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Der Krebsmittelskandal von Bottrop und die Folgen

PlayApotheker Peter Stadtmann vor Gericht
Der Krebsmittelskandal von Bottrop und die Folgen  | Video verfügbar bis 27.10.2023 | Bild: WDR/Cony Theis ©2018

Als Melanie Masuch am 29. NOvember 2016 auf dem Weg zur Chemotherapie im Düsseldorfer Brustkrebszentrum ist, bekommt die Medizinisch-technische Assistentin einen Anruf. An diesem Tag könne sie nicht behandelt werden, denn mit ihrer Chemotherapie würde etwas nicht stimmen, heißt es. Was man ihr nicht erzählt: Melanie Masuch ist in einen der größten Medikamentenskandale Deutschlands geraten. Ein Bottroper Apotheker hatte die lebenswichtigen Medikamente von Tausenden Krebspatienten unterdosiert und gepanscht. Melanie Masuch war eine davon.

Gepanschte Krebsmittel – und keiner hat etwas gemerkt?

Apotheker Peter Stadtmann vor Gericht
Der Bottroper Apotheker Peter Stadtmann beim Prozess vor dem Essener Landgericht, wie ihn unsere Gerichtszeichnerin sah. | Bild: WDR/Cony Theis ©2018

Triple X nennen Mediziner die besonders aggressive Form des Brustkrebses von Melanie Masuch, bei dem die Behandlung mit Chemotherapie und Operation unerlässlich ist. Sie bekommt ihre Medikamente aus der Alten Apotheke Bottrop – einer von insgesamt etwa 300 Apotheken in Deutschland, die Zytostatika zubereiten dürfen, denn die hochwirksamen Mittel müssen für jeden Patienten individuell hergestellt werden. Eine ganze Reihe von Parametern spielt dabei eine Rolle – Geschlecht und Körpergröße, Gewicht, und sogar die Körperoberfläche bestimmen, wie viel Chemo-Wirkstoff in die Therapiebeutel kommt.

In der Alten Apotheke Bottrop kam zu wenig Wirkstoff in die Therapien – bei insgesamt 49 verschiedenen Medikamenten wurde ermittelt, dass sie über Jahre hinweg unterdosiert worden waren. Auch die Mittel von Melanie Masuch waren darunter. Der Gewinn war beträchtlich, denn einzelne Krebs-Therapien können mehrere Tausend Euro kosten. Mit den Unterdosierungen soll der Bottroper Apotheker ein Millionenvermögen angehäuft haben. Nach einem aufsehenerregenden Prozess wurde Peter Stadtmann zu 12 Jahren Haft, 17 Millionen Euro Strafe und lebenslangem Berufsverbot verurteilt. Doch Fragen bleiben – nicht nur bei Melanie Masuch. Warum hatte der Apotheker überhaupt betrügen können? Hatte es keine Kontrollen gegeben?

Behördenversagen Apothekenaufsicht

Reinraumlabor der Marienapotheke Neuss
Im Reinraumlabor einer Neusser Apotheke lassen wir uns die Zubereitung von Chemotherapien zeigen. | Bild: WDR

Die Kontrolle der Apotheken ist in Deutschland Ländersache und oft sieht sie so aus wie in Nordrhein-Westfalen. Dort wurden alle Apotheken bis zur Aufdeckung des Bottroper Skandals etwa alle zwei bis drei Jahre von Amtsapothekern besucht und auf Hygiene und die allgemeine Einhaltung der Arzneimittelvorschriften kontrolliert. Die in den Labors der Zytostatika herstellenden Apotheken zubereiteten Therapien wurden aber nur in Ausnahmefällen auf den Wirkstoffgehalt hin analysiert. Zudem wurden die Apotheken-Kontrollen Tage vorher angekündigt. Eine wirksame Kontrolle war das nicht – im Strafprozess gegen den Apotheker sprach der Richter sogar von Behördenversagen bei der Apothekenaufsicht.

Der Skandal wird aufgedeckt

Martin Porwoll
Martin Porwoll wurde für die Aufdeckung des Medikamentenbetrugs der Deutsche Whistleblowerpreis 2017 verliehen. | Bild: WDR

Bis zu 62.000 einzelne Krebs-Therapien wurden möglicherweise in der Alten Apotheke Bottrop gestreckt und gepanscht. Ohne einen Insider wäre der Skandal wahrscheinlich nie aufgedeckt worden. Martin Porwoll war seit kurzem kaufmännischer Leiter der Apotheke als ihm auffiel, dass mit den Arzneimittel-Abrechnungen der Apotheke etwas nicht stimmte. Beispielsweise beim Antitumormittel Opdivo® war nicht einmal die Hälfte der Wirkstoff-Menge von der Alten Apotheke eingekauft worden, die laut Rezepten verordnet war und hätte ausgeliefert werden müssen. Statt insgesamt 50.000 Milligramm Opdivo® waren nur etwa 20.000 Milligramm Opdivo® in den verordneten Therapien. Mit seinen Erkenntnissen ging Martin Porwoll zur Staatsanwaltschaft, wo er anfänglich auf ungläubiges Staunen stieß. Ein Apotheker, hieß es dort, macht so etwas nicht.

Die Probe aufs Exempel

Als Reaktion auf den Medikamentenskandal von Bottrop kündigte das nordrhein-westfälische Gesundheitsministerium 2017 einmalig die "unangekündigte" Kontrolle aller 116 Zytostatika-Apotheken des Landes an. Insgesamt 897 Mängel wurden entdeckt, davon waren 135 organisatorische Mängel. Acht dieser schwerwiegenden Mängel führten sogar dazu, dass eine Apotheke ihr Zytolabor kurzzeitig schließen musste. In einer anderen Apotheke wurde eine unterdosierte Chemotherapie gefunden.

Im Oktober 2018 hat Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann für Nordrhein-Westfalen ein Konzept vorgestellt, nach dem die Apotheken des Landes ab sofort regelmäßig einmal im Jahr unangekündigt überprüft werden sollen. Zusätzlich sollen einmal im Jahr unangekündigt Proben aus den Chemotherapien entnommen und analysiert werden. Die Zytostatika herstellenden Apotheker, wie Apothekerin Christiane König aus Neuss, begrüßen die neuen Kontrollen, denn das Vertrauen der Patienten in die Qualität und die Wirksamkeit ihrer Therapien hat durch den Apothekerskandal von Bottrop deutlich gelitten.

Autor: Tilman Wolff (WDR)

Stand: 27.10.2018 16:13 Uhr

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Sa, 27.10.18 | 16:00 Uhr
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