SENDETERMIN Sa, 25.04.15 | 16:00 Uhr | Das Erste

Macht Aluminium krank?

PlaySchweißer
Macht Aluminium krank? | Video verfügbar bis 23.04.2020 | Bild: ARD
Aluminium-Schweißer bei der Arbeit in einer Werkstatt.
Risikogruppe: Aluminium-Schweißer. | Bild: BR

Rheuma, Brustkrebs, vielleicht sogar Demenz - schlimme Krankheiten, angeblich ausgelöst durch eines der häufigsten Metalle unseres Alltags: Aluminium. Eine Horrorvorstellung, die nach aktuellem Stand der Wissenschaft allerdings nicht eindeutig bewiesen ist. Ob Aluminium im Körper gefährlich werden kann, hängt davon ab, wie viel wir davon aufnehmen und in welcher Form.

Alu in der Lunge

Wissenschaftler im Labor blickt durch Mikroskop
Im Tumorgewebe fanden Forscher erhöhte Aluminiumwerte. | Bild: BR

Wird das Leichtmetall etwa als Aluminiumoxid-Staub eingeatmet, kann es schwere Lungenschäden auslösen. Kazim Tasözü hat fast 20 Jahre mit dem Leichtmetall hantiert. Als Alu-Schweißer bei einem großen Gerüstbaubetrieb in Heilbronn. Damals Anfang der 1980er-Jahre noch ohne Atemschutz, mehr als acht Stunden täglich, im Akkord. Heute leidet der ehemalige türkische Gastarbeiter an Aluminose, einer Aluminium-Staublunge. Verursacht durch feinste Aluteilchen, die sich über die Jahre in seiner Lunge angereichert haben. Aluminose ist relativ selten, wird aber auf der Liste der Berufskrankheiten geführt. Bei Kazim Tasözü allerdings erkennt die Berufsgenossenschaft die Krankheit nicht an. Seit über zehn Jahren kämpft er vergeblich um eine Entschädigung.

Brustkrebs: Ursache und Wirkung

Einen so intensiven Kontakt mit Alu haben jedoch nur die wenigsten Menschen. Geringere Mengen Aluminium aber nimmt jeder von uns im Alltag auf - zum Beispiel über die Haut. Am Münchner Helmholtz-Zentrum für Gesundheit und Umwelt erforscht der Toxikologe Martin Göttlicher, wie verschiedene Giftstoffe im Körper wirken. Vor allem Stoffe, die im Verdacht stehen, Krebs auszulösen.

Grafik mit Aluminiumsalz-Molekülen, die die Haut durchdringen
Aluminiumsalze können die Haut durchdringen. | Bild: BR

Auch die Aluminiumsalze aus den häufig kritisierten Deos könnten dabei eine Rolle spielen. Bei manchen Brustkrebspatientinnen fanden Forscher erhöhte Aluminiumwerte im Tumorgewebe. Allerdings heißt das nicht automatisch, dass der Krebs auch durch die Aluminiumsalze ausgelöst wird, denn im Tumor reichern sich viele Stoffe an, nicht nur Aluminium. "Es gibt Studien, die finden mehr Aluminium im Krebs als im umgebenden Gewebe, manchmal findet man mehr Aluminium im umgebenden Gewebe als im Krebs. Also das Argument ist schwierig", sagt Martin Göttlicher.

Tatsache ist: Die Alu-Salze in den Deos können die erste Barriere des Körpers - die Haut - durchdringen, denn die Moleküle sind löslich. So gelangt das gelöste Aluminium bis in einzelne Zellen. Jedoch werden die Zellen dadurch nicht zu Krebszellen umprogrammiert. Sie können jedoch absterben, wenn die Dosis zu hoch ist. Was genau die Alumoleküle in den Zellen bewirken, ist aber noch nicht wirklich erforscht. Kommt das Metall als Aluminiumoxid vor, wie bei vielen Haushaltsprodukten aus Alu, sind die Moleküle viel zu groß, um überhaupt durch die Barriere der Haut zu kommen. Aluminiumprodukte anzufassen ist also völlig ungefährlich.

Alzheimer durch Aluminium?

