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Auf der Suche nach dem Birkhuhn

PlayZwei Birkhähne kämpfen mit aufgeplustertem Gefieder um Weibchen

Die Birkhuhnbalz ist spektakulär: Die Hähne plustern sich auf und gehen auf einander los. Jedes Frühjahr kämpfen sie so um ihre Weibchen. Doch der Anblick ist selten geworden, denn die Tiere sind vom Aussterben bedroht. Henning Werth vom Landesbund für Vogelschutz in Bayern e.V. kämpft seit vielen Jahren für das Überleben der großen Hühnervögel. Nur wenige Gebiete sind als Lebensraum geeignet. Die meisten liegen in den Alpen – wie etwa das Fellhorn im Allgäu. Am liebsten halten sich Birkhühner in Höhenlagen ab 1.400 Meter auf. Sie brauchen offene Wiesen für die Balz, niedrige Sträucher um sich zu verstecken und Bäume, auf denen sie schlafen können.

Birkhühner sind perfekt getarnt

Ein Mann steht vor einer Alpenlandschaft und schaut in ein Fernglas.
Mit Fernglas oder Spektiv macht sich Vogelexperte Henning Werth auf die Suche nach den Birkhühnern - eine Geduldsprobe.

Am Fellhorn hofft Henning Werth darauf, junge Birkhähne bei der Herbstbalz beobachten zu können. Jetzt im Herbst zeigen die alten Hähne den jungen die Plätze für die Balz und die jungen Hähne üben das Balzen. In der Nähe der Mittelstation der Fellhornbahn auf knapp 1.800 Meter Höhe beginnt Henning Werth die Suche. Mit Fernglas und Spektiv, einem speziellen Fernrohr, sucht er die Gegend nach Birkhühnern ab. Zuerst versucht er es am Scheidtobel – einem schmalen Streifen mitten im Wanderer- und Skigebiet, der seit 15 Jahren unter Naturschutz steht. Die Tiere zu finden ist nicht einfach, sagt Henning Werth: "Ein Birkhuhn auf der freien Wiese ist leicht zu erkennen, aber ein Birkhuhn im Baum ist praktisch unsichtbar. Eine Birkhenne im Baum ist nochmal schwieriger zu erkennen. Also es ist sehr viel Erfahrung erforderlich, um die Tiere tatsächlich zu finden."

Vogelexperten brauchen Geduld bei der Suche

Dem Vogelexperten bleibt nicht viel Zeit. Tagsüber verstecken sich die Birkhühner. Erst am späten Nachmittag kommen sie heraus und fressen Blaubeeren und Alpenrosenknospen. Etwa zweieinhalb Stunden Zeit bleiben, bis es dunkel wird. Bald findet er die erste Spur, die Feder eines Weibchens. Dann entdeckt er eine Sandbadestelle, gut versteckt im dichten Gebüsch mit Federn von Weibchen und Männchen. Jetzt ist für Henning Werth klar: "Hier gibt's beide Geschlechter, das heißt es lohnt sich hier weiter zu schauen, weil die Tiere wahrscheinlich auch irgendwo hier gebrütet haben." Und Bruterfolg ist es, was er gerne sehen würde – also, dass die hier lebenden Birkhühner in diesem Jahr Nachwuchs bekommen haben.

Ein Birkhuhn sitzt auf einem Baum
Auf Bäumen sind Birkhühner perfekt getarnt und kaum zu entdecken.

Doch Henning Werth hat an diesem Abend kein Glück – er findet kein Birkhuhn. Am nächsten Morgen ist er schon in der Dämmerung unterwegs. Es ist sechs Uhr morgens und kalt, um die null Grad Celsius. Von der Terrasse der Mittelstation aus späht Henning Werth ins Gelände. Und tatsächlich sieht er einen jungen Hahn. Er läuft über die Wiese. Aber er ist allein und er balzt auch nicht. Dann entdeckt er einen zweiten, diesmal ganz in der Nähe der Seilbahnstation. Und noch einen weiteren jungen Hahn, sowie eine Henne, die in einem Baum sitzt, sich putzt und frisst. Henning Werth ist zufrieden: "Positiv ist, es sind junge Hähne hier. Es gab Jahre, da hatten wir keinen einzigen jungen Hahn, kompletter Ausfall. Dieses Jahr scheint zumindest mal recht positiv gelaufen zu sein für die Birkhühner."

Naturschützer kämpfen um Erhalt des Hauptbrutgebiets

Am Fellhorn gibt es nur wenige Tiere – etwa 20 Hähne und ihre Hennen. Nur der ständige Austausch mit benachbarten Gebieten sichert das Überleben des Bestands. Doch 2016 war das Überleben der Birkhühner im bayerischen Alpenraum akut bedroht. Der Grund: Am etwa zwölf Kilometer vom Fellhorn entfernt liegenden Riedberger Horn – dem wichtigsten Brutgebiet des Birkhuhns im Allgäu – sollte eine neue Seilbahn gebaut werden. Bis dahin war das Riedberger Horn streng geschützt durch den Alpenplan. Dieser weist Schutzgebiete aus, die seit über 40 Jahren unverändert galten – neue Seilbahnbauten sind in diesen Schutzgebieten verboten. Nun sollten ausgerechnet im Hauptbrutgebiet der Birkhühner im Allgäu 80 Hektar aus der Schutzzone genommen werden. Als Ersatz sollten an anderen Stellen über 300 Hektar neue Schutzzonen eingerichtet werden. Für den Birkhuhnexperten Henning Werth eine absurde Idee: "Als könnten Birkhühner einfach umziehen!"

Der Bau der Seilbahn am Riedberger Horn hätte den Birkhühnern im Allgäu wohl so stark zugesetzt, dass ein Überleben der Art nicht sicher gewesen wäre. Doch der Widerstand von Naturschützern hat schließlich den Alpenplan und damit vermutlich auch das Birkhuhn gerettet. Henning Werth: "Der Alpenplan ist weiterhin ein wirklich vorbildliches Planungsinstrument. Viele Nachbarländer wären froh, wenn sie so ein ähnliches Instrument hätten. Wir sind sehr optimistisch, dass das Birkhuhn in Zukunft auch weiterhin vorkommen kann und vielleicht sogar durch gezielte Maßnahmen auch noch im Bestand sich vergrößert."

Strenge Schutzzonen sind für Birkhühner überlebenswichtig

Obwohl die Seilbahn am Fellhorn mitten im Birkhuhngebiet steht und die Wege der Wanderer durch das geschützte Gebiet am Scheidtobel führen, stören sich die Birkhühner daran nicht. Denn während der Betriebszeit der Seilbahn ist ihre natürliche Ruhezeit, in der sie sich im Gebüsch und unter den Bäumen verstecken. Wichtig ist jedoch, dass sich Wanderer und Skifahrer an Betretungsverbote halten, tagsüber nicht in die Ruhezonen eindringen, und dass morgens und abends im gesamten Gebiet Ruhe herrscht. Birkhühner brauchen ausreichend geschützte Gebiete, in denen das sicher gestellt ist. Nur wenn strenge Schutzzonen erhalten werden, kann das Birkhuhn überleben. Henning Werth wird weiter dafür kämpfen. 

Autorin: Susanne Delonge (BR)

Stand: 17.10.2019 11:17 Uhr

Sendetermin

Sa., 12.10.19 | 16:00 Uhr
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Norddeutscher Rundfunk
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