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Sepsis - Kampf mit den Spätfolgen

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Sepsis - Kampf mit den Spätfolgen | Video verfügbar bis 07.02.2020 | Bild: SWR
Adern im menschlichen Körper (Grafik)
Eine Blutvergiftung ist eine tödliche Gefahr. | Bild: HR

Blut ist ein ganz besonderer Saft. Es gelangt über die Blutgefäße und haarfeine Kapillaren in jeden Winkel unseres Körpers und versorgt ihn mit allen wichtigen Stoffen. Doch was passiert, wenn die besonderen Eigenschaften des flüssigen "Superorgans" zur tödlichen Gefahr werden? Wenn jeder Herzschlag gefährliche Keime in den gesamten Körper pumpt  und sich das Immunsystems gegen den eigenen Körper richtet?

Blutvergiftung: häufig, aber oft nicht erkannt

Die Rede ist nicht von einer seltenen Autoimmunerkrankung, sondern von der dritthäufigsten Todesursache in Deutschland: der Sepsis, auch Blutvergiftung genannt. Etwa 150.000 Menschen erkranken jedes Jahr daran, circa ein Drittel der Patienten sterben an den Folgen. Das sind 150 Menschen pro Tag.

Geschichte einer Sepsis

Silvana Schumann
Silvana Schumann - Die Sepsis hat ihr Leben verändert | Bild: HR

Silvana Schumann hat eine Blutvergiftung zwar überlebt, doch mit den Spätfolgen kämpft sie noch heute. Alles beginnt bei ihr im Sommer 2008 mit grippeähnlichen Symptomen: Sie hat hohes Fieber, Schmerzen und starken Husten. Sie sucht Hilfe beim ärztlichen Notdienst. Doch die diensthabende Ärztin untersucht sie nur unzureichend und schickt sie mit zwei Schmerztabletten und einer Überweisung zum Hals-Nasen-Ohren-Arzt nach Hause.

Silvana Schumann geht es stündlich schlechter. Zwei Tage lang quält sie sich mit immer schlimmeren Schmerzen. Der Grund: Eine Blutvergiftung wütet in ihrem Körper. Auslöser ihrer Sepsis sind vermutlich Bakterien in der Lunge, die ihr Immunsystem nicht unter Kontrolle bekommt. Die Bakterien vermehren sich massenhaft und produzieren Giftstoffe. Diese wiederum verteilen sich im Blut, gelangen über die Blutbahnen in alle Organe und lösen dort heftige Entzündungen aus. Das bereitet Silvana Schumann schreckliche Schmerzen. Schließlich hält sie es nicht mehr aus und ruft ihre Mutter an, die sofort den Rettungsdienst alarmiert. Die Sanitäter erkennen die bedrohliche Situation: Silvana Schumann muss sofort ins Krankenhaus. Sie schwebt in akuter Lebensgefahr.

Bakterien in der Lunge
Sepsis-Auslöser: Bakterien in der Lunge | Bild: HR

Die Ärzte versuchen, den Auslöser der Sepsis zu finden. Silvana Schumann wird notoperiert. Dabei reißt ihre extrem entzündete und geschwollene Leber. Die Blutung ist fast nicht zu stoppen. Die Ärzte kämpfen um das Überleben von Silvana Schumann, versetzen sie in ein künstliches Koma, damit der Körper wegen der schweren Entzündungen und der Schmerzen entlastet wird. Um die Entzündungen zu bekämpfen, bekommt sie ein Antibiotikum. Doch das wirkt bei Silvana Schumann nicht. Die Entzündung gerät außer Kontrolle. Es kommt zum septischen Schock. Ihre Überlebenschance sinkt auf 40 Prozent.

Endstadium septischer Schock

Septischer Schock: Der Organismus vergiftet sich selbst
Septischer Schock: Der Organismus vergiftet sich selbst | Bild: HR

Beim septischen Schock wendet sich das Immunsystem gegen den eigenen Körper. Die eigentlich hilfreichen Mechanismen, die dazu da sind, Bakterien abzuwehren, geraten außer Kontrolle: Denn bei einer fortgeschrittenen Sepsis überschwemmen so viele Bakterien den Körper, dass das Immunsystem auch riesige Mengen Abwehrstoffe freisetzt. Und diese produzieren Gifte, die in diesen Mengen die Blutgefäßwände schädigen. Durch die geschädigten Blutgefäße kann Flüssigkeit aus dem Blut ins Gewebe gelangen. Das Blut verdickt sich und kann seine Aufgaben des Sauerstoff- und Nährstofftransportes nicht mehr erfüllen: Die Organe versagen ihren Dienst.

