SENDETERMIN Sa., 20.10.18 | 16:00 Uhr | Das Erste

Paludi-Kultur: Renaturierung von Mooren

PlaySumpfmoor
Paludi-Kultur: Renaturierung von Mooren | Video verfügbar bis 20.10.2023 | Bild: NDR

Trockengelegte Moore gasen nicht nur CO2 aus, es gibt noch ein weiteres Problem: Sie sacken in sich zusammen, jedes Jahr bis zu zwei Zentimeter. In Küstennähe hat das die fatale Folge: Das Land liegt irgendwann weit unter dem Meeresspiegel. So war es im Anklamer Stadtbruch in Mecklenburg-Vorpommern. Ganz in der Nähe der Ostsee gab es hier ein trockengelegtes Moor, das landwirtschaftlich genutzt wurde. Doch als schließlich der Deich brach, holte sich das Wasser die Flächen zurück. Man beließ es dabei, denn es wäre zu aufwändig gewesen, die Fläche wieder trocken zu pumpen. Innerhalb weniger Jahre verwandelte sich das ehemalige Ackerland wieder in ein Sumpfmoor mit artenreicher Flora und Fauna. Ein spektakuläres Naturschutzgebiet, das viele Touristen in diese abgelegene Ecke Deutschlands lockt.

Moornutzung durch Paludi-Kultur

Hans Joosten
Moorkundler aus Greifswald: Prof. Hans Joosten. | Bild: NDR

Prof. Hans Joosten, Moorkundler aus Greifswald, weiß, dass nicht jede trockengelegte Wiese der Natur zurückgegeben werden kann. Der wirtschaftliche Druck auf die Flächen ist groß. Nur wenn Landwirte überzeugt werden können, dass sich auch in Feuchtgebieten Geld verdienen lässt, hat die Paludi-Kultur eine Chance. Paludi-Kultur ist der Fachbegriff für das Wirtschaften auf nassen Flächen. In der Nähe von Greifswald wurden nach der Wende Kartoffeläcker geopfert, um dafür einen ersten Beweis zu erbringen. Dort wurden absichtlich Deiche geöffnet und ein paar Hektar Land unter Wasser gesetzt. Es entwickelte sich ein Küstenmoor, das nicht aus Moos besteht, sondern aus Gras, Wurzeln und Schilf. Es stehen sogar Kühe und Wasserbüffel auf der Fläche. Für Wasserbüffel ist der morastige Boden geradezu der natürliche Lebensraum.

Der Paludi-Pionier

Sumpfmoor
Ein Sumpfmoor hat eine artenreiche Flora und Fauna. | Bild: NDR

Ein Naturschutzgebiet, das landwirtschaftlich genutzt werden kann. Ein starkes Argument für Landwirte und zugleich gut für den Klimaschutz, denn die Flächen gasen nicht länger CO2 aus. Ein weiterer Vorteil: Das Land wächst wieder, gewinnt an Masse, statt abzusacken und verstärkt so auf natürliche Weise den Küstenschutz. Ein paar Kilometer von Greifswald entfernt ringt einst trocken gelegtes Land noch mit der Ostsee. Jede Sturmflut könnte die die bereits teilweise feuchten Kuhweiden und Äcker an der Peenemündung für immer überfluten. Es wird Zeit, neue Nutzungsrecht-Konzepte für das Moor in Lauerstellung zu überlegen, das meint Aldert van Weeren. Er ist von der Idee der Paludi-Kultur überzeugt, denn die Probleme, die trocken gelegte Moore verursachen, liegen direkt vor seiner Haustür. Die Lösung dieser Probleme vielleicht auch. Denn rund um die Peenemündung  gibt es bereits große, natürliche Felder mit Rohrkolben. Van Weeren hat sich die Genehmigung geholt, die abernten zu dürfen.

Biologischer Baustoff aus dem Moor

Rohrkolben
Rohrkolben – die bislang unterschätzte Nutzpflanze. | Bild: NDR

Rohrkolben entpuppt sich zurzeit als geniale, aber bislang unterschätzte Nutzpflanze. Denn der hohe Gerbsäuregehalt sorgt dafür, dass Rohrkolbenprodukte gut gegen Verrottung geschützt und dennoch biologisch abbaubar sind. Van Weeren kam auf die Idee daraus Dämm-Platten für den Hausbau herzustellen. Sie werden, anders als beispielsweise Styropor, aus nachwachsenden Rohstoffen ohne Pestizid- oder Düngereinsatz hergestellt und sind auch noch von Natur aus schwer entflammbar. Es gibt Unternehmer, die den Rohstoff gerne verarbeiten würden, wenn er denn irgendwann in ausreichender Menge zur Verfügung stünde. Doch noch steckt die Paludi-Kultur in den Kinderschuhen. Es fehlen überzeugte Landwirte, ausreichend Anbau-Flächen und nicht zuletzt eine Förderpolitik, die die Auszahlung von Subventionen von der Erfüllung bestimmter Umweltstandards abhängig macht. Ohne bessere Rahmenbedingungen aber wird die Paludi-Kultur in (renaturierten) Mooren wohl eine seltene Ausnahme bleiben.

Autoren: Susanne Brahms, Rainer Krause (NDR)

Stand: 20.10.2018 11:34 Uhr

Sendetermin

Sa., 20.10.18 | 16:00 Uhr
Das Erste

Produktion

Bayerischer Rundfunk
für
DasErste