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Wie gefährlich ist die eingewanderte Hyalomma-Zecke?

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Wie gefährlich ist die eingewanderte Hyalomma-Zecke? | Video verfügbar bis 28.09.2024 | Bild: picture alliance/dpa / Andrea Schnartendorff

Sie ist dreimal so groß wie der Gemeine Holzbock, den wir hierzulande kennen, und viel schneller. Die Rede ist von der Hyalomma-Zecke. Eigentlich lebt sie in den Trocken- und Halbtrockengebieten Afrikas, Asiens und Südeuropas. Jetzt taucht sie auch bei uns auf.  Für viele Menschen Grund zur Besorgnis, denn die Riesenzecke kann lebensgefährliche Krankheiten übertragen.

Hyalomma-Zecken schleppen fremde Krankheitserreger ein

Die Hyalomma-Zecke trägt andere Erreger in sich als der Holzbock, allen voran das Krim-Kongo-Fieber-Virus. Die Erkrankung kann bei Menschen massive Blutungen im ganzen Körper auslösen und ist schwer zu behandeln. Je nach Virusstamm beträgt die Sterblichkeitsrate zwischen zwei und 50 Prozent. Die exotischen Hyalomma-Zecken können aber noch weitere Krankheitserreger übertragen. So wurden in fast der Hälfte der in Deutschland gefundenen Zecken Rickettsien festgestellt – Bakterien, die das Zecken-Fleckfieber auslösen können. Dabei handelt es sich um einen fieberhaften Infekt mit Kopf- und Muskelschmerzen, extremen Gelenkschmerzen und Hautausschlag. In diesem Sommer gab es in Deutschland den ersten Verdachtsfall: Ein Mann soll sich durch den Biss einer Hyalomma-Zecke mit dem Erreger infiziert haben.

Hyalomma-Zecken haben erstmals in Deutschland überwintert

2015 wurde die Riesenzecke zum ersten Mal in Deutschland gesichtet. Bislang war es eigentlich zu kalt in Deutschland, die Hyalomma-Zecken überlebten den Winter nicht. Doch durch die steigenden Temperaturen und die milderen Winter könnten sich die Tiere hier etablieren. Zeckenforscher der Universität Hohenheim in Stuttgart und des Instituts für Mikrobiologie der Bundeswehr sind davon überzeugt, dass die Tiere den letzten Winter erstmalig unbeschadet überstanden haben. Offiziell wurden in den letzten vier Jahren von dem Forscherteam um Prof. Ute Mackenstedt 120 Hyalomma-Zecken registriert, 50 davon allein in diesem Jahr.

Um die Tiere genauer untersuchen zu können und ihre Verbreitung zu erforschen, bitten die Wissenschaftler die Bevölkerung seit einigen Jahren um Mithilfe. Jeder, der eine ungewöhnliche Zecke entdeckt, soll sie den Forschern schicken. Kürzlich erhielt Mackenstedt auf diesem Weg zum Beispiel ein Exemplar von einem Mann aus Nordrhein-Westfalen. Er fand die Zecke saugend in seinem Bauchnabel. Möglichweise hatte er sie im Gepäck aus dem Bosnien-Urlaub mitgebracht. Ein eher unüblicher Weg. Denn vor allem gelangt Hyalomma durch Zugvögel nach Deutschland.

Hyalomma-Zecke verfolgt ihre Opfer

Die Hyalomma Zecke gehört zu den Jagdzecken. Auf der Suche nach einer Blutmahlzeit nimmt sie ihre Beute ins Visier. Sie hat Augen und kann bis zu zehn Meter weit sehen. Hat sie ein Opfer erspäht, verfolgt sie es aktiv, läuft also auf Pferde, Rinder oder auch Menschen zu oder sogar hinter ihnen her – bis zu 100 Meter weit.

Sieben Zeckenarten in Deutschland

Mit der neu eingewanderten Hyalomma Zecke, sind inzwischen sieben Zeckenarten in Deutschland heimisch.

Die Schafzecke: Die Schaf- oder Frühjahrswaldzecke ist groß; sie kann 3,5 bis 5 mm lang werden und kommt an warmen und trockenen Orten wie Waldrändern vor. Die Schafzecke gilt als einer der Überträger des Q-Fiebers, einer in Deutschland nach dem Infektionsschutzgesetz meldepflichtigen Erkrankung.

Die Taubenzecke: Die Taubenzecke gehört zu den Lederzecken. Als Wirt bevorzugt sie Tauben. Eher selten sticht sie andere Vögel. Nur in Ausnahmefällen und bei großem Hunger saugt sie auch am Menschen, stirbt daran aber innerhalb weniger Tage. Ihr Biss kann beim Menschen zu einer allergischen Reaktion bis hin zum anaphylaktischen Schock führen. Wissenschaftler vermuten, dass auch sie das Q-Fieber übertragen kann.

Die braune Hundezecke: Die braune Hundezecke stammt ursprünglich aus Nordafrika, kommt aber inzwischen auch vereinzelt bei uns vor. Im Süden Europas ist sie weit verbreitet. Die Braune Hundezecke befällt vorwiegend Hunde und andere Warmblüter, Menschen dagegen eher selten. Anders als der Gemeine Holzbock kann die Braune Hundezecke sehr gut in Wohnungen überleben. Hat sie sich einmal eingenistet,  kann sie sehr schnell zur Plage werden. Denn die ist sehr vermehrungsfreudig. Innerhalb weniger Monate können sich mehrere Tausend Zecken in der Wohnung ansiedeln. Auch sie kann Krankheiten übertragen – etwa das Mittelmeer-Fleckfieber.

