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Öko-Förster – Öko-Träumerei?

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Öko-Förster - Öko-Träumerei? | Video verfügbar bis 13.08.2021 | Bild: SWR

An unseren Wald stellen wir hohe Anforderungen: Die Artenvielfalt soll gesichert, sogar gesteigert werden; der Wald soll CO2 speichern, Erholungsgebiet für den Menschen sein und nach wie vor ist er Wirtschaftsfaktor – soll also jede Menge Holzernte bringen. Ein Spagat. In den vergangen 20 Jahren hat in der Forstwirtschaft zwar ein Umdenken eingesetzt, die Bewirtschaftung ist nachhaltiger geworden, richtige Kahlschläge gibt es kaum mehr, aber Naturschützer sagen, das reicht noch nicht. Und das denken auch manche Förster. Sie setzen auf ökologische Forstwirtschaft.

Lübecker Stadtwald: Ein Vorbild für naturnahe Waldnutzung

Frühling im Lübecker Stadtwald, der seltene Eremit-Käfer baut seine Gänge im Totholz. Der vom Aussterben bedrohte Schwarzstorch ist zurück und sogar der Fischotter fühlt sich hier wieder wohl. Ein einzigartiges Biotop. Ein Mischwald – mit über 100 Jahre alten Buchenbeständen.

Knut Sturm ist der Revierleiter im Lübecker Stadtwald. Er macht vieles anders als konventionelle Förster. Er greift kaum ein, der Wald bleibt sich selbst überlassen. Er benutzt keine Pestizide, seine Bäume sähen sich überwiegend selbst aus. Natürliche Verjüngung nennt man das.

Buchenwälder wie hier in Lübeck: eigentlich typisch für Deutschland
Buchenwälder wie hier in Lübeck: eigentlich typisch für Deutschland | Bild: HR

Diese Bewirtschaftungsweise, die „naturnahe Waldnutzung“ hat schon sein Vorgänger 1994 eingeführt. In einem achtjährigen Prozess entwickelte der damalige Förster das Konzept. Es fußt bewusst auf den Forderungen des Klimagipfels in Rio de Janeiro von 1992 und ist von der Lübecker Bürgerschaft 1995 einstimmig beschlossen worden und wurde zuletzt 2009 bekräftigt.

Weniger Eingriffe – heißt mehr Holz auf der Fläche

Heute nach 20 Jahren sieht man, dass der Wald schon anders aussieht. Es setzen sich die Bäume durch, die die besten Überlebenschancen haben – heimische Arten wie Buchen und Eichen. Eigentlich die dominierenden Bäume in Deutschland, sie sind nur vielerorts durch Anpflanzungen von schneller wachsenden Bäumen wie Fichten oder Douglasien verdrängt worden.

Knut Sturm und seine Kollegen ernten nur wenige Bäume, die die  besonders alt sind und hohe Erträge bringen. Je älter zum Beispiel ein Buchenbaum ist, desto dicker und fester ist sein Holz und dieses Holz bringt mehr Geld. Im Schnitt lässt er die Bäume zehn bis 20 Zentimeter dicker werden als Forstwirte, die "konventionelle" Forstwirtschaft betreiben.

In Lübeck dürfen Bäume älter werden.
In Lübeck dürfen Bäume älter werden. | Bild: HR

Heißt anstatt der üblichen 300 Kubikmeter Holz pro Hektar gibt es in Lübeck 429 Kubikmeter Holz. Das Ziel ist, auf 800 bis 1000 Kubikmeter zu kommen. Das Konzept ist also wie ein Sparbuch, auf das einbezahlt wird  und nur vereinzelt Geld abgehoben wird, der Grundbetrag wird immer mehr, sagt Knut Sturm.

Auch konventionelle Forstämter arbeiten naturnah

Auch in der konventionellen Forstwirtschaft wurde mittlerweile umgedacht. Wie das aussehen kann, zeigt das  Forstrevier Hessisch Lichtenau – auch hier werden ökologische Kriterien berücksichtigt. So hat das Revier Hessisch Lichtenau auf acht Prozent seiner Fläche ein Naturschutzreservat, zum Beispiel einen Buchenmischwald am Hohen Meißner, der überhaupt nicht bewirtschaftet wird.

