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Alkoholkrank im Alter

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Alkoholismus im Alter | Video verfügbar bis 02.11.2020 | Bild: photos.com
Glas mit Rotwein
Viele ältere Menschen beginnen nach einem belastenden Lebensereignis zu trinken. | Bild: NDR

Viele ältere Menschen trinken lange Zeit in einem gesellschaftlich akzeptierten Rahmen, zum Beispiel ein Glas Bier oder Wein am Abend. Doch nach belastenden Ereignissen, wie zum Beispiel dem Tod des Ehepartners, kann der Alkoholkonsum langsam, aber stetig steigen. Mit dem Alkohol versuchen die Betroffenen, Trauer oder Einsamkeit zu vergessen – und verlieren irgendwann die Kontrolle, können dann nicht mehr "ohne". So rutschen sie schleichend in eine körperliche oder psychische Abhängigkeit. Vielen Betroffenen fällt es schwer, sich das Problem einzugestehen. Zu groß ist die Scham, denn Alkoholismus im Alter ist gesellschaftlich stigmatisiert.

Riskanter Alkoholkonsum

Ein zu hoher Alkoholkonsum ist bei Senioren besonders problematisch. Denn der Körper verträgt mit zunehmendem Alter weniger Alkohol. Weil der Wassergehalt der Körperzellen sinkt, steigt nach einem Glas Bier, Wein, Likör oder Schnaps der Alkoholgehalt im Blut schneller an. Und die Leber braucht länger für die Entgiftung: Denn häufig muss das Organ nicht nur den Alkohol abbauen, sondern auch die Inhaltsstoffe diverser Medikamente.

Grafik, Mann trinkt Wein, Alkoholkonzentration im Körper steigt an.
Der Körper verträgt im Alter weniger Alkohol. | Bild: NDR

Als risikoarm gilt im Alter ein Konsum von maximal zehn bis zwölf Gramm Alkohol täglich. Das sind 0,1 Liter Wein oder 0,2 Liter Bier. Nach einer Erhebung des Robert-Koch-Instituts aber trinkt sich jeder dritte Mann und jede fünfte Frau im Rentenalter mindestens einmal im Monat in den Rausch, mehr als zwölf Prozent der Männer und sechs Prozent der Frauen machen das sogar mindestens einmal pro Woche.

Woran erkennt man Abhängigkeit?

Der Übergang zu einem schädlichen Konsum von Wein, Bier oder Schnaps ist fließend. Denn Sucht hat nicht mit der Menge des konsumierten Alkohols zu tun. Abhängig ist, wer ständig den Wunsch verspürt zu trinken – und seinen Konsum nicht mehr steuern kann.

Einige Alkoholabhängige leben zeitweise abstinent, schlagen dann aber über die Stränge ("Quartalssäufer"), andere trinken zwar geringe Mengen auf einmal, dafür aber täglich, da sie einen konstanten Alkoholpegel benötigen ("Spiegeltrinker").

Ob und wann ältere Menschen auf Alkohol verzichten oder den Konsum einschränken sollten, hängt von den psychischen, sozialen und körperlichen Konsequenzen des Alkoholkonsums ab.

Gesundheitliche Folgen von zu viel Alkohol

Regelmäßiger Alkoholkonsum schädigt die Organe. Vor allem die Leber ist in Gefahr: Sie vergrößert sich bis zur Fettleber und wird in ihrer Funktion eingeschränkt. Zu viel Alkohol begünstigt auch Entzündungen in der Leber, der Bauchspeicheldrüse und der Magenschleimhaut. Das Krebsrisiko steigt. Und auch das Gehirn wird in Mitleidenschaft gezogen: Gehirnzellen sterben ab, das Gedächtnis lässt nach.

Oft äußert sich Alkoholkrankheit im Alter durch Symptome wie Zittern, Schwindel, häufige Stürze, Stimmungsschwankungen, Interesselosigkeit, Appetitverlust.

Therapie der Alkoholkrankheit

Symbolbild: Menschen sitzen um einen Tisch herum.
Selbsthilfegruppen können für Betroffene eine wichtige Anlaufstelle sein.  | Bild: NDR

Viele Betroffene benötigen eine Entwöhnungstherapie in einer Suchtklinik. Die dauert zwischen sechs und sechzehn Wochen. In dieser Zeit sollen die Abhängigen lernen, ohne den Problemlöser Alkohol klar zu kommen. Eine Psychotherapie soll ihnen helfen, Gefühle wie Trauer, Einsamkeit oder Wut ohne Alkohol zu verarbeiten. Wenn das Gehirn schon gelitten hat, kann auch regelmäßiges Gedächtnistraining ein Baustein der Behandlung sein.

Alternative "Kontrolliertes Trinken"

Nicht nur unter Medizinern ist die Ansicht weit verbreitet: Wer alkoholkrank ist, darf nie wieder trinken, sonst droht ein Rückfall. Doch die vollständige Abstinenz schaffen viele Abhängige nicht. Für sie könnte das "kontrollierte Trinken" eine Alternative sein. Dabei versuchen die Betroffenen, ihren Alkoholkonsum zu reduzieren, also beispielsweise nur zwei statt sechs Bier am Tag zu trinken. Um das zu schaffen, nehmen sie an verhaltenstherapeutischen Programmen teil und führen ein Trink-Tagebuch. Einige schließen sich außerdem in Selbsthilfegruppen zusammen.

Das Therapiekonzept gibt es schon seit 20 Jahren. Unter Experten ist es umstritten und sicher nicht für jeden Betroffenen geeignet. Dennoch kann es eine Hilfe für diejenigen sein, die sonst gar keine Therapie machen würden.

Hilfe zur Selbsthilfe

In Deutschland gibt es ein gut ausgebautes Hilfsnetz für Alkoholabhängige. In Großstädten und in zahlreichen Orten finden Betroffene professionelle Hilfe in Beratungszentren und Krankenhäusern. Wer sich nicht sicher ist, welches Angebot optimal ist, kann sich an die jeweilige Landesstelle für Suchtfragen wenden.

Eine Übersicht aller Anlaufstellen bietet auch die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Neben den Beratungszentren gibt es viele Selbsthilfegruppen wie unter anderem die Guttempler, die Anonymen Alkoholiker oder das Blaue Kreuz. Dort treffen sich Betroffene regelmäßig in einer Gruppe und bekommen Halt und Unterstützung.

Anlaufstellen für Alkoholabhängige

Anonyme Alkoholiker Interessengemeinschaft e. V.
Tel.: (08731) 325 73 12 (Mo-Do 8-21 Uhr, Fr 8-14 Uhr)
In vielen Gemeinden und Städten unter der bundeseinheitlichen Telefonnummer 19295
www.anonyme-alkoholiker.de

Blaues Kreuz Deutschland e. V.
Schubertstraße 41
42289 Wuppertal
Tel.: (0202) 620 03-0
www.blaues-kreuz.de

Autorin: Judith König (WDR)

Stand: 01.11.2019 15:07 Uhr

Sendetermin

Sa., 02.11.19 | 16:00 Uhr
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Norddeutscher Rundfunk
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