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Verkehrswende – Stadt ohne Autos?

PlayBanner am Geländer mit der Aufschrift "Ab hier autofrei"
Verkehrswende – Stadt ohne Autos? | Video verfügbar bis 28.10.2022 | Bild: BR

In Deutschland wird ein Verbot für Verbrennungsmotoren ab 2030 diskutiert. Frankreich peilt das Jahr 2040 an, Norwegen 2025. Auch wenn diese Ausstiegs-Szenarien nicht in Stein gemeißelt sind, klar ist: Europa steht vor einer Verkehrswende, die nicht nur neue Antriebstechniken erfordert, sondern vor allem einen Umbau der städtischen Infrastruktur. Wie werden wir uns in unseren Städten künftig fortbewegen? Wird das Auto dabei überhaupt noch eine Rolle spielen?

Autofrei in Köln – ein Modell mit Zukunft?

Junge Familie mit Kind und Bollerwagen auf dem Weg zum Einkaufen
Familieneinkauf mit dem Bollerwagen. | Bild: BR

Eine Großstadt wie Köln ohne Autos – derzeit ist das kaum vorstellbar. Doch es gibt ein besonderes Viertel, in dem sind Autos streng verboten. Die dreijährige Johanna wohnt mit ihren Eltern im "Stellwerk60" in Köln-Nippes, in der aktuell größten, komplett autofreien Siedlung Deutschlands. Zusammen mit rund 1.300 anderen Bewohnern haben sich Inga Feuser und ihr Mann per Mietvertrag verpflichtet, kein privates Auto zu besitzen. Zum Einkaufen geht es mit dem Rad oder dem Bollerwagen. Ein großer Wocheneinkauf ist so zwar nicht möglich, dafür kauft die junge Familie fast täglich frisch in den zahlreichen Geschäften rund um die Siedlung. Leben ohne Auto – das bedeutet Verzicht, aber auch einen enormen Gewinn an Lebensqualität, vor allem für die Kinder. Denn wo vorher die Gehwege zugeparkt waren, ist jetzt Platz zum Spielen - und die Eltern müssen auch nicht ständig auf den Verkehr aufpassen. "Man kann die Tür aufmachen, die Kleine läuft raus, obwohl sie erst drei ist, spielt auf der Straße und ich muss mir keine Sorgen machen", erzählt Inga Feuser begeistert.

Verkehrspioniere: Französisches Viertel in Tübingen

Mann auf einem Fahrrad
Zweirad statt PKW: Französisches Viertel in Tübingen. | Bild: BR

Leben ohne Pkw, das klingt revolutionär im Auto-Land Deutschland. Aber kann das langfristig funktionieren? Ähnliches Konzept – andere Stadt: Im Französischen Viertel in Tübingen hat die Verkehrswende schon vor 20 Jahren begonnen. Autos dürfen hier zwar rein, abgestellt werden sollen sie aber im Parkhaus. Eigentlich – doch seit einiger Zeit sind die Gehwege im Viertel immer öfter zugeparkt. Trotz Parkverbot ist das Auto wieder dabei, die Macht im Quartier zu übernehmen. Der Kunstdozent Frido Hohberger ist einer der Gründungsväter der alternativen Siedlung. Seit er vor über 20 Jahren mit seiner Familie hierhergezogen ist, hat sich das Viertel stark verändert. Die Euphorie von damals ist verflogen und mit ihr die Disziplin. "Am Anfang war es eine Art Biotop und das hat sich normalisiert, durch Wegzug oder natürlich auch dadurch, dass die Leute älter geworden sind. Jetzt ist es ein ganz normales Viertel mit allen Schwierigkeiten, die man auch in anderen Vierteln findet", sagt der leidenschaftliche Radfahrer Hohberger, vor dessen Haus die Autos vor allem abends immer öfter den Weg versperren.

Trotzdem ist Frido Hohberger kein Autofeind. Seine Familie hat selbst ein Auto – für Ausflüge und um in den Urlaub zu fahren. Sonst steht es im Parkhaus. An die Jahre im autofreien Viertel erinnern sich seine inzwischen erwachsenen Kinder gerne zurück – selbst wenn sie das Auto in manchen Situationen vermisst haben, denn auch als Kind ist man ab und zu bequem.

Umbau der Innenstädte

Grafik mit E-Transporter in der Innenstadt
Innenstädte: Elektroautos für die Logistik. | Bild: BR

Trotz mancher Schwierigkeiten, scheint das Prinzip des autofreien Viertels aufzugehen – im Kleinen. Doch lässt sich das Konzept auch auf eine ganze Großstadt übertragen? Christian Piehler leitet den Bereich Verkehrsforschung am Deutschen Luft- und Raumfahrzentrum in Köln. So wie hier sind die meisten Städte in Deutschland immer noch stark auf den Autoverkehr ausgelegt. Doch aus Sicht des Verkehrsexperten führt an einem Umbau der Innenstädte kein Weg vorbei: „Ich denke was passieren müsste, um die Probleme, die wir mit den autofixierten Städten in Deutschland haben zu lösen, ist, dass wir zu einer stärkeren Verbindung der Mobilitätskonzepte mit der Stadtentwicklung kommen, ohne dass wir das konventionelle Auto einsetzen. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln etwa, aber auch durch eine Stärkung des Fußgänger- und Radverkehrs", sagt Christian Piehler.

Und so könnte die Stadt in Zukunft aussehen: Die großen Einfallsstraßen werden zurückgebaut, um den privaten Autoverkehr zu verdrängen. In der Innenstadt fahren nur noch elektrische Lastentransporter, Fahrräder und E-Trikes, um die Güter zu transportieren – dazu automatisierte Quartiersbusse für ältere Menschen. Alles ist vernetzt und die Fahrpläne lassen sich per App miteinander kombinieren. 

Carsharing statt Privat-Pkw

Frau am Steuer eines Mietautos
Praktisch: ein Mietauto für alle Fälle | Bild: BR

Inga Feuser und ihre Familie leben diese Zukunft bereits ein Stück in ihrem autofreien Quartier in Köln-Nippes. Trotzdem gibt es Situationen, in denen es nicht ohne Auto geht. Etwa wenn die Lehrerin früher bei der Arbeit sein muss, wenn Möbel transportiert werden müssen, für einen Ausflug zu Freunden aufs Land oder wenn es in Strömen regnet. Dann mietet sich die Familie für einen halben Tag ein Carsharing-Auto. Die Leihstation steht direkt vor dem Eingang des Viertels.

Ansonsten versucht die Familie ohne Auto auszukommen. Denn auch im Viertel kann man prima den Nachmittag verbringen, etwa im Stadtgarten, wo die Kinder eigene Gemüsebeete angelegt haben, oder beim Grillen auf den Grünflächen vor dem Haus. Leben ohne eigenes Auto – die Bewohner in Köln-Nippes haben gezeigt, dass dies nicht nur Verzicht bedeutet. Denn sie gewinnen neue Lebensqualität, bessere Luft, Ruhe und Raum zum Leben. Und das mitten in einer Millionenstadt.

Autor: Boris Geiger (BR)

Stand: 31.07.2019 08:43 Uhr

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Di., 31.10.17 | 04:25 Uhr
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Bayerischer Rundfunk
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