Grafik der Blut-Hirn-Schranke, durch die eine Molekülverbindung mit Aluminium diffundiert
Aluminium kann die Blut-Hirn-Schranke passieren. | Bild: BR

Am Münchner Helmholtz-Zentrum erforschen die Wissenschaftler noch eine dritte Form: Aluminiumhydroxid. Es wird als Wirkstoff in Medikamenten eingesetzt und steht im Verdacht, Alzheimerähnliche Symptome auszulösen. Anhand von Blutproben wollen die Forscher herausfinden, wie sich das Aluminium im Körper verteilt. Die Proben stammen von Klinik-Patienten, die wegen verschiedener Krankheiten mit einem Alu-Wirkstoff behandelt wurden.

Die spannende Frage ist nun, wie sich das Aluminium im Blut verhält. Dockt es an andere Moleküle an? Welche Verbindungen geht es ein? Und gelangen diese neuen Moleküle bis ins Gehirn? "Wenn man vom Aluminium weiß, dass es bestimmte Transportformen hat und dass es auch von einer Transportform in die andere übergeben werden kann, dann kann man sich gut vorstellen, dass Aluminium auch in die Lage versetzt wird, die Blut-Hirn-Schranke zu überwinden", vermutet der Toxikologe.

Bewiesen haben die Helmholtz-Forscher das noch nicht. Doch andere Studien zeigen, dass Aluminium gerne an Moleküle andockt, die etwa für den Eisen-Transport zuständig sind. Diese Verbindungen können die Barriere zum Gehirn mühelos passieren und so das giftige Aluminium als „blinden Passagier“ direkt zu den Nervenzellen transportieren. Ob dadurch im Gehirn Alzheimer ausgelöst wird, ist unter Demenz-Forschern allerdings umstritten.

Roland Brandt untersucht an der Uni Osnabrück mithilfe von Mäusen, was mit den Nervenzellen im Gehirn von Alzheimerpatienten passiert. Dazu wurden die Mäuse genetisch so verändert, dass sie die gleichen Alzheimer-Gene tragen wie Menschen mit Demenz. Der Neurobiologe möchte wissen, was zum Absterben der Nervenzellen führt und welche molekularen Prozesse dafür verantwortlich sind. Dass Aluminium dabei eine Rolle spielt, schließt er nicht aus. Immerhin wurden in Alzheimer-Gehirnen größere Mengen des Metalls gefunden. Allerdings hält er den Einfluss für nicht entscheidend. "Aluminium als Risikofaktor für Alzheimer tritt deutlich zurück gegenüber anderen Risikofaktoren wie zum Beispiel Übergewicht im mittleren Lebensalter, das würde ich deutlich höher einschätzen als den Effekt von erhöhten Aluminiumkonzentrationen", so der Neurobiologe Brandt.

Wissenschaftler empfehlen, auf Alu im Alltag zu verzichten

Direkte Schlussfolgerungen zwischen Aluminiumaufnahme und bestimmten Krankheiten sind also schwierig und stützen sich häufig auf die bekannte neurotoxischen Wirkung des Metalls. Selbstverständlich kann Aluminium das Gehirn und andere Körperzellen schädigen. Jedoch treten solche Effekte nur unter extremen Bedingungen auf und nicht bei den Mengen, die wir unter normalen Umständen über die Nahrung oder die Haut aufnehmen. Trotzdem empfehlen Wissenschaftler auf Alu im Alltag zu verzichten und andere Materialien zu nutzen, sofern das möglich ist.

Hintergrundinformationen zur Gefahr von Aluminium:
Helmholtz Zentrum München
Deutsches Forschungszentrum für Gesundheit und Umwelt
Ingolstädter Landstraße 1
85764 Neuherberg
Tel. (089)-318 70
Internet: www.helmholtz-muenchen.de

Alzheimerforschung:
Neurobiologie der Universität Osnabrück
Prof. Dr. Roland Brandt
Barbarastraße 11
49076 Osnabrück
Tel. (0541) 969 23 38
Fax: (0541) 969-23 54
Internet: www.neurobiologie.uni-osnabrueck.de

Autor: Boris Geiger (BR)

Stand: 25.04.2015 16:56 Uhr