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Der Fluch der Neonikotinoide

PlayBiene mit Antenne
Der Fluch der Neonikotinoide  | Video verfügbar bis 12.09.2020 | Bild: SWR
Sprühen von Insektiziden
Neonikotinoide schaden Honig- und Wildbienen. | Bild: SWR

Neonikotinoide sind inzwischen die meistverkauften Agrargifte weltweit. Einst als besonders schonende Pflanzenschutzmittel gepriesen, warnen immer mehr Forscher davor, dass diese "NeoNics" verheerend auf Insekten wirken – und damit natürlich auch auf Honigbienen. 2013 hat die EU deshalb einige der Mittel verboten.

Wie wirken Pestizide?     

Honigbiene mit Transponderantenne
Mit Hightech dem Bienensterben auf der Spur. | Bild: SWR

Prof. Randolf Menzel ist einer der führenden Bienenforscher Deutschlands. Den Neurobiologen von der Uni Berlin interessieren die hochsensiblen Sinne der Bienen. Er stattet sie mit Transpondern aus, winzigen Antennen, mit denen der Wissenschaftler ihre Flugrouten verfolgen kann. Bienen können das Doppelte ihres Körpergewichts tragen, die Mini-Antenne ist also kein Problem. Radarschüsseln verfolgen alle Antennenträger genau.

Bienen, so schwärmt Randolf Menzel, verfügen über eine gewisse Intelligenz. Doch ihre Gedächtnisleistungen, ja sogar ihre Existenz, seien durch moderne Pestizide in Gefahr, sagt er. Im Bienenstock gebe es unter dem Einfluss dieser Gifte gravierende Veränderungen. Der Bienenforscher hat herausgefunden, dass Bienen unter dem Einfluss von Insektiziden nicht mehr über ihren Schwänzeltanz kommunizieren und in eine Art Lethargie verfallen. Die Brutpflege bleibe aus. Im Stock ist es zu kalt, es herrsche Chaos.

"NeoNics" sind besonders giftig

Maispflanze als Grafik
In der Not begnügen sich Honigbienen mit Maispollen. | Bild: SWR

Insektizide aus der Gruppe der Neonikotinoide wirken besonders verheerend auf Bienen. Sie sind für die Bestäuber rund 7.000 Mal giftiger als das Supergift DDT. Und "NeoNics" sind weltweit die am meisten verkauften Agrargifte. Beim Maisanbau werden inzwischen andere Substanzen eingesetzt, denn "NeoNics" sind hier zurzeit verboten. Doch noch immer werden Mais-Saatkörner mit einem roten Überzug aus Insektiziden gebeizt. Und der ist für Bienen gefährlich. Denn schon beim Säen wird giftiger Staub freigesetzt. Und immer wieder finden sich die roten Körner offen auf dem Acker. Sie kullern in Vertiefungen, die beim nächsten Regen geflutet werden.

Ein einziges Körnchen genügt, um das Pfützenwasser für Bienen giftig zu machen. Und auch in der Pflanze wirkt das Gift weiter. Weil Insektizide sehr gut wasserlöslich sind, verteilen sie sich mit dem Wachstum überall in der Pflanze. In Blättern, Wurzeln, den Blüten und selbst im Pollen. Insekten, die an der Pflanze nagen oder saugen, sterben. Bienen können die Gifte in ihren Stock tragen. Maispollen ist für Bienen zwar nicht besonders nahrhaft, aber bei Nahrungsmangel verfüttern sie auch den an ihre Brut.

Insektizide wirken wie Gehirndrogen

Prof. Randolf Menzel
Prof. Randolf Menzel: "Neonikotinoide schädigen das Gehirn der Bienen." | Bild: SWR

Ständig kommen neue Neonikotinoide zum Einsatz. Sie reichern sich an. In den Pflanzen und im Boden. Prof. Randolf Menzel interessiert besonders, was eine nicht tödliche Dosis des Gifts im Körper der Bienen anrichtet. Er fand heraus, dass unter der Einwirkung von kleinsten Dosen, Bienen die Orientierung und ihr Gedächtnis verlieren. Das Gehirn bricht regelrecht zusammen. Der Forscher vergleicht die Wirkung mit einem Vollrausch, bei dem wir unsere Sinne auch nicht mehr unter Kontrolle haben. Italienische Forscher konnten sogar direkt nachweisen, dass "NeoNics" das Immunsystem der Bienen ausschalten und so Viren und Bakterien Tür und Tor öffnen. Eigentlich harmlose Krankheiten werden zu Killern.

Diese bahnbrechende Erkenntnis wird auch vom wissenschaftlichen Rat der EU anerkannt. Von der verheerenden Wirkung der Neonikotinoide sind längst weit mehr Insekten als nur Honigbienen betroffen. Die haben ja immerhin noch die Imker, sagt Randolf Menzel. Er sorgt sich um Hummeln und andere Wildbienen, um die sich niemand kümmert und es gar nicht auffällt, wenn sie plötzlich verschwinden.

Was für eine Umwelt wollen wir?

Blumenwiese
Mehr natürliche Lebensräume sind gut für Bienen und Menschen. | Bild: SWR

Damit ist es auch eine Frage an die Gesellschaft: In welcher Umwelt wollen wir leben? In einer Umwelt, die auch Platz für Insekten hat? Die Platz bietet für natürliche Lebensräume ohne Agrargifte? Mit Hummeln, Wildbienen und anderen Insekten? Denn mit den Neonikotinoiden stehe das ganze Ökosystem auf dem Spiel, sagt Ökotoxikologe Dr. Werner Kratz. Eine Zusammenfassung von internationalen Studienergebnissen habe dies kürzlich aufgedeckt. Der Fachmann für Umweltgifte ist wissenschaftlicher Gutachter für die EU und im Beraterstab des Bundeslandwirtschaftsministers.

Immerhin: Ende Juli 2015 hat die Bundesregierung die Notbremse gezogen und Neonikotinoide in Deutschland weitgehend verboten. Das EU-weite Verbot wird allerdings Ende 2015 neu verhandelt. Befürworter und Kritiker haben sich bereits in Stellung gebracht und man darf gespannt sein, wie sich die Europäischen Politiker entscheiden.

Autor: Christoph Würzburger (SWR)

Stand: 11.09.2015 11:05 Uhr

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