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Spürhunde für den Artenschutz

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Spürhunde für den Artenschutz | Video verfügbar bis 14.10.2022 | Bild: HR

Seit rund vierJahren untersuchen Wissenschaftler des Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung in einem Igelprojekt das Leben der kleinen stacheligen Säugetiere in der Großstadt. Bei der Suche nach Igeln in Parks und Gärten der Hauptstadt müssen sich die Wissenschaftler meist einer sehr aufwändigen Methode bedienen. Nachts, bewaffnet mit Taschenlampen, suchen mehrere Wissenschaftler systematisch vorher festgelegte Gebiete nach Igeln ab. Die Ausbeute ist dabei oft recht mager. Zwar wird eine Fehlertoleranz mit einberechnet und die Methode ist wissenschaftlich aussagekräftig, doch der Aufwand für die Suche ist riesig.

Igelsuche heißt Nachtarbeit

Dr. Anne Berger vom Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung untersucht einen Igel.
Dr. Anne Berger vom Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung untersucht einen Igel. | Bild: HR

"Das Schwierige ist, dass der Igel nachtaktiv ist, man muss also in der Nacht losziehen. Und außerdem kann er sehr gut riechen und hören und sobald er merkt, dass man sich ihm nähert, versucht er schnell ins Gebüsch zu fliehen und da findet man ihn so gut wie gar nicht", erzählt Dr. Anne Berger, Leiterin des Igelprojekts. Die meisten Igel finden die Forscher deshalb auch auf den offenen Rasen- oder Wiesenflächen der Parks, von wo sie nicht mehr ins Gebüsch flüchten können.

Nur wenig Forschung über Igel

Bei einem Igel wird eine Speichelprobe genommen
Speichelprobe für die Wissenschaft. | Bild: HR

Da Igel im Zuge der vorherrschenden industrialisierten Landwirtschaft kaum noch Lebensraum auf dem Land haben, besiedeln sie zunehmend Parks und Gärten der Städte. In manchen Gegenden Europas, wie in England, gehen die Igelbestände insgesamt dramatisch zurück. In Deutschland gibt es dazu bisher keine verlässlichen und umfassenden Untersuchungen. Anhaltspunkte liefern lediglich die Zahlen der "Verkehrstoten" und der Einlieferungen in Igelauffangstationen.

Aufwändige Forschung im Igelprojekt

Igel in Nahaufnahme
Unfreiwilliger Teilnehmer des Berliner Igelprojekts. | Bild: HR

Um mehr über die Lebensgewohnheiten und das Bewegungsverhalten von Igeln in der Stadt herauszufinden, statten die Forscher einzelne Tiere mit einem kleinen Sender aus. In Berlin schwankt die Anzahl der besenderten Tiere zwischen 20 und 30. Von jedem neu gefundenen Igel notieren die Forscher den genauen Fundort, Gewicht, Geschlecht und Gesundheitszustand des Tieres. Außerdem nehmen sie Speichelproben, um mithilfe genetischer Analysen die Verwandtschaftsverhältnisse zu erfahren. Die untersuchten Tiere bekommen eine Markierung auf die Stacheln geklebt, so weiß man bei einem Wiederfang genau, um welches Tier es sich handelt.

Idee zur effizienteren Igelsuche

Igelsuchhund Fine
Igelsuchhund Fine | Bild: HR

Dr. Anne Berger leitet das Berliner Igelprojekt. Sie hatte bereits 2013 die Idee, eine alternative, effizientere Methode zur Igelsuche auszuprobieren. Nachdem sie gehört hatte, dass im Ausland Hunde bei der wissenschaftlichen Wildtiersuche zum Einsatz kommen, zögerte sie nicht lange und kaufte sich einen Welpen – eine Hündin der Rasse Australian Shepherd, die Fine heißt. Inzwischen ist Fine vier Jahre alt und hilft Anne Berger bei der Igelsuche.