Der Holzbock: Der Holzbock ist die bekannteste Schildzecke. 700 Arten gibt es weltweit. In Deutschland ist der Gemeine Holzbock am bekanntesten. Er bevorzugt als Wirt neben Wild- und Haustieren auch den Menschen und überträgt dabei Viren und Bakterien, die gefährliche Krankheiten auslösen können. Dazu zählen vor allem die bakterielle Borreliose und die durch Viren verursachte FSME, eine Entzündung der Hirnhäute oder des Gehirns. In Deutschland ist jede zwanzigste Zecke von Borrelien befallen. Aber nicht jeder Stich einer befallenen Zecke führt zur Ansteckung. Lediglich zwischen einem und sechs von 100 Gestochenen infizieren sich mit Borreliose. Die Krankheit kann mit Antibiotika behandelt werden.

Mit FSME-Viren infizierte Zecken gibt es hauptsächlich im Süden Deutschlands. Die Risikogebiete: Baden-Württemberg, Bayern, Südhessen sowie das südöstliche Thüringen, vereinzelt auch Mittelhessen (Landkreis Marburg-Biedenkopf), Rheinland-Pfalz (Birkenfeld), Sachsen (Vogtlandkreis) und das Saarland (Saar-Pfalz-Kreis). Die FSME ist eine schwere Erkrankung, die nicht einfach zu behandeln ist. Das Robert Koch Institut empfiehlt deshalb Menschen, die sich in Risikogebieten aufhalten, sich gegen FSME impfen zu lassen. Zum Aufbau des Impfschutzes sind drei Impfungen erforderlich. Eine Auffrischung sollte nach drei Jahren erfolgen. Ab dem Alter von 50 beziehungsweise 60 Jahren sollte der Impfschutz alle drei Jahre aufgefrischt werden.

Wie verbreitet sind FSME-infizierte Zecken?

Dr. Gerhard Dobler ist Infektionsforscher und gilt als einer der versiertesten Zeckenkenner Deutschlands. Er hat eine Vorhersageformel entwickelt, um bei einer hohen Zeckendichte rechtzeitig warnen zu können – vor allem vor FSME-infizierten Tieren. Entscheidend für die Vorhersage sind die Temperaturen des Vorjahres, die Anzahl der Bucheckern des vorletzten Jahres sowie die Anzahl der Mäuse. Denn: Je mehr Bucheckern, desto mehr Mäuse; und je mehr Mäuse es gibt, desto besser gedeihen Zecken.

Grafik mit Zecken und Mäusen
Zeckenvorhersage-Formel | Bild: hr

Auch 2019 ist ein "starkes" Zeckenjahr und das hatte der Wissenschaftler bereits im Februar vorhergesagt. Doch Gerhard Dobler hat noch eine weitere Entdeckung gemacht. Es gibt FSME-Hotspots. Das sind räumlich extrem begrenzt Areale, in denen mit FSME infizierte Zecken leben. So kann zum Beispiel unter einer Baumgruppe ein Hotspot für das FSME-Virus sein, während nur 20 Meter weiter FSME-freie Zecken leben. Warum das so ist, wissen die Forscher noch nicht.

Wie Zecken bekämpfen?

Besonders in Gebieten mit vielen infizierten Zecken wäre es sinnvoll, Zecken zu bekämpfen, sagt Prof. Ute Mackenstedt von der Universität Hohenheim. Aber wie?  Bisher dachten Wissenschaftler, Zecken hätten keine bedeutenden natürlichen Feinde. Vielleicht könnten ja Waldameisen im Kampf gegen die Zecken helfen. Das legt jedenfalls eine Untersuchung der Fachhochschule Bern nahe. Forscher haben herausgefunden, dass in Gegenden mit Waldameisen kaum Zecken vorkommen. In ihrer Untersuchung hat Studienleiterin Dr. Silvia Zingg dafür 26 Waldstellen mit Ameisen mit 26 Stellen ohne Waldameisen verglichen. Die Forschenden entdeckten dabei, dass Waldameisen die lokalen Zeckenvorkommen deutlich reduzieren können. Besonders wichtig für die Wirkung ist die Größe der Nester. Stieg beispielsweise das Volumen eines Ameisennestes von 0,1 auf 0,5 Kubikmeter an, sank die Anzahl Zecken um rund zwei Drittel. Doch woran es liegt, ob die Ameisen oder ihr Gift die Zecken töten oder ob die Zecken die Ameisen bewusst meiden, das weiß man noch nicht. Weitere Forschung ist nötig.

Suche nach Anti-Zecken-Mittel

Waldameisen
Forscher haben herausgefunden, dass in Gegenden mit Waldameisen kaum Zecken vorkommen. | Bild: hr

Auf der Suche nach einem Mittel gegen die Spinnentiere ist auch Prof. Mackenstedt. Sie erforscht verschiedene Gifte. Am bislang erfolgreichsten erwies sich dabei ein Pilz, der für Zecken tödlich ist. Als Granulat kann der Pilz verstreut werden. Den Kügelchen ist außerdem als Zeckenlockstoff CO2 zugesetzt, das nach dem Ausbringen entweicht. Das Granulat müsste nun im Feldversuch getestet werden, doch dafür fehlen Forschungsgelder.

Dabei wäre es wichtig zu wissen, ob der Pilz zum Beispiel auch gegen die gefährliche Hyalomma-Zecke wirkt. Denn dass sich die Hyalomma-Zecken und auch andere Arten weiter bei uns ausbreiten werden, davon sind alle Experten überzeugt.

Autoren: Stephanie Krüger und Wolfgang Zündel (hr)

Stand: 28.09.2019 17:31 Uhr

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Norddeutscher Rundfunk
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