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Hausarztmangel auf dem Land

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Hausarztmangel auf dem Land | Video verfügbar bis 15.09.2023 | Bild: NDR

Angst geht um in der Kreisstadt Parchim. Die Angst, keinen Hausarzt zu finden. In dem Landkreis in Mecklenburg-Vorpommern spitzt sich zu, was in vielen ländlichen Regionen ein Riesenproblem ist: Hausärzte gehen in den Ruhestand, Nachfolger gibt es nicht. In Parchim fehlen mittlerweile zwölf Hausärzte. Jede vierte Stelle ist nicht besetzt. Und es drohen weitere Schließungen.

Doktor unter Druck

Patienten stehen Schlange vor einer Praxis
Lange bevor die Hausarztpraxis von Dr. Hesse öffnet, stehen Patienten frühmorgens an. | Bild: NDR

Vor der Hausarztpraxis von Dr. Joachim Hesse stehen die Patienten morgens Schlange, lange bevor die Sprechstunde beginnt. Wartezeiten von zwei bis drei Stunden sind normal. Für neue Patienten herrscht – wie überall in Parchim – Aufnahmestopp. Dr. Hesse arbeitet schon längst am Limit, und er weiß, der Druck wird steigen, wenn demnächst eine weitere große Hausarztpraxis in der Stadt schließt. Seine größte Sorge: "In dem täglichen Gewusel etwas zu übersehen, einen Fehler zu machen. Das beschäftigt mich Tag und Nacht."

Das Problem war lange absehbar. Die Hausärzte in Deutschland vergreisen rapide. Nur sechs Prozent sind jünger als 40 Jahre. Mehr als zwei Drittel sind älter als 50 Jahre. Jeder siebte Hausarzt ist älter als 65. Viele planen ihren Ruhestand in nächster Zeit. Die düstere Prognose der Kassenärztlichen Bundesvereinigung: 2030 werden in Deutschland rund 11.000 Hausärzte fehlen.

Praktizieren bis zum Umfallen

Dr. Hesse jun. und Dr. Hesse
Die Hausärzte Dr. Hesse jun. und Dr. Hesse sen. Auch mit 80 Jahren wird der Senior noch gebraucht.  | Bild: NDR

Für Hausbesuche hat Dr. Joachim Hesse keine Zeit. Die übernimmt sein 80 Jahre alter Vater. Dr. Peter Hesse fährt auch ins Umland von Parchim und betreut dort Patienten, die den Weg in die Praxis nicht mehr bewältigen können. Etwa 30 Patienten besucht der Senior regelmäßig, kontrolliert Blutdruck oder Zuckerwerte und stellt Rezepte aus. Ohne ihn, könnten manche ältere Patienten gar nicht zu Hause wohnen bleiben und müssten in ein Pflegeheim ziehen. Was, wenn Dr. Hesse das in seinem hohen Alter irgendwann nicht mehr schafft? "Das weiß man nicht", sagt der Senior. "Dass ein Nachfolger nach Parchim kommt, ist ja eine Illusion."

Hausärzte als Angestellte der Kommune

Hausarztzentrum in Büsum
Ein Zukunftsmodell – das Hausarztzentrum in Büsum ist auch für junge Mediziner attraktiv. | Bild: NDR

Doch andernorts werden Illusionen Realität. Die Gemeinde Büsum in Schleswig-Holstein etwa macht vor, wie sich junge Mediziner für den Hausarztberuf auf dem Land gewinnen lassen. Vor drei Jahren drohte dem Küstenort ein massiver Hausarztnotstand. Die Gemeinde gründete daraufhin ein Ärztezentrum und betreibt es selbst. Damals ein bundesweit einmaliges Modell. Mittlerweile arbeiten dort sechs Hausärzte als Angestellte der Kommune. Teilzeitarbeit ist möglich, Teamwork selbstverständlich. Zusätzliche Bereitschaftsdienste nachts und am Wochenende – woanders die Regel  –  wurden abgeschafft. "Die Work-Life-Balance stimmt", sagt Klaas Lindemann. Seit zwei Monaten arbeitet er als Arzt in Weiterbildung im Ärztezentrum. Die Arbeitsbedingungen sind auch für Ärztinnen attraktiv. Anders als in einer oft überlasteten Einzelpraxis können sie sich in Büsum auf geregelte Arbeitszeiten verlassen und Beruf und Familie gut vereinbaren. Drei Medizinerinnen gehören zum Team des Modellprojekts, das rund 7.000 Bewohner aus Büsum und dem Umland hausärztlich versorgt.

Kommunales Ärztezentrum in Büsum ein Erfolg

Dr. Lindemann jun. und Dr. Lindemann sen.
Dr. Lindemann jun. und Dr. Lindemann sen. praktizieren beide im Büsumer Ärztezentrum. Der Senior gab dafür seine Einzelpraxis auf. | Bild: NDR

Bürgermeister Hans-Jürgen Lütje war anfänglich skeptisch, ob ein kommunales Ärztezentrum Erfolg haben würde. Mittlerweile aber schreibt das Projekt schwarze Zahlen, und Lütje ist überzeugt, dass kommunale Hausarztpraxen auch für andere Gemeinden eine Lösung sind. Viele Jungmediziner schreckt die Vorstellung ab, sich selbstständig zu machen. Sie wollen sich neben der Arbeit als Arzt nicht auch noch mit kaufmännischen und organisatorischen Fragen belasten. Als Angestellte einer Kommune müssen sie das nicht. Wichtig sei, meint Lütje, dass eine Gemeinde aktiv wird und sich etwas traut. Man könne Hausarztzentren auch in abgewandelter Form gründen und in Absprache mit allen Beteiligten an die jeweiligen Bedürfnisse anpassen.

Ärzte aus dem Ausland anlocken

Belohnt wurde auch die Idee von Bürgermeister Peter Ahrens aus Lunden im Kreis Dithmarschen. Mehreren Hausarztpraxen in dem Dorf drohte die Schließung. Peter Ahrens lud eine Gruppe von Ärzten aus dem Ausland zum Kaffeeklatsch ein und umwarb sie. Die Mediziner aus Nicht-EU-Staaten nahmen an einer Fortbildung des Instituts für Allgemeinmedizin der Universität Lübeck teil und erkundeten bei einer Landpartie Schleswig-Holstein. Die Offerte aus Lunden kam an. Demnächst werden sich dort zwei Mediziner aus Serbien und Nigeria als Hausärzte niederlassen.

Autorinnen: Ute Jurkovics und Sonja Kättner-Neumann (NDR)

Stand: 28.08.2019 04:13 Uhr

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Bayerischer Rundfunk
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