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Stadtbäume: Hilfe für die grüne Lunge

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Stadtbäume | Video verfügbar bis 13.08.2021 | Bild: SWR

Stadtbäume filtern Feinstaub aus der Luft und liefern Sauerstoff. Vor allem Straßenverkehr und Heizungsanlagen sorgen für einen hohen CO2-Gehalt in der Stadtluft. Unsere Stadtbäume speichern jährlich circa 62 Millionen Tonnen oder umgerechnet sechs Prozent des gesamten Kohlenstoffvorrats in Deutschland. Und sie leisten noch mehr: Gerade im Sommer, wenn der Asphalt sich erhitzt, sind sie Schattenspender und sorgen für ein angenehmeres Mikroklima in der Stadt. Sie dienen als Schallschutz und haben einen psychologischen Effekt, da das Grün beruhigend auf uns wirkt. Damit sie ihre vielfältigen Aufgaben gut erfüllen können, brauchen Stadtbäume Pflege – und die ist aufwändig.

Lebensbedingungen extrem

Unserer Stadtbäume  versuchen sich an ihre Standortbedingungen anzupassen, so gut es geht. Dabei müssen sie mit extremen Lebensbedingungen zurechtkommen: Auto-Abgase, Hunde-Urin, versiegelte Böden und Platzmangel setzen ihnen zu. Baumpfleger sorgen dafür, dass die Stadtbäume gesund bleiben und die Unterstützung erhalten, die sie benötigen. In Kassel ist einer von ihnen Wendelin Lenzner.

Ein Problem der Bäume, das durch die harten Lebensbedingungen entsteht, sind Mangelerscheinungen – zum Beispiel Eisenmangel.  Der lässt sich gut an der Gelbfärbung der Blätter erkennen. Die Ursachen: hohe Streusalz- und Feinstaubbelastung. Das führt dazu, dass Eisen als Nährelement nicht mehr von der Pflanze aufgenommen werden kann. Mit einem genau abgestimmten Nähstoffkonzentrat muss der Baumpfleger den Boden jetzt beimpfen, sonst würde der Baum immer weiter geschwächt und anfällig für Krankheiten und Schädlinge werden und in letzter Konsequenz wohl absterben.

Baumkontrolle: die Nadel im Heuhaufen

Nur durch regelmäßige Kontrollen der Bäume können Schädigungen etwa durch Pilzerkrankungen rechtzeitig erkannt werden. Die Schäden sind für den Laien nicht immer auf Anhieb zu erkennen. Wendelin Lenzner zeigt uns in einem idyllischen Park eine stattliche Rotbuche, die für uns gesund aussieht! Doch der Schein trügt. Im Wurzelbereich hat sie ein riesiges Problem: dort verbirgt sich ein Brandkrustenpilz! Dieser winzige Pilz lässt Bäume von innen heraus faulen. Der Stamm wird nicht mehr versorgt und der Baum verliert so an Stabilität. Irgendwann bricht er unvermittelt auseinander. Ist ein solcher Befall bekannt, werden betroffene Bäume meist umgehend gefällt, um Schaden abzuwenden.

Wendelin Lenzner hat derzeit über 600 Bäume in seiner Obhut. Die meisten muss er jährlich kontrollieren. Immer dabei: Sein digitales Baum-Kataster. Es enthält sämtliche Informationen über jeden einzelnen Baum.

Enge der Stadt

Häufig stehen Bäume so dicht an Hausfassaden, dass sie schief wachsen um zum Licht zu gelangen. Auch die Wurzeln haben meist weniger Raum als nötig. Unter natürlichen Voraussetzungen, benötigt ein Baum zu seinemKronen-Durchmesser nochmal 1,5 Meter zusätzlich.

Bei Neupflanzung mehr Platz
Bei Neupflanzung mehr Platz | Bild: HR

In der Stadt sind solche Bedingungen eher selten. Auch wenn bei Neupflanzungenmittlerweile versucht wird, sowohl im sichtbaren als auch im unterirdischen Bereich dem Platzbedarf annähernd gerecht zu werden. Außerdem wird meist ein spezielles Baumsubstrat verwendet, das luftdurchlässigist und das die Wurzeln leichter durchdringen können.

Pflege am Boden

Mit Druckluft wird der Boden beimpft.
Mit Druckluft wird der Boden beimpft. | Bild: HR

Wenn der Boden um die Baumwurzel freiliegt, kann Wendelin Lenzner den verdichteten Boden auch mit Druckluft lockern.  So kann das Wurzelwerk wieder freier atmen. Gleichzeitig fügt er dem Boden noch Nährstoffe und ein Granulat hinzu: gebrannte Diatomeenerde, also gebrannte Kieselgur. Dieses Material speichert Wasser und kann sein Volumen um 40 Prozent vergrößern. So kann der Baum auch längere Trockenperioden überstehen und denen sind unsere Bäume wegen des Klimawandels immer häufiger ausgesetzt.

Den Klimabedingungen trotzen

Bei Neupflanzungen setzen viele Kommunen daher auf ganz neue Baumarten, die in unseren Breiten eigentlich nicht vorkommen. So wie der Japanische Schnurbaum (Styphnolobium japonicum). Er ist Hitze- und trockenbeständig, seine zierliche und dennoch breite Krone wirft einen großen Schatten und sorgt so für ein angenehmes Mikroklima.

Klettern für gesunde Bäume

Um die Bäume in den Kronen pflegen zu können, muss Wendelin Lenzner bis nach oben klettern. Der Baumpfleger entfernt  abgestorbene Äste, das Totholz. Im Wald wird solches Holz nicht entfernt, es bietet Lebensraum für viele Organismen wie Pilze, Flechten, Moose und Insekten. Im urbanen Raum kann Totholz gefährlich für Menschen und Autos werden.

Auf die Technik kommt es an.
Auf die Technik kommt es an. | Bild: HR

Beim Entfernen der abgestorbenen Äste kommt auf die richtige Säge-Technik an: erst wird der Ast einmal angesägt, danach etwas versetzt dahinter, von unten. Das Ergebnis: der Ast bricht kontrolliert, mit einer Stufe, ohne nach unten auszureißen. So werden Astverletzungen vermieden, die ein Eindringen von Schädlingen mit sich bringen könnten.

Zum Teil entfernt Wendelin Lenzner auch gesunde Äste, wenn sie innerhalb der Kronen-Architektur Fehlstellungen ausbilden. Denn solche Äste können unter Schnee- und Windlast leicht brechen.

Stand: 12.07.2019 12:37 Uhr

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