Wilde Orchideen im Revier Hessisch Lichtenau
Wilde Orchideen im Revier Hessisch Lichtenau | Bild: HR

Die Flächen wurden gezielt ausgewählt, sagt Forstamtsleiter Matthias Dumm, es wäre geschaut worden, wo die wertvollen Lebensräume sind, um die Artenvielfalt dort sicher zu stellen oder vielleicht sogar zu erhöhen. In dem Revier leben wieder Wildkatzen und auch wilde Orchideen gibt es wieder.

Umweltschützer bezweifeln jedoch, dass diese Ausgleichsflächen ausreichen. Denn im restlichen Wald wird fast der komplette Holzzuwachs eines Jahres abgeerntet.

Große Unterschiede: Beispiel Ernte

Die "ökologische" und die "konventionelle" Forstwirtschaft unterscheiden sich deutlich voneinander – bei der Ernte zum Beispiel. Knut Sturm setzt in Lübeck Rückepferde ein, um die gefällten abzutransportieren. So hat man das vor 100 Jahren gemacht. Der Vorteil: Die Pferdehufe verdichten den Boden nicht so stark wie schwere Fahrzeuge. Denn ist der Boden einmal verdichtet ist er unbrauchbar.

Von Natur aus ist der Waldboden  wie ein feines Netz von Kanälchen und Poren aufgebaut. Dadurch wird der Boden belüftet und die Wasseraufnahme und der Nährstofftransport sichergestellt. Wird dieses Netz zusammengedrückt funktioniert es nicht mehr. Trotzdem setzt man in Hessisch Lichtenau, wie fast überall in Deutschland, auf  Harvester, schwere Maschinen, die die Bäume fällen, die Stämme von Ästen befreien und abtransportieren.

Bei großen Flächen und hohen Ernteerträgen bleibt den Forstwirten gar nichts anderes übrig, als solche Maschinen einzusetzen. Allein vom Forstamt Hessisch Lichtenau fordert das Land Hessen 85.000 Kubikmeter Holz pro Jahr. Ohne Harvester-Maschinen sei das nicht zu schaffen, sagt Förster Matthias Dumm. Ganz ohne moderne Transportmittel geht es aber auch in Lübeck nicht.  In den Rückegassen, also den unbefestigten Forstwegen, wartet ein LKW zum Abtransport der geernteten Stämme.

Holzernte mit dem Harvester
Holzernte mit dem Harvester  | Bild: HR

Die Rückegassen in Lübeck sind  allerdings 55 Meter weit voneinander entfernt, damit möglichst viel Waldboden intakt bleibt. Die Rückegassen in konventionell bewirtschafteten Wäldern, also für den Harvestereinsatz, sind enger beieinander. Manchmal liegen sie nur 20 Meter auseinander, denn der Harvester kann mit seinem Greifarm nur soweit in den Wald hinein. Es wird also mehr kostbarer Waldboden zerstört.

 Die Kehrseite des ökologischen Konzepts: Knut Sturm macht damit kaum Gewinn. Auch deshalb stößt er auf Widerstand in der klassischen Forstwirtschaft. Doch bei ihm steht die Wirtschaftlichkeit erst an zweiter Stelle und auch den Bürgern und der Stadt ist das ökologische Konzept wichtiger als Gewinn.

Es spricht vieles dafür, Holz als Rohstoff zu nutzen – als Baustoff etwa, so bindet es langfristig CO2. Wird es direkt verbrannt, sieht die Öko-Bilanz schon anders aus. Und auch unser Verbrauch an Papier, das aus Holz hergestellt wird, ist enorm hoch. Wie unser Wald bewirtschaftet wird und welches Leben in unserem Wald möglich ist, hängt also auch stark von unserem Verhalten ab.  

Nur wenn wir bereit sind, weniger Holz zu nutzen und mehr zu zahlen, könnte sich das Lübecker Modell durchsetzen. Und es müsste politisch gewollt sein.

Stand: 13.08.2016 19:15 Uhr

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