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Wildbienen – Die heimlichen Stars

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Wildbienen - Die heimlichen Stars | Video verfügbar bis 12.09.2020 | Bild: SWR
Eine Scherenbiene im Anflug auf Glockenblume.
Wildbienen gelten als besseren Bestäuber als Honigbienen im Bienenreich.  | Bild: Bilderfest GmbH

Das Bienensterben hat in den vergangenen Jahren Imker und Wissenschaftler alarmiert. Denn der Ausfall der Honigbienen kann bedeuten, dass viele Pflanzen nicht bestäubt werden und deshalb keine Früchte tragen. In einer "Bestäuberkrise", wie Forscher es nennen, setzen einige Experten auf so genannte Wildbienen, die sogar effizienter als die Honigbiene Blüten bestäuben.

5.000 Blüten am Tag

Tatsächlich haben die Wildbienen der Honigbiene einiges voraus: Viele Arten sind bereits früh im Jahr unterwegs und lassen sich auch durch kühles und dunkles Wetter nicht von ihrer Arbeit abhalten. Ihre Arbeit erledigen die Wildbienen mit großem Fleiß: Bis zu 5.000 Blüten bestäuben sie am Tag – das ist mehr, als jede Honigbiene schafft.

Und während Honigbienen meist immer denselben Baum oder dieselbe Pflanze anfliegen, suchen Wildbienen in der Regel verschiedene Pflanzen auf und verteilen so den Pollen einer Pflanzenart auf verschiedene Exemplare dieser Pflanze – das dient der genetischen Vielfalt. Forscher konnten sogar in einigen Studien zeigen, dass beispielsweise Himbeeren größere Früchte trugen, wenn sie von Wildbienen bestäubt wurden.

In Deutschland gibt es 550 Wildbienenarten

Hummelkönigin und Arbeiterinnen auf einer Wabe
Seit Mitte der 1980er-Jahre werden Erdhummeln gezielt zur Bestäubung von Tomatenpflanzen gezüchtet. | Bild: Bilderfest GmbH

Doch von den über 550 verschiedenen Wildbienenarten, die es in Deutschland gibt, findet sich fast die Hälfte (230) auf der roten Liste gefährdeter Tierarten. Genau wie bei der Honigbiene stehen Pestizide im Verdacht, auch die Wildbienenarten zu bedrohen. Die kleinen Insekten - die meisten Arten messen gerade einmal zwei bis ver Millimeter – sammeln die Pestizide mit dem Nektar und dem Pollen ein und indem sie  beides als Nahrung aufbereiten, konzentrieren sie auch die Giftstoffe der Pestizide immer mehr auf.

Doch gibt es noch andere Gründe für die Gefährdung vieler Wildbienenarten: In der aufgeräumten Agrarlandschaft finden sie immer weniger Nistplätze in Totholz und kleinen Halmen oder für Erdhöhlen, in denen die meisten Wildbienenarten ihre Eier ablegen.

Hummeln bestäuben Gewächshaus-Tomaten

1985 gelang es einem niederländischen Forscher und Züchter erstmals, Erdhummeln (Bombus terrestris) gezielt zu züchten. Seitdem werden Hummeln, die ebenfalls zu den Wildbienenarten zählen, weltweit beispielsweise bei der Bestäubung von Gewächshaustomaten eingesetzt, denn sie beherrschen die sogenannte "Bass-Pollination", also die Bestäubung durch ein starkes Vibrieren ihrer Flugmuskulatur. Dadurch rieselt der Pollen aus der Tomatenblüte und kann von den Hummeln auf andere Pflanzen übertragen werden. In kleinen Kartons werden die Hummeln an interessierte Tomatenzüchter verschickt. Darin befinden sich eine Königin und einige Arbeitshummeln als Gefolge.

Aufstand für männlichen Nachwuchs

Scherenbiene mit ihren Antennen und den Scheren
Scherenbienen sind ausschließlich auf Glockenblumen spezialisiert. | Bild: Bilderfest GmbH

Sobald die Hummeln im Gewächshaus Pollen und Nektar sammeln, wächst das Hummelvolk in der Pappschachtel auf bis zu 300 Insekten an – in ihrer Mitte die Königin. Sie gibt sich den Arbeitshummeln in der dunklen Schachtel über Pheromone, Duftstoffe, zu erkennen und bestimmt mit diesen Duftstoffen auch lange das Verhalten ihrer Arbeiterinnen. Das geht so lange gut, solange sie ausschließlich weibliche Tiere als Nachwuchs produziert. Wenn aber etwa ab dem Frühsommer auch männlicher Nachwuchs gebraucht wird, kommt es zum Aufstand im Hummelhaufen. "Dann", erklärt der Ulmer Wildbienenforscher Prof. Manfred Ayasse, "konkurriert die Arbeiterin mit der Königin um die Produktion von Männchen und das kann dazu führen, dass die Arbeiterinnen ihre Hummelkönigin töten und eine Arbeiterin die Herrschaft im Hummelhaufen übernimmt."

