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LIDAR - Archäologie aus der Vogelperspektive

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LIDAR - Archäologie aus der Vogelperspektive | Video verfügbar bis 24.11.2021 | Bild: SWR

Das Kolosseum in Rom, die Pyramiden von Gizeh, die Tempel der Akropolis – es gibt bedeutende Monumente der Weltgeschichte, die bis heute gut sichtbar sind. Doch die weitaus meisten Bauten in denen unsere Vorfahren lebten, beteten oder zur letzten Ruhe gebettet wurden, sind verschwunden. Sie wurden im Laufe der Jahrhunderte zerstört, dem Verfall preisgeben oder überbaut. Ihre Überreste wiederzufinden ist eine der zentralen Aufgaben der Archäologie.

Hinweise auf die Städte, Dörfer und Heiligtümer längst verschwundener Zivilisationen finden sich, wenigstens seit der Erfindung der Schrift, in den Büchern und Pamphleten der Mächtigen ihrer Zeit. Und je berühmter die Verfasser solcher historischer Schriften, desto gründlicher wurde in ihren Werken nach Hinweisen gesucht.

Bibracte - berühmt durch Julius Caesar

Luftaufnahme von Bibracte
Bibracte war fast 2.000 Jahre lang vergessen. | Bild: NDR

Zum Beispiel nach dem Ort, an dem Julius Caesar im Jahr 58 vor Chr. die Gallier besiegte. Seit dem 17. Jahrhundert unserer Zeitrechnung rätselten Historiker darüber, wo sich dieser historischen Ort befinden könnte. Es musste ihn gegeben haben, Caesar selbst beschrieb ihn in seinem berühmten Werk "De bello Gallico". Bibracte war damals die Hauptstadt der Häduer, einer der mächtigsten gallischen Stämme zur Zeit der römischen Eroberung Galliens. Seit Ende des 2. Jahrhunderts v. Chr. galt die Stadt als wichtiger Handelsplatz in Europa und schon damals lebten dort bis zu 20.000 Menschen. Dort hatten sich, kurz vor der Schlacht gegen die Römer, die gallischen Stämme versammelt um ihren Anführer zu wählen: Vercingetorix. Der verhandelte mit Julius Caesar höchstpersönlich in Bibracte, doch ohne Erfolg.

Die unausweichliche Schlacht gewann der römische Feldherr bekanntermaßen. Er verschonte aber die Stadt und ließ sich dort nieder, um die Geschichte seines Sieges aufzuschreiben. Wenige Jahre nach der römischen Eroberung wurde Bibracte dann aber aufgegeben, für die Bewohner hatte man eine neue Stadt gebaut: Augustodunum, das heutige Autun.

Die Suche nach dem richtigen Ort

Archäologe im Wald
Spurensuche im Wald. | Bild: NDR

Im Laufe der Jahrhunderte legten sich Sand und Erde über die Mauern der verlassenen Stadt. Schließlich bedeckte ein undurchdringlicher Wald den Mont Beuvray, Bibracte versank im Dunkel der Geschichte. Mehr als 1.800 Jahre später entbrannte die Suche nach der legendären Stadt. Hobby-Historiker, meist wohlhabende Kaufleute oder Angehörige der Kirche, suchten in alten Schriften nach Hinweisen auf versunkene Orte.

Die Suche nach Bibracte bekam zusätzlichen Schub durch den französischen Kaiser Napoleon III. Er bewunderte Caesar, betrachtete ihn quasi als sein Vorbild und war fast süchtig nach allem, was mit dem römischen Feldherren und Kaiser zu tun hatte. Er lobte große Summen aus für die Entdeckung römischer Schlachtfelder und Städte. Viele wähnten die Ruinen Bibractes unter der Stadt Autun, schließlich war es zu Zeiten der Römer nicht unüblich eine alte Stadt mit einer neuen zu überbauen. Doch nicht alle schlossen sich dieser Meinung an.

In vino veritas - ein Weinhändler entdeckt die Wahrheit

Mauerreste auf einer Lichtung
Uralte Mauern, gefunden in den 1860er-Jahren. | Bild: NDR

Es war ein Weinhändler aus Autun, der schließlich die entscheidenden Hinweise fand. Jacques-Gabriel Bulliot erforschte den Hügel Mont Beuvray schon seit seiner Jugend mit großer Hingabe. Er war überzeugt, dass sich das antike Bibracte dort befand und tatsächlich wurde er fündig. Bei seinen Spaziergängen stieß er immer wieder auf seltsame Strukturen im unwegsamen Gelände. Er fing an zu graben und fand die Überreste von gewaltigen Mauern, Scherben von Amphoren und römische Dachziegel. Daraufhin erhielt er von Napoleon III den offiziellen Grabungs-Auftrag.

