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Die Weltraummüllabfuhr - Aufräumkommando im Orbit

PlaySchrott umkreist die Erde.
Die Weltraummüllabfuhr - Aufräumkommando im Orbit | Video verfügbar bis 01.12.2023 | Bild: ESA

Tausende Teile Schrott umkreisen die Erde: alte Satelliten, ausgebrannte Raketenantriebe, verlorene Werkzeuge von Astronauten. Die unendlichen Weiten des Alls sind nahe der Erde ganz schön voll geworden. Wissenschaftler fürchten, dass Kollisionen der Teile miteinander eine Kettenreaktion auslösen und so eine undurchdringliche Schrottwolke erzeugen könnten, die das gesamte erdnahe All ausfüllt. Sie würde nicht nur die Raumfahrt unmöglich machen, sondern auch auf der Erde zu gewaltigen Problemen führen. Längst brauchen wir im Alltag die Dienste vieler Satelliten: Für Navigation und Wettervorhersage ebenso wie für Medien und Nachrichtenübermittlung.

Satelliten in Friedhofsorbits

Seit 60 Jahren fliegt der Mensch ins All. Am Anfang spielte das Aufräumen keine Rolle. "Aus der Mir haben sie den Müll noch einfach rausgeworfen", erklärt Prof. Guglielmo Aglietti vom Surrey Space Center in Großbritannien. Das hat sich grundlegend geändert. Längst müssen alle neuen Satelliten nach 25 Jahren wieder zur Erde zurückgebracht oder in sogenannte Friedhofsorbits auf weit von der Erde entfernten Umlaufbahnen "geparkt" werden. Doch der Schrott wird nicht weniger, im Gegenteil: Kollisionen und dramatischer Leichtsinn führen zu einer weiteren Zunahme.

2007 schoss China einen eigenen Satelliten zu Testzwecken ab: 3.300 Bruchstücke waren die Folge. 2009 kollidierten ein russischer und ein amerikanischer Satellit und zerbarsten in etwa 2.000 Teile. Die Weltraumorganisationen gehen davon aus, dass derzeit bereits etwa 750.000 Stücke größer als 1 Zentimeter die Erde umkreisen. Aufgrund der gewaltigen Geschwindigkeit, mit der sie durchs All rasen, würde ein Stück dieser Größe schon ausreichen, um die Schutzschilde der Internationalen Raumstation ISS zu durchschlagen.

Gefahr für die ISS

Die einzige ständig bemannte Station im All muss häufig Kurswechsel vornehmen, um Schrottstücken auszuweichen. Meistens reicht es aus, wenn die ISS ihren Kurs leicht ändert, aber in den letzten Jahren musste die Besatzung mehrfach in die Rettungskapsel flüchten, weil eine Kollision drohte. Bisher ist die ISS immer verschont geblieben, aber Fenster und Außenhaut der Raumstation zeigen Spuren von vielen kleinen Einschlägen. "Wenn wir den Weltraum weiter nutzen wollen, müssen wir ihn aufräumen", erklärt Prof. Guglielmo Aglietti vom Surrey Space Center entschlossen. Gemeinsam mit einem internationalen Team aus Wissenschaftlern und großen Industriepartnern wie Airbus, haben sie den ersten Aufräum-Satelliten gebaut: Remove Debris. Er wurde im April 2018 zur Raumstation ISS gebracht und später im All frei gesetzt.

Remove Debris – der Aufräum-Satellit

Netz im Weltall
Mit einem Netz fängt der Aufräum-Satellit Weltraumschrott ein. | Bild: Surrey Space Center

Der kleine Satellit experimentiert mit verschiedenen Aufräum-Techniken. Im September 2018 gelang es ihm, Schrott mit einem Netz einzufangen. Als nächstes wird er Müll mit einer Harpune aufspießen. Wunschergebnis in beiden Fällen: Satellit und Müll sind anschließend untrennbar miteinander verbunden. Das letzte geplante Experiment des Aufräum-Satelliten ist seine Selbstzerstörung. Dafür wird er ein großes Segel ausklappen, das ihn aus seiner Umlaufbahn tiefer in die Erdatmosphäre reißt. Dorthin, wo der Luftwiderstand so groß wird, dass Satellit und Müll verglühen. Prof. Guglielmo Aglietti ist zuversichtlich, dass es gelingt: "Es wäre ja wohl ein bisschen sonderbar für eine Mission, die Weltraumschrott untersucht, am Ende selber welchen zu hinterlassen. Wir werden alles aufräumen."

Die Versuche von Remove Debris sind vielversprechend, aber im Testbetrieb fängt der Satellit nur winzige Stücke wieder ein, die er zuvor selber ausgesetzt hat. "Die Technik wird bald so weit sein", erklärt Prof. Aglietti, „aber wenn diese Aufräum-Missionen wirklich etwas bringen sollen, müssen wir an alte Satelliten ran, die mehrere Tonnen schwer sind. Und diese großen Missionen werden teuer sein. Da muss man die Geldgeber natürlich erst überzeugen. Ich glaube es ist wie mit den Ozeanen. Alle sind sich einig: Ja, es wäre eine gute Idee, den Müll rauszuholen. Aber wer wird das bezahlen?".

"Machine 9": Spiel mir das Lied vom Müll

"Machine 9"
Nick Ryan hat eine Maschine entwickelt, die Weltraumschrott auf der Erde hörbar macht. | Bild: Bowers & Wilkins

Anders als der Müll im Meer, ist der Müll im All von der Erde aus nicht zu sehen, zu riechen oder zu hören. Der britische Sound Künstler Nick Ryan will das ändern – zumindest letzteres. "Meine Kollegin Cath Le Couteur und ich haben in den Himmel gekuckt und uns gewundert, was da jetzt genau über uns fliegt. Es gibt lange Listen und Excel-Tabellen, in denen jedes bekannte Stück Weltraumschrott verzeichnet ist. Woher es stammt und wie groß es ist. Aber das sind nur Listen. Für mich als Sound-Künstler werden Dinge erst dann begreifbar, wenn ich sie mit meinen Sinnen erfassen kann." Also haben die Künstler "Machine 9" entwickelt. Sie erfasst jedes Stück Weltraumschrott, dass sich gerade in der Umlaufbahn direkt über ihr befindet und gibt ihm einen Ton.

Zieht ein großes Stück vorbei, wie etwa einer der 3.100 "toten" Satelliten, die die Erde umkreisen, erklingen tiefe Töne. Kleinen Stücken, wie der Kamera, die ein Astronaut beim Weltraumspaziergang verlor, ordnet "Machine 9" helle Töne zu. Weil immer neue Stücke hinzukommen oder vorüberziehen, entsteht Musik. In dem Flügel des ehrwürdigen Somerset House in London, wo Nick Ryan mit anderen Künstlern sein Studio hat, könnte er eigentlich ständig neue Töne für "Machine 9" komponieren. Denn noch wird der Müll im All nicht weniger, sondern mehr.

Autorin: Christine Seidemann (NDR)

Stand: 01.12.2018 13:30 Uhr

Sendetermin

Sa, 01.12.18 | 16:00 Uhr
Das Erste

Produktion

Bayerischer Rundfunk
für
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