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Aluminium und Umweltbelastung

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Aluminium und Umweltbelastung | Video verfügbar bis 23.04.2020 | Bild: ARD
Gebrochener Damm des Rotschlammbeckens bei Kolontár
Die Katastrophe von Kolontár: Eine Million Kubikmeter Rotschlamm ergießen sich aus einem Lagerbecken. | Bild: Euronews

Der vierte Oktober 2010 hat das Gesicht der ungarischen Ortschaften Kolontár und Devescer für immer verändert. Um 12.25 Uhr bricht der Damm eines sogenannten Rotschlammbeckens, in dem Rückstände aus der Aluminiumproduktion gelagert werden. Ohne jede Vorwarnung ergießen sich rund eine Million Kubikmeter stinkender, ätzender Brühe in ein Tal. Zehn Menschen ertrinken in der bis zu zwei Meter hohen Flut, hundertfünfzig erleiden teils schwere Verletzungen. Über 300 Häuser mussten nach dem Desaster abgerissen werden. Von der gesamten historischen Altstadt von Devescer ist heute nichts mehr zu sehen, ein neu angelegter Park füllt das Loch mitten in der Gemeinde. Es ist die schwerste Umweltkatastrophe, die es jemals in Ungarn gegeben hat.

Rotschlamm - die unbekannte Gefahr

Rotschlammrückstände in einem Haus in Kolontár lassen die Höhe der Flutwelle erkennen
In einer Ruine in Kolontár sind die Spuren des Unglücks auch heute noch deutlich zu erkennen.  | Bild: BR

Am Tag des Unglücks wusste niemand, woraus genau sich der Schlamm zusammensetzt. Rotschlamm fällt bei der Aluminiumgewinnung in großen Mengen an, wenn das Aluminium vom restlichen Erz getrennt wird. Der Hauptbestandteil Eisenoxid, das dem Gemisch seine rote Färbung verleiht, ist ungefährlich. Weitaus problematischer sind die hohen Anteile an Schwermetallen wie Quecksilber, Blei und Cadmium, vor allem aber auch Arsen. Hochrechnungen zur Folge sollen bei der Katastrophe rund 50 Tonnen des Gifts in die Böden gesickert sein.

Erst später wurden von unabhängigen Experten in dem roten Schlamm teilweise extrem hohe pH-Werte von 13 gemessen. Der Grund dafür ist die Natronlauge, mit deren Hilfe das Aluminium aus dem Erz gelöst wird. Die Konzentration dieser Lauge war so hoch, dass sie sich schleichend durch die Haut bis zu den Knochen frisst. Als den Menschen das Ausmaß der Gefahr bewusst wird,  ist es für viele bereits zu spät. Sie erleiden teils schwere Verätzungen, einige von ihnen sind bis heute in Behandlung.

Katastrophe mit Ansage?

Bruchstelle des Beckens im Frühjahr 2015, aus dem 2010 der Rotschlamm austrat
Der Zugang zum Ort des Dammbruchs ist auch heute noch strengstens verboten. | Bild: BR

Nach dem Unglück beteuerten die offiziellen Stellen immer wieder, dass alle Vorschriften eingehalten wurden. Doch tatsächlich führten eine ganze Reihe von Nachlässigkeiten zu der Katastrophe, die nach Ansicht von Experten leicht hätte vermieden werden können: Die Auswertung von Satellitenaufnahmen konnte zeigen, dass sich der Damm in den Jahren zuvor immer wieder bewegt hatte und damit instabil war. Darüber hinaus war das Becken lediglich auf 300.000 Kubikmeter Rotschlamm ausgelegt - ausgetreten ist nach Schätzungen mindestens die dreifache Menge.

Auch war der Abfall trotz des hohen pH-Wertes nicht als Gefahrenstoff deklariert, obwohl die Betreiberfirma nach geltendem Recht dazu verpflichtet gewesen wäre. Veraltete Technik, fehlende Kontrollen und nicht zuletzt eine unzureichende Informationspolitik nach dem Unglück waren laut einem Bericht von ungarischen Wissenschaftlern die Hauptursachen für das gewaltige Ausmaß der Zerstörungen und die vielen Opfer.

