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Artenschwund durch Menschenhand

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Artenschwund durch Menschenhand | Video verfügbar bis 04.11.2021 | Bild: SWR

Heide und Börde sind seltene Landschaften in Deutschland, die gerade einmal vier Prozent der Fläche einnehmen. Doch sie sind bedeutend: für die Landwirtschaft, als Erholungsgebiete für uns Menschen und nicht zuletzt für die Artenvielfalt. Denn seltene Landschaften beherbergen außergewöhnliche Pflanzen- und Tierarten. Für die Heide gilt das auch heute – doch die Artenvielfalt der Börde gerät ins Wanken. 

Soester Börde – Wahner Heide

Heidelandschaft
Die typische Heide: Eine offene Landschaft mit sandigem Boden, viel Heidekraut und Besenheide.  | Bild: WDR

Zum Beispiel in der Soester Börde in Nordrhein-Westfalen, sie ist Teil der Hellweg-Börde. Was hier angebaut wird, gedeiht prächtig – das haben schon die Menschen in der Steinzeit vor rund 6.000 Jahren bemerkt. Unter anderem die Landwirtschaft machte das Zentrum der Region und ehemalige Hansestadt Soest reich.

In Agrarlandschaften leben viele typische Pflanzen- und Tierarten. Die Hellwegbörde als Europäisches Vogelschutzgebiet, deren größter Anteil im Kreis Soest liegt, ist besonders für die Feldvögel wichtig, wie etwa die Wiesenweihe, die Wachtel und das Rebhuhn. Aber heute macht höherer Flächenverbrauch, die Flurbereinigung, aber auch die Einengung der Fruchtfolgen den Arten zu schaffen. Ebenso verhält es sich mit dem Einsatz von Pflanzenschutzmitteln und Erntemaschinen. Mangel an Nistplätzen, Deckung und Nahrung sind für die Vögel die Folge. Ihre Bestände gehen zurück, viele Arten stehen auf der Roten Liste.

Anders sieht es in der Wahner Heide aus, nur Hundert Kilometer Luftlinie von der Soester Börde entfernt. Ackerbau wurde hier nie betrieben, denn der Boden der Heide ist nährstoffarm und sauer. Aber gerade auf solche Biotope spezialisierte, seltene Arten finden hier einen Rückzugsraum.

Erbe der letzten Eiszeit

Klumpen Erde mit Regenwurm in der Hand einer Person
Löss bildet nicht nur einen besonders fruchtbaren Boden – sondern auch einen sagenhaften Wasserspeicher.  | Bild: WDR

Die Entstehungsgeschichte dieser zwei Landschaften hat viele Parallelen: Beide sind ein Erbe der letzten Eiszeit, als Gletscher noch teilweise das Land bedeckten. Vom Vorland der Gletscher sowie der Flussufer wehten starke Winde Sedimente weg. Weil er so leicht und feinkörnig ist, wurde Löss besonders weit getragen und lagerte sich im heutigen Gebiet der Börde ab. Aufgrund der kleinen Korngröße sind die enthaltenen Mineralien leicht zugänglich und seine guten Eigenschaften als Wasserspeicher erleichtern die Bodenbildung. Aus Löss entstehen die fruchtbarsten Böden überhaupt – enorm leistungsfähige Braunerden, Parabraunerden und Schwarzerden. Diese Böden sind für uns lebensnotwendig: Man schätzt, dass weltweit etwa 80 Prozent des Getreides auf Löss wächst.

Ein anderes Sediment, das verweht wurde, war Sand. Er ist typisch für den nährstoffarmen Untergrund der Heide, auf dem sich nur eine sehr dünne Humusschicht entwickeln konnte. Mehr als ein lichter Laubwald wuchs hier nicht. Als im 12. und 13. Jahrhundert der Bevölkerungsdruck wuchs und auch weniger ertragreiche Böden ackerbaulich genutzt werden mussten, entstand in der Wahner Heide die "Plaggenwirtschaft". Beim "Plaggenhieb" wird die Vegetation samt Wurzelwerk abgeschlagen, um diese als Einstreu für die Ställe zu nutzen. Übrig blieben karge, unfruchtbare Sanddünen.

Militär als Naturschützer

Glanrinder
Alte Viehrassen wie das Glanrind sind zwar kleiner und liefern weniger Fleisch, sind dafür aber wesentlich robuster. | Bild: WDR

Trotz, oder Dank dieses Raubbaus an der Natur, ist die Heide heute ein Rückzugsort für viele Tier- und Pflanzenarten. Allerdings überlebte die Heide nur durch den frühen Naturschutz und das Militär, das die Heide schon zur preußischen Zeit als Truppenübungsplatz nutze und somit frei hielt von hochkommender Vegetation. Als das Militär Anfang der Neunziger Jahre begann, den Truppenübungsplatz aufzugeben, musste der Mensch ein neues Bewirtschaftungskonzept finden. Heute hält Weidevieh die Flächen frei.

In der Soester Börde liegt das Augenmerk auf dem Vogelschutz. Schützt man die Lebensräume der Vögel, profitieren davon auch Pflanzen- und Insektenarten, also das Gesamtbiotop.

Heide und Börde mag für uns Menschen aussehen wie wilde Natur. Doch sie sind von uns geschaffene Kulturlandschaften, die es ohne uns so nicht geben würde.

Autoren: Theresa Moebus, Andreas Martin, Matthias Sebening (WDR)

Stand: 13.07.2019 05:35 Uhr

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