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Transidente Jugendliche: Geboren mit dem falschen Geschlecht

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Transidente Jugendliche: Geboren mit dem falschen Geschlecht | Video verfügbar bis 21.04.2023 | Bild: BR

In Deutschland gibt es immer mehr Kinder, die das Gefühl haben im falschen Geschlecht geboren zu sein. Viele wünschen sich eine möglichst frühe Angleichung ihres Körpers an das Wunschgeschlecht, also eine Hormontherapie und geschlechtsangleichende Operationen vor ihrer Volljährigkeit. Unterstützung erhalten sie dabei von Transberatungsstellen und Selbsthilfegruppen. Es gibt aber Ärzte, die diese Entwicklung mit Sorge sehen.

Leon hat sich seinen Namen selbst ausgesucht, denn seine Eltern haben ihm als Baby, einen Mädchennamen gegeben. Doch bereits in der Grundschule wusste er, dass der nicht zu ihm passt. Deshalb zog er sich jeden Morgen vor der Schule in der Garage heimlich Jungenklamotten an. Bevor er nach Hause kam, schlüpfte er wieder in die Mädchenkleider. Der Grund: Er wollte seine Eltern nicht enttäuschen. Sie hatten ihn als Baby adoptiert und sich sehnlichst ein Mädchen gewünscht. Erst mit 14 Jahren vertraut er ihnen sein Geheimnis an.

Die Spezialsprechstunde

Die Eltern suchten daraufhin die Spezialsprechstunde für Kinder und Jugendliche mit Unsicherheiten in der sexuellen und geschlechtlichen Identitätsentwicklung am Klinikum der Universität München auf. Ihr Leiter ist der Kinder- und Jugendpsychiater Alexander Korte. Für ihn besteht die Herausforderung darin, herauszufinden, bei welchen seiner Patienten der Wunsch dem anderen Geschlecht anzuhören bleiben wird und bei wem nicht, weil es psychologische oder kulturelle Ursachen gibt oder es sich also nur um eine Phase handelt. Bei Kindern ist das, Studien zufolge, bei 70 bis 80 Prozent der Fall.

Verantwortung der Ärzte

Dr. Alexander Korte
Dr. Korte sieht eine Hormonbehandlung mit Skepsis | Bild: BR

Ist die Diagnose "Trans" erst einmal gestellt, bürdet sie Psychologen und Ärzten eine große Verantwortung auf, denn dann wünschen Kinder und Jugendliche meist auch eine Hormontherapie und Operationen, um ihrem Wunschgeschlecht möglichst ähnlich zu werden. All diese Eingriffe in den Körper haben aber eines gemeinsam: Sie haben Nebenwirkungen, allen voran die Unfruchtbarkeit. Geschlechtsangleichende Operationen lassen sich zudem kaum mehr rückgängig machen.

Die bisherigen Leitlinien für transidente Kinder und Jugendliche empfehlen daher, dass die Betroffenen sich vorher ein Jahr lang mit neuem Namen, in der neuen Geschlechterrolle ausprobieren und begleitend dazu eine mindestens anderthalbjährige Psychotherapie. Die Behandlung mit sogenannten Pubertätsblockern wird als problematisch eingeschätzt, weil sie die natürliche Entwicklung der Geschlechtsidentität beeinflussen könnte.

Streit um die Leitlinien

Mari Günther
Mari Günther befürwortet eine Behandlung mit sogenannten Pubertätsblockern. | Bild: BR

Trans-Beratungsstellen, wie Queer-Leben in Berlin und Selbsthilfegruppen, wie der Verein Trakine, sehen das ganz anders. Sie fordern eine Änderung der Leitlinien, denn ihrer Erfahrung nach können Kinder und Jugendliche sehr gut selbst einschätzen, ob sie "trans" sind oder nicht. "Von außen" lasse sich geschlechtliches Erleben dagegen nicht diagnostizieren. Der Erfahrung der systemische Therapeutin, Mari Günther, von Queer Leben nach, würden weniger als fünf Prozent der Kinder, ihre Einschätzung "trans" zu sein wieder rückgängig machen. Auch handele es sich bei der sogenannten Geschlechtsinkongruenz, also dem Auseinanderfallen von Identität und Körper, um keine psychische Störung. Die Empfehlung einer längeren Psychotherapie, wie sie die bisherigen Leitlinien geben, hält sie daher für nicht gerechtfertigt.

Dagegen befürwortet sie eine Behandlung mit sogenannten Pubertätsblockern, die verhindern, dass die Kinder Geschlechtsmerkmale entwickeln, die sie ablehnen und unter denen sie häufig stark leiden. Die Wirkung von Pubertätsblockern ist, anders als bei Hormonen, umkehrbar und sie hilft Kindern und Jugendlichen, Zeit für ihre Entscheidung und Selbsteinschätzung zu gewinnen.

Die Eltern brauchen Zeit

Leon auf Kinderfotos
Leon auf Kinderfotos. | Bild: BR

Wie aber ist es mit Leon weitergegangen? Als er zum ersten Mal in der Spezialsprechstunde von Alexander Korte sitzt, ist er bereits mitten in der Pubertät. Er ist verzweifelt, weil sein Körper weibliche Formen annimmt und er bei Fremden nicht mehr als Junge durchgeht. Zugern würde er diese Entwicklung stoppen, auch mit gegengeschlechtlichen Hormonen. Doch der Arzt möchte ihn erst genauer einschätzen können. Er empfiehlt ihm, den bisherigen Leitlinien folgend, das Selbsterprobungsjahr in der gegengeschlechtlichen Rolle und eine begleitende Psychotherapie. Erst danach hält er die Behandlung mit Testosteron für vertretbar.

Leon muss sich damit aber sogar noch länger gedulden. Seine Eltern müssen zustimmen. Sie brauchen aber noch Zeit, denn sie trauern um den Verlust ihrer Tochter. Als sie kurz vor Leons 17. Geburtstag doch in die Hormonbehandlung einwilligen, geht alles ganz schnell. Bereits nach zwei Wochen wird Leons Stimme dunkler, nach zwei Monaten sprießt sein Bart. Die Eltern finanzieren ihm die operative Entfernung der weiblichen Brust. Mit allen weiteren Operationen will Leon aber noch warten. Ihm reicht vorerst, dass nun alle sehen, wer er wirklich ist, ein glücklicher junger Mann.

Ansprechpartner und Adressen:

Dr. med. Alexander Korte
Leiter der Spezialsprechstunde für Kinder und Jugendliche mit Unsicherheiten in der sexuellen und geschlechtlichen Identitätsentwicklung oder mit sexuellen Verhaltensauffälligkeiten
Klinikum der Universität München
Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie
Nussbaumstraße 5 a, 80336 München
Tel. (089) 440 05 59 01 (Terminvereinbarung unter: (089) 440 05 59 31)    
Internet: www.kjp.med.uni-muenchen.de

QUEERLEBEN
Inter- und Trans-Beratung
Mari Günther
Systemische Therapeutin
Niebuhrstraße 59/60; 10629 Berlin
Tel. (030) 23 36 90 70
E-Mail: mail@queer-leben.de
Internet: www.queer-leben.de

Selbsthilfegruppe für Eltern mit Trans-Kindern
Trakine e.V.
E-Mail: info@trans-kinder-netz.de
Internet: www.trans-kinder-netz.de

Autorin: Sabine Frühbuss (BR)

Stand: 20.04.2018 15:55 Uhr