Die Folgen des Dammbruchs

Freifläche im ehemaligen Zentrum von Devescer, das von der Flut überschwemmt wurde
Wo früher die Altstadt von Devescer war, ist heute ein Park. 300 Häuser mussten Nach der Katastrophe abgerissen werden. | Bild: BR

Nach dem Unglück mussten die verseuchten Böden umfangreich abgetragen und als Sondermüll entsorgt werden. Menschen, die ihre Häuser verloren hatten, wurden in neuen Wohnsiedlungen am Rande der Ortschaften untergebracht, die mit Hilfe privater Spendengelder errichtet werden konnten. Lediglich 3000 Euro Entschädigung bekamen die Familien der Verletzten ausbezahlt. Bei denen, die Todesopfer zu beklagen hatten, wurden die Kosten für die Beerdigung übernommen. Der Dammbruch von Kolontár hat aufgezeigt, welche Gefahren die schlampige Lagerung von Industrieabfällen mit sich bringt. Doch hat sich seitdem in Ungarn der Umgang mit den Altlasten aus der Aluminiumerzeugung verändert?

Weitere tickende Zeitbomben

Das ehemalige Aluminiumwerk von Almásfüzitő
Die Rückstände aus der ehemaligen Aluminiumproduktion werden in Almásfüzitő direkt neben der Donau gelagert. | Bild: BR

Noch immer gibt es in Ungarn Rotschlammbecken, von denen eine erhebliche Bedrohung ausgeht.  Die gefährlichste Anlage ist die alte Deponie eines stillgelegten Aluminiumwerkes in der kleinen Ortschaft Almásfüzitő nahe der Grenze zur Slowakei, direkt an der Donau. Rund 10 Millionen Tonnen Rotschlamm lagern hier in den Becken, aus denen bereits jetzt schon giftige Stoffe austreten und ins Grundwasser gelangen. Sollte der Damm brechen, droht Ungarn, aber auch anderen Donau-Anrainerstaaten, eine Umweltkatastrophe ungeahnten Ausmaßes.

So könnte beispielweise die gesamte Trinkwasserversorgung von Budapest im Falle einer Verseuchung der Donau zusammenbrechen. Nach einem Gutachten österreichischer Wissenschaftler entspricht die Anlage in keinster Weise EU-Vorschriften. Sie liegt mitten in dem am meisten von Erbeben gefährdeten Gebiet Ungarns, zahlreiche schwere Erdstöße in der Vergangenheit sind dokumentiert. Darüber hinaus soll die Anlage nach der Schließung des Aluminiumwerkes weiter als Giftmülldeponie für bis zu 161 verschiedene Gefahrenstoffe genutzt worden sein - niemand weiß, was hier wirklich in den Becken liegt.

Einheitliche Standards könnten helfen

Helfer beseitigen Rotschlammreste
Noch immer werden auch in Europa Standards bei der Lagerung von Rotschlamm nicht eingehalten. | Bild: BR

Grundsätzlich ist die sichere Lagerung von Rückständen aus der Aluminiumgewinnung gut zu bewältigen, wenn Sicherheitsvorschriften befolgt und die Anlagen regelmäßig kontrolliert werden. Doch selbst in Europa gibt es hierbei zum Teil immer noch große Missstände. Wissenschaftler plädieren dafür, die Umweltstandards und Regeln für die Lagerung von Abfallstoffen anzugleichen und auch Sorge dafür zu tragen, dass bereits bestehende EU-Richtlinien eingehalten werden. Doch das Beispiel Ungarn zeigt, dass nicht einmal in unseren Breiten selbstverständlich ist, angemessen mit den Altlasten aus der Aluminiumerzeugung umzugehen.

Autor: Frank Bäumer (BR)

Stand: 25.04.2015 16:56 Uhr