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Bestäubung ohne Insekten? Ein Experiment

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Bestäubung ohne Insekten? Ein Experiment | Video verfügbar bis 06.10.2023 | Bild: SWR

Der Zeppelinhof ist ganz normaler Bauernhof in Unterteuringen am Bodensee. Hier stehen über 100.000 Apfelbäume. Und die sind auf Bestäuber angewiesen. Was würde passieren, wenn in Süddeutschlands Obstparadies die Insekten als Bestäuber ausfielen? Was, wenn es keine bestäubenden Insekten mehr gäbe? Wenn Wildbienen & Co einfach verschwänden? Wäre dann der Ertrag unserer Kulturpflanzen gefährdet? Obstbauer Markus Marschall und die Landschaftsökologin Alexandra-Maria Klein wollen das herausfinden und wagen in der Apfelplantage ein Experiment.

Drei unterschiedliche Parzellen werden eingerichtet

Netze über Apfelbäumen
Durch die Netze können die Insekten nicht schlüpfen. | Bild: SWR

Anfang April: Insgesamt zehn Apfelbäume will das Team "einpacken". Ziel der Aktion ist, sämtliche Insekten von den Blüten fernzuhalten. Dafür hat Markus Marschall ausgediente Wasserrohre organisiert, über die ein Netz gespannt werden soll. Die Blütezeit steht kurz bevor, das Netz kommt über die Bäume. Mitten in der riesigen Apfelplantage findet das Experiment statt. Im vergangenen Jahr sind die Blüten hier erfroren – im Frühjahr 2018 sprießen die Knospen im Überfluss. Die Isolierzelte stehen. Die Maschengröße des Netzes ist optimal, die Insekten werden keinen Durchgang finden. Aber: Der Wind kann den Pollen noch durchschleudern. Denn auch nur durch Wind können die Blüten von Apfelbäumen bestäubt werden.

Drei unterschiedliche Parzellen sind eingerichtet, die farblich gekennzeichnet sind: Ein rotes Schild für eine Parzelle, wo keine Bestäubung stattfinden soll. Eine Parzelle mit gelbem Schild, in der die Bestäubung der Insekten gewollt ist. Und letztlich die Handbestäubung. Dort werden alle Blüten voll bestäubt, diese Parzelle wird grün. Wenn sich in der grünen Parzelle mehr Äpfel mit einer hohen Qualität entwickeln, dann bedeutet das, dass es in diesem Gebiet am Bodensee nicht genug Bienen gibt. Dann wäre die Handbestäubung besser, als das, was die Natur zustande bring. Kann das sein? Was also passiert in der roten Parzelle ohne Bestäubung?

Forschung in der Uni und Bestäubung per Hand 

Handbestäubung eines Apfelbaumes
Aufwenig und teuer: Bestäubung per Hand. | Bild: SWR

An der Universität Freiburg ist Alexandra-Maria Klein Professorin für Naturschutz und Landschaftsökologie. Ihr Forschungsschwerpunkt: Wie kann Biodiversität, also die Vielfalt von Pflanzen und Tieren in Kulturlandschaften, dauerhaft erhalten werden? Das ist Grundlagenforschung. Welche Blüten bestäuben Honigbienen bevorzugt? Wie machen das im Vergleich die Wildbienen? Um herauszufinden, welche Art besser bestäubt, muss die Biologin schon mal die Haare der Bienen zählen. Denn an Haaren bleibt der Pollen kleben. Wildbienen sind hier die klaren Sieger. Diese Untersuchungen sind aufwendig und langwierig – wie unser Bestäubungsexperiment. Jetzt steht die Bestäubung per Hand an. Es werden Pollen gesammelt, an Bäumen, die nicht zum Experiment gehören. Damit werden die Blüten der isolierten Apfelbäume von Hand bestäubt.

Ganz in der Nähe steht ein Insektenhaus. Gleich mehrere solcher Häuser für Wildbienen hat Bauer Marschall am Rand seiner Plantage gebaut. "Die fliegen einfach noch mal zu anderen Zeiten als die Honigbienen", erzählt Prof. Alexandra-Maria Klein. "Die können oft bei schlechterem Wetter noch fliegen oder wenn es windiger ist. Und dann können sie die Bienen ergänzen."

Die Handbestäubung dauert pro Baum eine Stunde.- Mit dem Mindestlohn eines Erntehelfers gerechnet, würden auf der Plantage Mehrkosten von rund einer Million Euro entstehen. Wenn das ganze Bodenseegebiet mit Erntehelfern bestäubt werden müsste, wären es 382 Millionen Euro. 

Die Natur ist nicht zu schlagen

Apfelernte
Die reine Windbestäubung in der roten Parzelle brachte zu wenig Äpfel. | Bild: SWR

Bislang setzt Obstbauer Marschall besonders auf seine Honigbienen: "Ich bin von der Honigbiene überzeugt,“ sagt Obstbauer Markus Marschall, "die kommen halt in Massen. 10.000 Flugbienen fliegen jeden Tag raus, wenn das Wetter schön ist, wir haben 3.000 Bäume auf dem Hektar. Wenn sie nur auf die Bäume fliegen zum Befruchten, haben wir an jedem Baum drei Bienen. Und das reicht aus." Trotzdem ist es so, dass die Wildbienen viel mehr hin und her fliegen zwischen den Sorten. Deswegen sind die Wildbienen einfach auch ganz wichtig, sie sind effektiver pro Blütenbesuch.

Die Wochen vergehen. Es ist ein quälend heißer Sommer – von Regen keine Spur. Im September beginnt die Erntezeit. Wie sieht die Bilanz unseres Experiments aus? Die Handbestäubung hat zu extrem vielen Äpfeln geführt. Doch die meisten sind zu klein für den Markt und können nur noch zu Saft gepresst werden. Ein Verlust für Obstbauer Marschall.

In der roten Parzelle, ganz ohne Insekten- oder Handbestäubung, sind die Äpfel ziemlich groß. Es aber könnten paar Kilo mehr sein. Das Ergebnis: Die Handbestäubung brachte rund 70 Prozent mehr Ertrag – allerdings von schlechterer Qualität. Die reine Windbestäubung brachte zu wenig Äpfel – ein Minus von 30 Prozent. Die gelbe Parzelle war die beste – dort, wo die Insekten freien Zugang hatten. Die Bienen haben, zusammen mit den Wildbienen, das beste Ergebnis erzielt.Die Natur kann es eben doch am besten.

Stand: 28.08.2019 10:46 Uhr

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So, 07.10.18 | 04:35 Uhr
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Bayerischer Rundfunk
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