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Bargeldlose Zukunft? Deutsche zurückhaltend

PlayEC-Karte in einem Kartenlesegerät beim Bäcker
Bargeldlose Zukunft? Deutsche zurückhaltend | Video verfügbar bis 22.04.2022 | Bild: NDR

Schweden ist in Europa der Vorreiter der bargeldlosen Zahlung. 80 Prozent aller Bezahlvorgänge werden inzwischen unbar abgewickelt. Selbst Kleinigkeiten wie ein Becher Kaffee, eine Zeitung oder die Gebühr für die Nutzung der Toilette bezahlen die Schweden mehrheitlich mit Karte oder Smartphone.

Ganz anders ist es in Deutschland: Genau umgekehrt als in Schweden wird hier in vier von fünf Fällen immer noch bar bezahlt. Als Gründe werden von befragten Verbrauchern dafür zum Beispiel genannt: eine bessere Kontrolle über die eigenen Ausgaben, eine höhere Sicherheit als bei Kartenzahlung oder eine geringere Gefahr von Datenmissbrauch. Doch wie real sind diese "gefühlten" Gründe? Und rechtfertigen sie die hohen volkswirtschaftlichen Kosten von Bargeld?

Hohe Preise aktivieren Gehirnteile, die auch Schmerzen verarbeiten

Eine Person während einer MRT-Untersuchung
MRT-Versuche zeigen: Bezahlen müssen tut weh. | Bild: NDR

Fast zwei Drittel derjenigen, die lieber bar zahlen, geben an, sie hätten mit Bargeld eine bessere Kontrolle über ihre Ausgaben. Zwei psychologische Experimente aus den USA und Deutschland liefern eine mögliche Erklärung dafür: US-amerikanische Forscher überprüften im Jahre 2007 die Reaktion von Menschen, die für etwas Geld bezahlen sollen. Man zeigte Testkandidaten Produkte und Preise und maß gleichzeitig ihre Hirnaktivitäten. Das Ergebnis: Schon der bloße Anblick hoher Preise aktivierte den Teil des Gehirns, in dem wir sonst Schmerzen verarbeiten. Uns von Geld trennen zu müssen tut offenbar immer weh. Aber – so die Forscher – der Trennungsschmerz ist weniger groß, wenn man unbar zahlt.

Die mögliche Erklärung dafür lieferte ein weiteres Experiment deutscher Psychologen. Einer Gruppe von Testkandidaten wurden je 10 Euro geschenkt und dann ein Deal angeboten: Wer wollte, konnte das Geld bei einem kleinen Glücksspiel einsetzen – verdoppeln oder alles verlieren, Chance 50:50. Das Interessante: Teilnehmer, die angaben in der Regel bar zu bezahlen, entschieden sich mehrheitlich dafür, das Geldgeschenk zu behalten. Teilnehmer, die zum Bezahlen eher zur Karte greifen, setzen die geschenkten 10 Euro mehrheitlich aufs Spiel. Die Erklärung der Psychologen: Wer selten bar zahlt, für den fühlt sich Bargeld womöglich auch weniger real an. Barzahler gehen also möglicherweise tatsächlich kontrollierter mit ihrem Geld um.

Der gläserne Kartenzahler?

EC-Karten per Kabel mit einem Bankhaus verbunden
Banken erfahren nur, wieviel und wo bezahlt wurde, aber nicht wofür. | Bild: NDR

Ein weiteres Argument vieler Kartenzahlungsgegner ist die Angst davor, ihre Einkäufe würden erfasst und ihre Konsumgewohnheiten ausgewertet. Tatsächlich werden bei elektronischen Zahlungen aber nur die Gesamtsumme und der Name des Geschäfts, in dem wir eingekauft haben, an die Bank oder das Kreditkartenunternehmen übermittelt. Was wir gekauft haben, bleibt unser Geheimnis. "Gläsern" machen sich Kunden stattdessen durch die Nutzung von Kundenkarten. Denn darüber sammelt der Handel Daten über unsere Vorlieben – und zwar unabhängig vom Zahlungsmittel. Die Angst vor der Datensammelwut wird hier also an die falsche Karte gehängt.

Vorsicht, Negativzinsen!

Eher selten genannt, aber in jüngster Zeit durchaus relevant, ist der Schutz, den Bargeld vor Negativzinsen bietet. Von Banken, die ihr Geld bei der Zentralbank parken wollen, verlangt die EZB seit 2014 Negativzinsen – sprich: es bringt keinen Gewinn, es kostet. Mittlerweile gehen immer mehr Banken dazu über, sich diese Strafzinsen bei ihren Anlegern – insbesondere den Nutzern von Tagesgeldkonten – zurückzuholen. Doch solange es Bargeld gibt, können die Verbraucher ihr Geld von der Bank holen und in bar aufbewahren – strafzinsfrei. Ob das auf Dauer eine pragmatische Lösung ist, steht auf einem anderen Blatt. Aber rund 26 Prozent der Deutschen lagern laut Umfragen schon jetzt größere Bargeldbestände zuhause.

Autor: Thomas Wagner (NDR)

Stand: 21.06.2018 09:41 Uhr