Fast zwanzig Jahre lang verbrachte Bulliot auf dem Hügel, legte Mauern von Häusern, Werkstätten und öffentlichen Gebäuden frei, sammelte Tausende von Gegenständen und Fragmenten. Sein Neffe führte die Ausgrabungen dann bis zum Jahr 1907 fort. Danach geriet die Erforschung des Hügels ein wenig in Vergessenheit. 1984 erhörte Präsident Francois Mitterrand dann die Bitten der Archäologen und sorgte dafür, dass die Ausgrabungen in ganz großem Stil weitergehen konnten.

Hightech-Suche nach uralten Mauern

Flugzeug mit einem Schrift-Banner
Hilfe von oben - LIDAR geht der Sache auf den Grund. | Bild: NDR

Doch wie soll man ein so großes Gelände, immerhin mehr als 150 Hektar, archäologisch erschließen? Wie die Reste von Hunderten von Gebäuden finden, um die einstige Struktur der Stadt zu verstehen? Den ganzen Wald abzuholzen und die Fläche Stück für Stück umzugraben kam nicht infrage. So ein Vorhaben ist nicht nur viel zu teuer, es passt auch nicht mehr in unsere Zeit. Denn die Archäologen haben dazugelernt. Einmal ausgegraben, liefert man die wertvollen Zeugnisse der Geschichte der Witterung und damit dem Verfall aus. Jeder Spatenstich zerstört auch immer die exakte Lage der Funde, egal wie vorsichtig die Archäologen zu Werke gehen. So beschränkte man sich in Bibracte lange Zeit auf das Wiederausgraben der von Bulliot erforschten Fundstellen und versuchte möglichst schonend hier und da weitere Teile der Stadt freizulegen.

Das magische Auge - LIDAR

LIDAR-Scan des Mont Beuvray
Berg ohne Bäume - LIDAR-Scan des Mont Beuvray. | Bild: NDR

Schließlich bekam der heutige Direktor des Museums und des Fundplatzes Bibracte, Vincent Guichard, die Gelegenheit, einen Blick auf "seine" Stadt zu werfen, den so noch niemand hatte. LIDAR heißt die neue Technik, die ihm diesen Blick ermöglichte. Die Ergebnisse waren beeindruckend, Guichard selbst spricht sogar von einem magischen Moment.

LIDAR ist eine faszinierende und enorm hilfreiche Technik. Light Detection and Ranging, steht für ein System aus Laserscannern und Computern, das ursprünglich für die Landvermessung entwickelt wurde. Von einem Flugzeug aus sendet das System in einem breiten Fächer Laserstrahlen Richtung Boden aus und empfängt die von dort reflektierten Signale. Das Prinzip ist dem des Echolots ähnlich. Der Unterschied ist jedoch, LIDAR erkennt die Vegetation, die den Boden bedeckt und kann sie virtuell entfernen: Treffen die Laserstrahlen zum Beispiel auf einen Baum, so werden einige der Lichtimpulse an dessen Blättern reflektiert, andere an Zweigen und Ästen, wieder andere dringen bis auf den Boden vor. Dieses Verteilungsmuster erkennt das Computerprogramm als Baum.

Weg mit den Bäumen – aber nur virtuell

Rechnet die Software nun alle Bäume und Sträucher aus dem Bild heraus, bleibt quasi der nackte Boden übrig – mit all seinen kleinen und großen Erhebungen. Ob diese Erhebungen natürlichen Ursprungs sind oder von Menschenhand gemacht, lässt sich relativ leicht erkennen. Auf dem LIDAR-Scan von Bibracte, der die Topografie des gesamten Hügels deutlich zeigt, konnten Vincent Guichard und seine Mitarbeiter die Spuren vieler Gebäude, Mauern und Straßenzüge ausmachen.

Es ist wohl das umfassendste Bild dieser Stadt, dass je ein Mensch gesehen hat und es erlaubt den Archäologen jetzt gezielt weiter zu forschen. Die LIDAR-Scans helfen nicht nur dabei weitere Grundmauern uralter Gebäude aufzuspüren, sie zeigen auch die Lage der verschiedenen Bauwerke zueinander und deuten so auf ihre Funktion und ihre Bedeutung innerhalb der Stadt hin.

LIDAR für alle

Für Archäologen auf der ganzen Welt ist LIDAR, das ja ursprünglich gar nicht für ihre Zwecke entwickelt wurde, ein Geschenk. An manchen Orten ist das ganz wörtlich zu nehmen: Viele Institutionen stellen ihre LIDAR-Scans den Archäologen kostenlos zur Verfügung – zum Beispiel das Land Baden-Württemberg. Es wurde im Auftrag der Behörden komplett per Lidar erfasst, um Pläne für die Wasserwirtschaft und den Hochwasserschutz zu erstellen. Die Ergebnisse stehen jetzt dem Landesamt für Archäologie kostenfrei zur Verfügung. Großbritannien geht sogar noch weiter und stellt LIDAR-Scans des Landes der gesamten Bevölkerung zur Verfügung.

Drohnen-Aufnahmen: 
Vincent Borgeon
Internet:
www.studiodelagrange.com 

Autorin: Julia Schwenn (NDR)

Stand: 13.07.2019 08:26 Uhr

Sendetermin

So, 27.11.16 | 04:15 Uhr
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