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Stonehenge: auf der Suche nach verborgenen Landschaften

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Stonehenge: auf der Suche nach verborgenen Landschaften | Video verfügbar bis 24.11.2021 | Bild: SWR

Stonehenge ist der berühmteste Steinkreis Englands, wahrscheinlich sogar der ganzen Welt. Seit Hunderten von Jahren erforschen Archäologen diesen berühmten Ort. In den letzten Jahrzehnten dehnten sie ihre Suche nach den Spuren der Erbauer des Monumentes immer weiter aus. Dabei nutzen sie heute überwiegend nicht-invasive Methoden. Einerseits, weil das Gelände der sogenannten Stonehenge Landscape viel zu groß ist, um es komplett auszugraben. Andererseits, weil sie die in der Erde verborgenen Relikte nicht durch Grabungen zerstören wollen. Und davon gibt es viele.

In den Boden blicken

Grabhügel
Nur wenige Grabhügel sind noch erhalten | Bild: NDR

Die meisten "Bauwerke" aus der Phase, in der Stonehenge errichtet wurde - die späte Stein- und frühe Bronzezeit - bestanden vorwiegend aus Erde und Grassoden. Zum Beispiel die Grabhügel: Einige von ihnen kann man noch heute rund um den berühmten Steinkreis herum erkennen. Aber die meisten wurden im Laufe Hunderter von Jahren durch die landwirtschaftliche Nutzung des Tals einfach weggepflügt. Im Rahmen des Stonehenge Hidden Landscape Projektes (verborgene Landschaften von Stonehenge) haben Wissenschaftler aus der ganzen Welt das Tal, in dem der Steinkreis errichtet wurde, mit Magnetometern untersucht.

Diese Geräte erzeugen eine Art Karte dessen, was im Boden verborgen ist. Neben ziemlich großen Strukturen wie dem drei Kilometer langen Cursus fanden die Archäologen mithilfe dieser Methode auch die Standorte zahlreicher, heute nicht mehr sichtbarer Grabhügel.

Avebury - Stonehenges große Schwester

Steinkreis von Avebury
Avebury - ein Steinkreis der Superlative. | Bild: NDR

Nur 30 Kilometer weiter nördlich untersuchen Professor Friedrich Lüth vom Deutschen Archäologischen Institut und Professor Timothy Darvill von der University of Bournemouth die Umgebung einer weiteren Kultstätte. Avebury ist längst nicht so berühmt wie Stonehenge, dabei befindet sich hier der größte Steinkreis der britischen Inseln. Fast zeitgleich mit Stonehenge errichteten Menschen hier mit enormem Aufwand ein Monument, das heute noch gut sichtbar ist. Einst umgaben hier 98, bis zu fünf Meter hohe, aufrecht stehende Steine einen Kreis mit einem Durchmesser von fast 400 Metern. Im Inneren der Anlage befanden sich zwei kleinere Kreise mit Durchmessern von rund 100 Metern, umrahmt von je knapp 30 Steinen. Eingefasst wurde das Ganze von einem hohen Erdwall.

Wo lebten die Menschen?

Auto am Rande eines Ackers
Spurensuche auf dem Acker. | Bild: NDR

Die Untersuchung des Innern dieser Anlage zeigte, dass auch sie nicht gebaut wurde, um darin zu leben. Wahrscheinlich diente sie als Kultplatz. Auch rund um Avebury herum blickten die Archäologen mit ihren Magnetometern in den Boden hinein. Sie fanden die Spuren weiterer großer Monumente, wie die der von massiven Megalithen gesäumten "Avenue" und wiederum zahlreiche, bisher unbekannte Grabhügel.

Die Frage, wo die Menschen gelebt haben, die allein mit ihren Händen, Steinäxten und Schaufeln aus Geweihen all diese Steine herschafften, aufstellten und Hügel aufschichteten, ist noch weitgehend ungeklärt. Friedrich Lüth und Timothy Darvill versuchen sie durch weitere magnetometrische Untersuchungen der Felder rund um Avebury zu beantworten.

Magnetometrie - Was das Auge nicht (mehr) sehen kann

Auto fährt über einen Acker
Hightech-Gerät statt Schaufel. | Bild: NDR

Das Gerät, das der deutsche Archäologe dafür mitgebracht hat, sieht unspektakulär aus: 16 Sonden, befestigt auf einem fahrbaren Gestell, das an einer langen Achse hinter einem Auto hergezogen wird. Mehrere Tage lang fährt Friedrich Lüth damit einige Felder oberhalb von Avebury ab. Immer schön langsam, mit maximal 10 Stundenkilometern, und möglichst präzise legt er Spur neben Spur. Hinter ihm misst das Magnetometer das Magnetfeld im Boden.

Das Gerät spürt sogenannte Anomalien im Magnetfeld des Bodens auf. Denn jeder Spatenstich, jede Veränderung in der Erde hinterlässt Spuren im natürlichen Magnetfeld. Diese Störungen, verursacht etwa durch Gräben, Wälle, Hohlräume, Mauern, Schlacken oder gar Artefakte wie Metallgegenstände, erkennt das Gerät. Schon Sekunden nach dem Scan baut sich aus den Messdaten auf dem Bildschirm des angeschlossenen Computers ein Abbild dessen auf, was unter der Oberfläche liegt.

Die Siedlung unter dem Acker

Magnetometrische Karte einer untergegangenen Siedlung
Magnetometrische Karte einer untergegangenen Siedlung. | Bild: NDR

Auf einem frisch gepflügten Feld namens "Canada" wird Professor Lüth fündig: Mit bloßem Auge ist nichts von dem sichtbar, was sich jetzt auf seinem Computerbildschirm aufbaut: Der Plan einer längst untergegangenen bronzezeitlichen Siedlung. Mit Häusern, Wegen, Feldgrenzen und natürlich Grabhügeln. In einem von ihnen kann der Archäologe sogar die zentrale Bestattung als kleinen schwarzen Fleck in der Mitte erkennen. Ein Dorf, das seit mehreren tausend Jahren niemand mehr gesehen hat.

Hier haben sie also gelebt, die Menschen, die Avebury erbaut und genutzt haben, wenigstens ein Teil von ihnen. Aber es muss noch mehr solcher Siedlungen gegeben haben und die wollen  Friedrich Lüth und Timothy Darvill in den nächsten Jahren finden. Mit ihrem Magnetometer oder vielleicht einer neuen Generation von Hightech-Werkzeugen, die ihren Weg in die archäologische Forschung finden.

Autorin: Julia Schwenn (NDR)

Stand: 13.07.2019 08:26 Uhr

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