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Fluglotsen: Kampf gegen das Chaos am Himmel

PlayTower auf einem Flughafen
Fluglotsen: Kampf gegen das Chaos am Himmel | Video verfügbar bis 11.05.2024 | Bild: BR

Als Anfang April 2018 der Zentralrechner der europäischen Flugsicherungsbehörde Eurocontrol in Brüssel zeitweise ausfiel, geriet der Luftverkehr in Europa gehörig aus dem Takt. Mehr als die Hälfte der 29.500 Flüge an diesem Tag waren von der Computerpanne betroffen, viele Maschinen verspäteten sich. Die Zentrale in Brüssel ist quasi das Gehirn der europäischen Luftraumkontrolle, hier laufen alle Informationen über die Flugbewegungen in Echtzeit zusammen.

Zwar gelang es den nationalen Flugsicherungen – wie der Deutschen Flugsicherung – das größte Chaos abzuwenden. Doch dieses Ereignis zeigt, wie umfangreich und komplex die Abwicklung des Luftverkehrs über unseren Köpfen ist, bei der selbst ein unbedeutendes Ereignis wie ein verspäteter Passagier schnell zu einer ungeahnten Kettenreaktion führen kann.

Nur fünfzehn Minuten für den Start

Nicht nur in der Luft, auch am Boden sind freie Plätze für den Flugverkehr begrenzt. Jeder Flughafen hat ein bestimmtes Kontingent an freien Plätzen für Start und Landungen, die sogenannten Slots, die die Piloten bei der zuständigen Flugsicherung vor jedem Start bestellen müssen. Bekommen sie einen Slot für ihren Start zugewiesen, bleibt ihnen nur ein kleines Zeitfenster von fünfzehn Minuten, in dem sie mit ihrem Flugzeug starten dürfen. Verpassen sie diesen Zeitraum, müssen sie sich wieder hinten in die Schlange der wartenden Maschinen einreihen.

Häufiges Problem:  Hat ein Passagier einen Koffer aufgegeben und verpasst seinen Flug, muss das Gepäckstück laut Vorschrift wieder aus dem Laderaum entfernt werden.  Das kostet viele wertvolle Minuten, und oft ist dann der freie Startplatz futsch. Doch nicht nur am Boden sind freie Slots begehrt - auch der Platz am Himmel nach dem Start ist begrenzt.

Begrenzter Platz – auch am Himmel

Tower am Flughafen
Nebel an Flughäfen bringt immer die gesamten Flugpläne in Europa durcheinander. | Bild: BR

Genau wie bei Start und Landung müssen die Flugzeuge auch während ihrer Reise permanent von Fluglotsen überwacht werden. Unterteilt ist der Luftraum in Europa in unterschiedliche Höhenstufen, die wiederum aus Hunderten, horizontal abgegrenzten Sektoren bestehen. Wie viele Flugzeuge einen bestimmten Sektor gleichzeitig passieren können, ist allerdings auch davon abhängig, wie viele Fluglotsen für diesen Bereich im Dienst sind, denn sie dürfen nur eine begrenzte Anzahl von Flügen betreuen. Fällt hier Personal aus, beispielsweise wegen einer Grippewelle, muss die Anzahl der Flüge in diesem Bereich gesenkt werden, damit die Flugsicherheit immer gewährleistet ist.

Auch kann es passieren, dass sich das Wetter am Zielflughafen verschlechtert, etwa, wenn plötzlich Nebel aufzieht. Dann wird ebenfalls die Anzahl der maximal erlaubten Landungen stark herabgesetzt. Verpasst eine Maschine also wegen eines verlassenen Koffers im Laderaum ihren Slot, kann es unter Umständen passieren, dass sie nun auch noch einen Umweg fliegen muss, weil der Luftraum, den sie eigentlich auf ihrer geplanten Route durchqueren wollte, inzwischen "besetzt" ist.

Statt festen Routen querfeldein

Flugzeug am Himmel.
Flugrouten in Europa sind ein Relikt aus der Zeit, in der es noch keine Satellitennavigation gab. | Bild: BR

Bei all diesen Hindernissen erscheint es fast wie ein Wunder, dass Flugzeuge in Europa überhaupt noch pünktlich ans Ziel kommen. Doch was kann man tun, um das Gewusel am Himmel zu entzerren? Ein Ansatz ist der sogenannte Free Route Airspace, bei dem die Flüge in Europa nicht mehr an feste Flugrouten gebunden sein sollen. Die definierten "Luftstraßen" in Europa sind ein Relikt aus der Zeit, in der es noch keine Satellitennavigation gab und sich die Flugzeuge mithilfe von Funk orientieren mussten. Um Zeit und Treibstoff zu sparen, bemühen sich die nationalen Flugsicherungen inzwischen, die Maschinen möglichst direkt, also "querfeldein" durch Europa zu lotsen.

Lösungen sind in Sicht

Anflug aus Sicht der Piloten auf den Flughafen Wien-Schwechat.
Österreich und Slovenien waren die ersten Länder in Europa, die ihren Luftraum gemeinsam verwalten.  | Bild: BR

Bei der Umsetzung dieses und anderer Projekte zur Entzerrung und Vereinheitlichung der Lufträume ist Österreich einer der Vorreiter in Europa. Im November 2016 wurde der erste grenzüberschreitende Luftraum in Europa zwischen Österreich und Slowenien eröffnet. Inzwischen haben sich weitere südosteuropäische Länder dem Projekt angeschlossen. So konnten Flugstrecken hier um 15.000 Kilometer verkürzt, aber auch die Piloten entlastet werden, die sich vorher bei jedem Luftraumwechsel bei den nationalen Flugsicherungen an- und abmelden mussten.

Etwas langsamer geht es in Deutschland voran, wo es vor allem an Fluglotsen mangelt. Doch so einen Personalengpass kann man nicht von heute auf morgen lösen. Fluglotsen müssen zusätzlich zu ihrer Grundausbildung noch für jeden einzelnen Sektor, in dem sie eingesetzt werden, eine zusätzliche Ausbildung absolvieren. So kann es vier Jahre oder mehr dauern, bis sie einsatzbereit sind. Zwar werden in Deutschland inzwischen wieder mehr Lotsen ausgebildet, doch nach Angaben von Branchenkennern wird man wohl erst ab dem Jahr 2020 die immer wieder auftretenden Personalengpässe in den Griff kriegen.
Auch Passagiere können dazu beitragen, Chaos am Himmel zu vermeiden: Indem sie einfach pünktlich zum Check-in erscheinen.

Autor: Frank Bäumer (BR)

Stand: 19.05.2019 18:54 Uhr

Sendetermin

Sa., 11.05.19 | 16:00 Uhr
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Norddeutscher Rundfunk
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