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Was macht Alkohol im Kopf?

PlayEine Frau nippt an einem Weinglas
Grafik mit aktiviertem Gehirn-Areal, im Vordergrund stehen Alkoholflaschen
Gehirn: Alkohol aktiviert Belohnungszentrum  | Bild: BR

Ein Glas Wein am Abend hilft zu entspannen, führt zu einer lockeren Zunge. Die Risikobereitschaft, etwas zu tun, was ein Mensch mit klarem Kopf nicht täte, steigt mit zunehmendem Alkoholkonsum. Doch welche Mechanismen greifen dabei im Gehirn? Welche Rolle spielt das Belohnungssystem? Und was passiert im Körper, wenn man aufhört zu trinken? Im neuen Bar-Labor des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit in Mannheim analysieren Wissenschaftler die physiologischen Effekte des Alkoholkonsums unter Realbedingungen und untersuchen, wie regelmäßiges Trinken die Wahrnehmung verändert.

Gehirn wird langsamer

Zunächst ist die Wirkung von Alkohol bei fast allen Menschen gleich: Ethanol stört die Signalverarbeitung zwischen den Nervenzellen. Der Effekt beruht auf der Einlagerung von Ethanol in Membranproteine, dadurch wird deren Funktion gestört. Es werden verschiedene Botenstoffe angeregt, welche die Nervenzellen verlangsamen. Außerdem schüttet das Gehirn Glückshormone aus, etwa Dopamin und Serotonin.

Schon ab 0,5 Promille versagt die Kontrolle über Impulse, die Menschen sonst unterdrücken. Das kann peinlich werden, aber auch zu aggressivem Verhalten führen. Die Grenze zur Abhängigkeit ist fließend zunehmend fordert das Belohnungszentrum die Glückshormone regelrecht ein. Bleibt die Belohnung durch Alkohol aus, entsteht Stress.

Sensoren messen Suchtdruck

Testperson mit Weinglas in Bar wird von Forschern mit Sensoren überwacht
"Bar-Lab": eine Kneipe als Forschungslabor | Bild: BR

Im "Bar-Lab", einem speziellen Labor, das mit Tresen und Barhocker wie eine Kneipe eingerichtet ist, wollen die Mannheimer Forscher messen, wie sich dieser Stress in verschiedenen Situationen verändert, um so neue Therapieansätze zu entwickeln. Wie reagieren Alkoholiker etwa, wenn sie während der Therapie ihr Lieblingsgetränk bestellen, aber nicht trinken dürfen? Um diesen Suchtdruck zu messen, verkabeln die Forscher die Studienteilnehmer mit einer Reihe von Sensoren. Diese messen die Muskelspannung, die Hautleitfähigkeit sowie Puls und Atemfrequenz. Schwitzen die Hände? Geht der Puls nach oben, wenn endlich das Glas Wein serviert wird? "In der Studie, die wir aktuell durchführen, untersuchen wir physiologische Reaktionsmuster, die den Stress, der mit höherem Suchtdruck einhergeht, markieren", erklärt Professor Falk Kiefer, der das Forschungsprojekt gemeinsam mit der Fraunhofer Gruppe für Automatisierung in der Medizin entwickelt hat. Zusätzlich analysieren die Wissenschaftler die Sprache der Patienten, um festzustellen, ob der Stress auch in der Stimme zu erkennen ist.

Wahrnehmung: Filterblase Alkohol

Doch der regelmäßige Konsum von Alkohol hat nicht nur kurzfristige Folgen im Körper. Er verändert die Strukturen im Gehirn. Welche Auswirkungen das auf das Denken und Fühlen hat, können die Forscher anhand von Kernspin-Aufnahmen analysieren. Dabei werden den Studienteilnehmern Bilder von alkoholischen Getränken gezeigt. Die alkoholabhängigen Patienten reagieren auf diese Stimuli besonders stark, ihr Belohnungszentrum springt an, die ganze Aufmerksamkeit konzentriert sich auf das Motiv Alkohol. "Im Gehirn wird mit jedem Konsum eine Art 'Like' gesetzt wie bei Facebook – also die Situation, in der ich trinke, die Menschen, mit denen ich trinke, der emotionale Zustand bekommen ein 'Like' und werden verknüpft mit dem Alkoholkonsum. Ein Alkoholabhängiger wird die Dinge, die mit Alkohol markiert worden sind – Kneipen, Lokale – präferentiell wahrnehmen und kommt so in eine Art Filterblase", erläutert Professor Kiefer den Mechanismus.

