu kommt, so Weichert, dass Facebook, Google und Co. automatisiert die Interessen und Vorlieben ihrer Nutzer auskundschaften, damit die nur noch Nachrichten und Informationen erhalten, die zu ihnen passen. So entsteht ein verzerrtes Bild der Wirklichkeit: "Die Dynamiken in den sozialen Medien schüren deswegen besonders Ängste, weil die schlechte Nachricht häufig automatisch nach oben gespült wird, weil sie am häufigsten geklickt wird. Das ist ein bisschen ein sich selbst fütterndes System. Je schlechter die Nachricht, umso häufiger sie geklickt wird, desto häufiger wandert sie nach oben im Ranking der gesehenen Beiträge, desto häufiger wird sie wiederum geklickt. Das ist so ein bisschen ein Teufelskreis, ein Teufelsmechanismus, den soziale Medien befeuern." Je primitiver die Angst, an die appelliert wird, um so effektiver arbeitet die Propaganda im Netz. Hat sich die Angst erst mal eingeschlichen und festgesetzt, gibt es für rationale Betrachtungen kaum noch eine Chance.

Autor: Hilmar Liebsch (SWR)

Stand: 03.11.2018 12:25 Uhr