Artenspürhunde in Deutschland – Wildlife Protection Dogs

Igelsuchhund Fine beim Training.
Igelsuchhund Fine beim Training. | Bild: HR

Da die Biologin jedoch keine ausgebildete Hundetrainerin ist, holte sie sich Rat und begann in einem Verein mitzuarbeiten, dessen Ziel es ist, den Einsatz von Artenspürhunden in Deutschland publik zu machen und offiziell anerkennen zu lassen. Generell lassen sich die Hunde zur Suche der verschiedensten Tierarten einsetzen. So werden in Deutschland mittlerweile Hunde zur Suche von Wolf, Luchs, Fledermaus, Raufußhuhn und sogar Bettwanzen ausgebildet.

Wissenschaftler können mit Artenspürhunden erfolgreicher forschen

Bettwanzensuchhund Fosco
Bettwanzensuchhund Fosco | Bild: HR

Ähnlich wie Anne Berger sind viele Hundebesitzer im Verein selbst Wissenschaftler, die für ihre Feldforschung die Tiere, die sie beforschen schnell aufspüren wollen. Im Fall von Wolf oder Luchs reicht es, die Artenspürhunde auf den Kot der gesuchten Tierarten zu trainieren. Das macht in diesem Fall Sinn, da Wolf oder Luchs herannahende Hunde schnell bemerken würden.

Bei Fledermäusen hingegen geht es vor allem darum, dass die Hunde die Verstecke anzeigen, in denen sie ihren Nachwuchs großziehen. Bisher war es äußerst aufwändig diese sogenannten Wochenstuben aufzuspüren. Weibliche Tiere mussten dazu mit Netzen gefangen und mit Sendern versehen werden, um sie dann mit Antennen in ihrem Versteck orten zu können. Für die gefangenen Fledermäuse bedeutete das großen Stress und für die Forscher viel Nachtarbeit. Ganz ähnlich wie bei der Igelsuche. In Zukunft könnten Spürhunde den Forschern helfen, die nachtaktiven Tiere und ihre Nester auch tagsüber zu entdecken.

Igelstachel sind das Startsignal zur Suche

Igelstachel in einem Plastikbehälter
Igelstachel als Geruchsprobe. | Bild: HR

Anne Berger lässt Fine an einer Igelgeruchsprobe schnuppern. Dafür verwendet sie die Stachel und Haare von Igeln. Für Fine ist es das Startsignal. Mit voller Konzentration ist die Australian- Shepherd-Hundedame bei der Sache. Sie sucht und findet die Igelnester. Um die nachtaktiven Tiere nicht zu stören, hat Fine gelernt, sich kurz vor einem Igelnest abzulegen.

Dort, wo Fine vorher das Gelände abgesucht hat, werden die Forscher sehr viel schneller fündig, denn Anne Berger speichert die Fundstellen im GPS- Empfänger. Zusätzlich hängt sie oft noch ein Markierungsband ins Gestrüpp, um die Stelle in der Nacht noch leichter zu finden.

Noch laufen die Igelsuch-Verfahren mit und ohne Hund parallel

Fine legt sich in Nähe des Igelnestes ab.
Fine legt sich in Nähe des Igelnestes ab. | Bild: HR

Um die Effizienz der Methoden vergleichen zu können, führen die Berliner Forscher sowohl die klassische Igelsuche bei Nacht, als auch die Suche mit Spürhund Fine am Tag durch. Denn wie gut Fine bei der Igelsuche im Vergleich zur herkömmlichen Methode ist, ist ebenfalls ein Forschungsprojekt. Das offizielle Ergebnis dazu liegt wohl erst in einem Jahr vor. Trotzdem ist Anne Berger jetzt schon mehr als zufrieden mit Fines Einsatz: "Fine findet viel mehr Igel und wir können viel schneller die Nester kontrollieren und es macht mir persönlich auch noch viel mehr Spaß mit so einem netten, vierbeinigen Kollegen an der Seite."

Auch wenn die Ausbildung eines Igelsuchhunds zeitaufwändig ist und es eines ständigen Trainings erfordert, ist Anne Berger davon überzeugt, dass sich dieser Aufwand allemal lohnt, um in Zukunft schneller und besser die nachtaktiven Igel untersuchen zu können.

Autor: Wolfgang Zündel (HR)

Stand: 28.08.2019 08:29 Uhr

Sendetermin

Sa., 29.09.18 | 16:00 Uhr
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Produktion

Bayerischer Rundfunk
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