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Getöpferte Festplatten - ein Backup unserer Zeit

PlayMartn Kunze hält eine Keramikplatte mit Forschungsartikel
Getöpferte Festplatten - ein Backup unserer Zeit | Video verfügbar bis 25.08.2023 | Bild: BR

Was werden die Archäologen der Zukunft einmal über unsere Kultur herausfinden? Dass wir gerne Katzenvideos geschaut, uns permanent selbst fotografiert oder im Internet beschimpft haben? Gemessen am Datenaufkommen wäre das naheliegend. Es kann aber auch sein, dass gar nichts von uns übrig bleibt – denn digitale Datenträger halten im Schnitt nur wenige Jahre. Abgesehen davon, dass die Speicherformate in 500 Jahren technisch kaum mehr lesbar sein werden. Wie aber lässt sich das kulturelles Erbe unserer Gegenwart erhalten? Und vor allem: Was wollen wir hinterlassen?

Gedächtnis der Menschheit

Dunkler Schacht mit getöpferten Archivbehältern
Zeitkapsel im Salzbergwerk | Bild: BR

Der österreichische Keramikmacher Martin Kunze ist überzeugt, dass nur analoge Datenträger Informationen dauerhaft bewahren. In seiner Werkstatt in Oberösterreich hat er ein Verfahren entwickelt, um Dokumente der Zeitgeschichte vor dem Vergessen zu bewahren. "Meine Befürchtung ist, dass es in kurzer Zeit zu einer Art globalen Alzheimer kommt. Daten, die wir heute aufzeichnen, auf Datenträgern oder in der Cloud, haben die Gefahr, dass sie rasch verblassen, weil wir uns das irgendwann nicht mehr leisten können, alles aufzubewahren. Wohingegen Bücher noch Jahrhunderte überleben werden. Das heißt, dass Gesellschaften in der Zukunft sich zwar an das erinnern können, was lange vorbei ist, aber nicht mehr an die unmittelbare Vergangenheit", sagt Martin Kunze. Memory of Mankind – das Gedächtnis der Menschheit, nennt er sein Archivierungsprojekt. Er möchte damit einen Schnappschuss unserer Zeit aufbewahren, etwa Doktorarbeiten, Urkunden, Zeitungsartikel, Firmenjubiläen oder Hochzeitsfotos, gebrannt auf Keramikplatten.

Datenbrennen für die Nachwelt

Bis zu 50.000 Zeichen passen auf eine solche Platte. Anders als digitale Speichermedien sind die keramischen Datenträger resistent gegenüber Hitze und Chemikalien, Magnetismus und Strahlung, Erschütterung und Druck. Getöpferte Festplatten – im wahrsten Sinn des Wortes. Aber was genau macht die analogen Langzeitspeicher so stabil? Zuerst werden die Dokumente mit keramischem Farbpulver auf eine spezielle Folie gedruckt. Dann wird die Folie ein paar Minuten lang gewässert. Jetzt kommt der heikelste Teil: Die Folie muss wie ein Abziehbild auf die Keramikplatte aufgebracht werden, ohne dass Luftbläschen entstehen oder Staubkörner eingelagert werden. Dann wird das Resultat zusammen mit anderen Dokumenten in den Töpferofen gestellt und bei 850 Grad auf die Daten-Kachel gebrannt, um sie dauerhaft zu speichern.

Konserviert im Salzbergwerk

Zwei Wissenschaftlerinnen fahren durch einen Tunnel.
Einfahrt ins Archiv der Menschheit. | Bild: BR

Was wollen wir hinterlassen? Und wie sollen uns nachfolgende Zivilisationen einmal sehen? Aspekte, mit denen sich Wissenschaftler weltweit beschäftigen. „Die Frage, was in Memory of Mankind archiviert wird, ist natürlich eine sehr schwierige und deswegen haben wir das in drei Sektionen unterteilt: einmal Inhalte, die automatisch gesammelt werden, zum Beispiel die täglichen Leitartikel der großen Zeitungen aller Länder der Welt. Das zweite sind Inhalte, die von Institutionen schon vorausgewählt wurden. Und der dritte Inhalt sind Inhalte, die jeder beitragen kann, das Texte hochladen ist kostenlos, kann jeder weltweit mitmachen, an diesem Bild unserer Zeit zu zeichnen“, erklärt Martin Kunze das Konzept.

Claudia Theune ist Professorin für Archäologie an der Uni Wien. Sie erforscht die Kultur der Gegenwart und unterstützt das Archivierungs-Projekt von Martin Kunze. Treffen in Hallstatt, Weltkulturerbe-Region im Salzkammergut: Tief im Berg in einer alten Salzmine werden die Daten-Kacheln gelagert. In einem Seitenschacht hat Martin Kunze sein Archiv eröffnet. Über 500 verschiedene Dokumente der Zeitgeschichte lagern hier bereits, sortiert nach Eingang. In massiven Archivbehältern, ebenfalls aus stabilem Ton.

 Keramischer Mikrofilm

Winzige Buchstaben auf Mikrofilm aus Keramik
Mikrofilm mit Daten zu Atommüllendlager in Schweden. | Bild: BR

Das einzige Problem des Archivs: Der Speicherplatz auf den Tontafeln ist begrenzt. Deshalb hat Martin Kunze seinen analogen Langzeitspeicher weiterentwickelt. Keramischen Mikrofilm nennt er die dünnen, hochstabilen Plättchen. Sie tragen mikroskopisch kleine Buchstaben, eingraviert mit moderner Lasertechnik. Fünf Millionen Zeichen passen auf eine Tafel in der Größe von 20 mal 20 Zentimetern – zum Beispiel Unterlagen zu einem künftigen Atommüllendlager, komplette Doktorarbeiten oder fast die gesamte Ausgabe von Harry Potter. Der große Vorteil: Der Mikrofilm ist auch in Zukunft jederzeit lesbar, ohne Computer oder einem anderen Lesegerät. Man benötigt nur das menschliche Auge und eine Lupe.

Schatzkarte für die Archäologen der Zukunft

Getöpferte Scheibe mit Umrissen einer Landkarte
Token: Schlüssel zum Archiv der Menschheit. | Bild: BR

Damit die Gesellschaft der Zukunft das Gedächtnis der Menschheit auch findet, hat Martin Kunze einen s genannten Token gestaltet. Eine kleine keramische Scheibe mit den Koordinaten zum Eingang des Schachts. Jeder der mitmacht, erhält den Token – die Schatzkarte für das Langzeitarchiv. Ob es Martin Kunze tatsächlich geschafft hat, ein Stück unserer Gegenwart zu bewahren, das werden allerdings erst die Archäologen von morgen wissen. Wenn sie anfangen zu graben, tief im Berg der Geschichte unserer Zeit.

Autor: Boris Geiger (BR)

Stand: 24.08.2018 15:21 Uhr

Sendetermin

Sa, 25.08.18 | 16:00 Uhr
Das Erste

Produktion

Bayerischer Rundfunk
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