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Kunststoff: Alternativen zu Erdöl gesucht

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Kunststoff: Alternativen zu Erdöl gesucht | Video verfügbar bis 01.09.2023 | Bild: NDR

In unserem täglichen Leben begegnen wir Kunststoffen praktisch überall: Leichtbau, Verpackungen, Haus- und Fahrzeugbau – viele Bereiche sind ohne sie kaum vorstellbar. Doch unser täglich Plastik wird zu 95 Prozent aus Erdöl hergestellt. Eine ungeheure Ressourcenverschwendung und Umweltbelastung. In Zukunft sollen nachwachsende Rohstoffe wie Holz, Mais, Zuckerrohr, Algen oder Kartoffeln als Grundstoff dienen. "Bio" sind solche Kunststoffe dadurch nicht automatisch. Fachleute sprechen von "biobasiert". Ob ein biobasierter Kunststoff auch biologisch abbaubar ist, entscheiden die Zusatzstoffe.

Nahrungsmittel für Kunststoffe?

Maisernte
Maisernte: Nahrung oder Rohstoff? | Bild: NDR

Technisch gesehen ließen biobasierte Kunststoffe sich aus Zuckerrohr, Mais oder Kartoffeln längst im großen Stil herstellen. Allerdings: Mindestens fünf Prozent der weltweiten landwirtschaftlich nutzbaren Anbauflächen wären nötig, um unseren gewaltigen Kunststoff-Hunger zu stillen. Nahrung oder Rohstoff – ein ethisches Dilemma. Es müssen also weitere Rohstoffquellen für Bioplastik erschlossen werden.

Vom Kaffeesatz zum Kunststoff

Computermäuse
Computermäuse aus "Kaffeesatz-Kunststoff" | Bild: NDR

In Hannover experimentieren Wissenschaftler am Institut für Biokunststoffe und Bioverbundstoffe mit Kaffeesatz. Allein in Deutschland fallen jährlich 500. 000 Tonnen an, eine wirtschaftlich nutzbare Menge. Kaffeesatz, so die Forscher, kann einem biobasierten Kunststoff anteilig bis zu 40 Prozent zugesetzt werden – und spart so landwirtschaftliche Anbaufläche. An der Hochschule Hannover im Institut für Biokunststoffe und Bioverbundstoffe werden testweise bereits Kaffeesatz-Computermäuse produziert. Sie sind kaffeebraun, denn nicht nur als Ausgangssubstanz, auch als biologischer Farbstoff taugt der Kaffeesatz.

Bio ist nicht gleich bio

Zusatzstoffe zur "Kunststoffveredelung"
Chemische Zusatzstoffe zur "Kunststoffveredelung". | Bild: NDR

Doch ganz bio ist auch die Kaffeeplastik-Maus nicht: Damit sie sich nicht schon nach wenigen Wochen zersetzt, sind chemische Zusatzstoffe nötig. Wird die Bio-Computermaus in heißes Wasser getaucht, entsteht dabei also kein neuer Kaffee. Der Gesetzgeber verlangt außerdem die Zugabe von Flammschutzmitteln. Diese stehen im Verdacht, die Umwelt zu schädigen. Zwar suchen Wissenschaftler auch dafür nach einem biologisch abbaubaren Ersatzstoff, bisher aber ohne Erfolg.

Je nach geplantem Einsatzzweck benötigen also auch die meisten Bio-Kunststoffe chemische Zusatzstoffe (Weichmacher, Farbstoffe, sonstige Additive), die nicht bio sind. Verwirrend sind die Begriffe allemal: biologisch, biobasiert, bioabbaubar.

Nur sehr wenige Bio-Kunststoffe sind biologisch abbaubar. Zumeist sind industrielle Kompostieranlagen nötig. Dadurch ist das Recyceln von Bio-Kunstoffen noch problematisch: Sie dürfen weder in die gelbe Plastik- noch in die grüne Bio-Tonne.

Was können wir tun?

Für den umweltbewussten Verbraucher bleibt nur ein Weg: Solange Bio-Kunststoffe in Konkurrenz zu Nahrungsmitteln stehen, chemische Zusatzstoffe benötigen und kaum recycelfähig sind, sollte Kunststoff soweit möglich vermieden werden. Häufig gibt es praktikable Alternativen. Diese sollte man fördern, indem man Hersteller und Handel explizit danach fragt – also Handlungs-Druck aufbaut. Und wenn es gar nicht anders geht: Plastik solange es geht nutzen und es dann verantwortungsvoll entsorgen.

Alternative Ansätze
Wissenschaftliche Einrichtungen weltweit sowie private Firmen entwickeln zurzeit interessante biobasierte Kunststoffe. Eine Auswahl:

Kunststoffe aus Holz
Die Firma "Tecnaro" aus Ilsfeld hat einen Prozess entwickelt, bei dem Holz verflüssigt wird. Es kann so in beliebige Formen gegossen werden. Der Prozess ist energieaufwendig und die Produkte haben ein recht hohes Eigengewicht.

Kunststoffe aus Pilzsporen
Die Firma "Ecovative" aus New York lässt Pilzsporen in einer gewünschten Verpackungsform keimen. Ausgewachsen kann der Pilz Styropor-Verpackungen ersetzen. Nach der Nutzung darf er auf den Kompost. Allerdings: Die Herstellung ist zeit- und energieaufwendig.

Kunststoffe aus Algen
Die französische Firma "Algo-Pack" aus St. Malo entwickelt Kunststoffe aus Algen. Die Ernte ist aufwendig, die Produkte haben eine grüne Farbe.

Kunststoffe aus Disteln
Die Firma "Novamont" aus Italien stellt aus Distelöl Plastiktüten her, die komposttierbar sind – ideal für den Biomüll. Disteln wachsen auf kargen Böden, die kaum landwirtschaftlich genutzt werden können. Andere anspruchslose Pflanzen weltweit sind ebenfalls denkbar.

Autor: Georg Beinlich (NDR)

Stand: 04.09.2018 21:54 Uhr

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