Silvana Schumann hat nur noch eine Chance. Die Ärzte müssen die Entzündung stoppen. Sie kombinieren zwei weitere Antibiotika. Und die wirken endlich gegen die Bakterien. Erst nach mehreren Wochen erwacht Silvana Schumann aus dem Koma. Doch es ist nichts mehr wie vorher:  "Ich habe relativ schnell gemerkt, dass ich ganzkörperlich gelähmt war. Ich konnte auch nicht sprechen, aufgrund des Luftröhrenschnitts. Und das war für mich eine Hilflosigkeit. Ich habe mich hilflos, ausgeliefert gefühlt.“

So wie ihr geht es vielen Überlebenden eines septischen Schocks. Die erste Reaktion ist oftmals pure Verzweiflung. Silvana Schumann erinnert sich: "Ich habe damals meine Eltern durch Mundbewegungen gebeten, dass sie einfach die Geräte abschalten und mich sterben lassen."

Kein Einzelfall

Solche schlimmen Fälle möchte Prof. Frank Brunkhorst vom Universitätsklinikum in Jena in Zukunft verhindern. Er hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht, die Sepsis zu erforschen, über sie zu informieren und Betroffenen zu helfen. Brunkhorst fordert, dass die Früherkennung verbessert wird. Denn er schätzt, dass die Sepsis bei einem Drittel der Patienten anfangs nicht erkannt wird. Und das hat immer dramatische Folgen: "Wir verlieren Zeit und wir verlieren immer mehr Organe. Wir verlieren ganze Organe, die Niere, die Lunge. Insofern ist hier jede Minute wichtig. Es gibt kaum eine Erkrankung, bei der es so relevant ist, schnell zu handeln.“

Mühsamer Neubeginn

Prof. Frank Brunkhorst
Prof. Frank Brunkhorst vom Universitätsklinikum in Jena erforscht die Sepsis. | Bild: HR

Silvana Schumann entscheidet sich schließlich doch für das Leben. Mühsam erobert sie sich jede einzelne Bewegung zurück. Heute, sieben Jahre später, versucht sie, ein halbwegs normales Leben zu führen. Doch die Spätfolgen sind gravierend: "Die Organe tun teilweise weh, die Sehnen, die Muskeln, die Gelenke, ich habe Kopfweh, Migräne, Ohrensausen, Augenflimmern. Das ist das eine. Das andere sind dann noch die Konzentrationsstörungen", erzählt sie,

Prof. Brunkhorst erforscht die heftigen Spätfolgen, mit dem Ziel, den Betroffenen helfen zu können: "In Abhängigkeit von der Komadauer, die von einer Woche bis hin zu drei, vier Monaten betragen kann, treten Schädigungen bestimmter Neurone im Gehirn auf. Ausgelöst durch Sauerstoffmangel, durch Blutdruckabfall, durch Übertritt von entzündlichen Stoffen aus dem Blut in das Gehirn direkt, die schädigend wirken."

Wie Silvana Schumann, leiden viele ehemalige Sepsis-Patienten ihr ganzes Leben lang an den Spätfolgen. Um sie zu unterstützen, hat Prof. Frank Brunkhorst die Deutsche Sepsis-Hilfe gegründet. Er berät Patienten auch persönlich, denn er weiß: Sie leiden nicht nur körperlich, sondern auch mental. Silvana Schumann kann sich nur wenige Minuten konzentrieren, ihr Kurzzeitgedächtnis ist geschädigt und sie ist extrem vergesslich. Einen normalen Alltag oder gar ein normales Arbeitsleben kann sie nicht mehr führen.

Dankbar für das Leben

Silvana Schumann
Silvana Schumann kämpft sich zurück ins Leben. | Bild: HR

Silvana Schumann ist trotz allem froh, überlebt zu haben. Sie hat ein Buch geschrieben, um ihre Erfahrungen weiter zu geben und hofft, damit anderen Menschen helfen zu können. Sie gibt nicht auf. Ihr Hund Lucky, ihr treuester Freund, ist ihr dabei eine große Hilfe.

Wie erkenne ich eine Sepsis?

Eine Sepsis zu erkennen, ist nicht einfach, da die Symptome häufig einer Grippe oder anderen Infektionskrankheiten ähneln. Wenn folgende Symptome, bzw. einige von ihnen gemeinsam auftreten, ist das ein deutlicher Hinweis auf eine Sepsis:

- Fieber über 38 Grad oder Untertemperatur unter 36 Grad
- plötzliche Verwirrtheit
- erhöhter Puls
- niedriger Blutdruck
- beschleunigte Atmung
- blasses und grau-fahles Aussehen

Der Patient muss schnellstmöglich im Krankenhaus behandelt werden.

Buch-Tipp
Silvana Schumann:

Nahtoderfahrung einer Komapatientin - Erfahrungsbericht hautnah
Kindle Edition

Autorin: Anja Galonska (hr)

Stand: 06.02.2015 15:21 Uhr