"Solitäre" Wildbienen

Anders als Staaten-bildende Hummeln oder auch die Honigbienen, leben die meisten Wildbienenarten "solitär". Das heißt, jede dieser Wildbienen kümmert sich allein um die Anlage eines Nestes für den Nachwuchs, das Sammeln von Pollen und Nektar, die Eiablage in den mit Nahrung vollgestopften Nisthöhlen und das sorgsame Verschließen der Nistkammern. Einige dieser Arten haben sich auf bestimmte Pflanzen spezialisiert. Die Scherenbiene beispielsweise fliegt ausschließlich die Blüten von Glockenblumen an.

Die Forscher der Uni Ulm versuchen am Beispiel der Scherenbiene herauszufinden, wie Wildbienen ihre bevorzugten Blüten erkennen. Klar ist, dass dabei die blaue Farbe der Blüten und deren Duft eine Rolle spielen. An beidem können Scherenbienen ihre Blüten erkennen – aber welche Duftstoffe dabei eine Rolle spielen und wie die jungen Scherenbienen lernen, dass nur die Glockenblumenblüte geeignet für sie ist, war lange unbekannt. Heute wissen die Forscher, dass es ein bestimmter Stoff ist, den nur die Glockenblume produziert, der die jungen Scherenbienen anlockt und den sie am Anfang ihres nur wenige Monate dauernden Lebens aufnehmen und mit der Glockenblume in Verbindung bringen. Erst damit lernen sie "ihre" Glockenblumen auch an anderen Duftstoffen zu erkennen.

Vielfalt hilft

Zwei Furchenbienenköniginnen begegnen sich in einem Versuchsröhrchen
In den dunklen Gängen ihrer Erdnester erkennen sich Furchenbienen an ihren Duftstoffen. | Bild: Bilderfest GmbH

Solche Grundlagenforschung, sagen die Ulmer Wildbienenforscher, ist notwendig, um überhaupt abschätzen zu können, was passiert, wenn beispielsweise einige Arten vollkommen verschwinden. Können dann andere Wildbienenarten deren Arbeit übernehmen und so die Bestäubung der Pflanzen sicher stellen, fragen sich die Forscher und zeigen sich vorsichtig optimistisch. Allein die Vielfalt der Wildbienenarten, die es jeder Art gestattet anders auf Herausforderungen der Umwelt zu reagieren, bietet gute Chancen, dass eine Wildbienenart für die andere einspringen könne.

Bis zu 60 Zentimeter tiefe Nisthöhlen

Wie flexibel Wildbienen reagieren können, zeigt sich an den unterschiedlichen Formen des Zusammenlebens bei sogenannten Furchenbienen, einer Wildbienenart. Während sie in Großbritannien als Solitärbienen leben, gibt es sie bei uns in Deutschland als Wildbienenvolk, also mit einer Königin und den Arbeiterinnen in ihren Erdhöhlen. Dabei heißen die Furchenbienen nicht so, weil sie in einer Erdfurche leben – das tun sie zwar tatsächlich, doch für ihren Namen ist eine Furche am Hinterteil ihres Körpers verantwortlich.

Wildbienen – die besseren Bestäuber?  | Video verfügbar bis 07.09.2020

In einem Landschaftsschutzgebiet zeigen uns die Forscher die winzigen Eingänge zu den bis zu sechzig Zentimeter tiefen Nisthöhlen, die sie sich in die Erde graben. Im Dunkel ihrer Höhlen erkennen sich die Furchenbienen an ihren Duftstoffen und können am Geruch auch feststellen, ob fremde Wildbienen ins Nest eindringen wollen und diese abwehren. Die Völker der Furchenbiene sind, wie die aller Wildbienenarten deutlich kleiner als Honigbienenvölker. Nur etwa 10 bis 80 Furchenbienen umfasst ein Volk. Bei Honigbienen können es bis zu 50.000 Bienen sein, die ein Volk bilden. Allein dieses Zahlenverhältnis zeigt, dass bei sogenannten Massentrachten, also beispielsweise auf großen Rapsfeldern, Honigbienen nach wie vor als Bestäuber gebraucht werden.

Rein zahlenmäßig sind die Wildbienen da unterlegen. Dennoch ist ihre Arbeit für die Bestäubung unschätzbar und sie können die Honigbienen zumindest teilweise als Bestäuber ersetzen, sagen die Ulmer Forscher. Besser also, man würde beide besser schützen, die Honigbienen und die Wildbienen.

Autor: Tilman Wolff (WDR)

Stand: 09.07.2019 08:51 Uhr