Guter Stress – schlechter Stress

Doch wie entkommt man dieser Filterblase? Professor Kiefer und sein Team haben herausgefunden, dass positiver Stress – etwa durch Ausdauersport – das Verlangen nach Alkohol mindert. Negativer Stress dagegen, wie er zum Beispiel bei einem Vorstellungsgespräch oder einer anderen Herausforderung entsteht, steigert die Lust auf Alkohol bei Abhängigen. Der Körper verlangt nach schneller Entspannung. Das Gleiche gilt für das Lösen schwieriger Aufgaben und Probleme im Arbeitsalltag. "Alkoholabhängige trinken natürlich oft Alkohol in emotional angespannten Situationen, um sich zu beruhigen, um sich zu dämpfen, dadurch kommt es zu einer Verknüpfung von beidem", so Kiefer. Während des Tests werden bei den Probanden Speichelproben genommen, um den Cortisolwert zu bestimmen – ebenfalls ein wichtiger Indikator für Stress.

Hoffnung: Körper regeneriert sich

Grafik mit vergrößerter Leber und Abreißkalender
Regeneration: Leber erholt sich wieder | Bild: BR

Jedes Glas Alkohol zerstört Hirnzellen. Dabei gehen langfristig Hirnmasse und Hirnvolumen verloren. Doch auch andere Organe sind betroffen – am meisten die Leber. Der Alkoholabbau fördert die Produktion von Fettsäuren, die sich in der Leber ansammeln, das Organ verfettet. Im schlimmsten Fall entsteht eine Leberzirrhose, die bis zum Tod führen kann. Doch es gibt auch eine gute Nachricht: Wird der Alkoholkonsum rechtzeitig gestoppt, kann sich der menschliche Körper relativ schnell regenerieren. Die Leber beginnt sich schon nach wenigen Tage zu erholen, eingelagerte Fette werden abgebaut, der Stoffwechsel verbessert sich. Man nimmt weniger zusätzliche Kalorien auf, das Abnehmen fällt leichter, die Haut wird straffer. Nach einigen Monaten haben sich Verdauung und Stoffwechsel sogar komplett regeneriert, das ist deutlich fühl- und sichtbar.

Inzwischen wissen die Forscher: Auch das Gehirn kann sich wieder erholen. "Was man in den ersten Monaten noch sieht, ist eine erhöhte Reizbarkeit, auch Schlafstörungen, die kognitiven Fähigkeiten müssen wieder trainiert werden, aber man kann bei den allermeisten Alkoholabhängigen von einer vollkommenen Regeneration der kognitiven Fähigkeiten ausgehen", sagt Suchtmediziner Falk Kiefer.

Aber warum werden einige Menschen überhaupt alkoholabhängig, andere jedoch nicht? Vermutlich spielen dabei unter anderem erbliche Faktoren eine Rolle. Wer Alkohol genetisch bedingt gut verträgt, trinkt oft mehr und hat damit ein höheres Risiko, abhängig zu werden. Das langfristige Ziel von Falk Kiefer und seinem Team: Indikatoren finden, die Alkoholsucht wie eine Art Frühwarnsystem vorhersagen. Die Ergebnisse aus dem neuen Bar-Lab könnten helfen.

Autor: Boris Geiger (BR)

Stand: 01.11.2019 15:00 Uhr

Sendetermin

Sa, 02.11.19 | 16:00 Uhr
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Produktion

Norddeutscher Rundfunk
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